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Kind und Ehrenamt : Abschied von den Stöckelschuhen

Kind und Ehrenamt: Das treibt Heike Maria von Joest heute um Bild: Matthias Lüdecke / F.A.Z.

Heike Maria von Joest hatte sich in einer Männerdomäne durchgesetzt. Doch mit ihrer Vorstellung von der Mutterrolle war das Leben als Managerin nicht mehr vereinbar. Ihre Erfüllung findet sie heute in einer ehrenamtlichen Tätigkeit.

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          Plötzlich blieb das Handy still. Keine Verbandsfunktionäre mehr, die Inhalte kommender Sitzungen besprechen wollten, keine Anfragen der Pressestelle mehr, ob dieser oder jener Interviewtermin nicht doch noch einmal verlegt werden könne. Die tägliche Routine der vergangenen drei Jahre, einfach weggewischt. Für eine Frau, deren Wochenarbeitszeit bislang eher 60 als 36 Stunden betragen hat, ist es eine völlig neue Herausforderung, auf einmal nichts zu tun. Oder bestenfalls zu warten.

          Sven Astheimer
          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          „Aber ich hab's ja so gewollt“, sagt Heike Maria von Joest heute und lacht, wenn sie an das Frühjahr 2008 zurückdenkt. Im März hatte sie ihre Tätigkeit als Hauptgeschäftführerin des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall beendet. Dann begann der gesetzliche Mutterschutz und die Zeit des rastlosen Wartens. Fit sein, aber keine richtige Aufgabe mehr haben - „ich wusste plötzlich, wie sich mancher Ruheständler fühlt“, sagt sie. Am meisten habe ihr in dieser Phase das Vorzimmer gefehlt, die guten Geister, die die vielen Alltäglichkeiten zu organisieren helfen. Im April wurde dann schlagartig alles anders. Denn dann kam Philip. „Und was vorher war, verlor sofort an Bedeutung.“

          In der Männerdomäne durchgesetzt

          Den distanzierten Betrachter mag es zunächst verwundern, dass ausgerechnet eine Frau wie Heike Maria von Joest die Themen Beruf und Familie nicht unter einen Hut zu bringen vermag, dass sie die Karriere dem Kind zu opfern scheint. Solch eine Karriere! Heike Maria Kunstmann, wie sie damals noch hieß, hatte sich in einer Männerdomäne durchgesetzt. Die temperamentvolle Betriebswirtin war mehr als zehn Jahre lang in verschiedenen Führungspositionen für den Münchner Automobilzulieferer Knorr Bremse erfolgreich, ehe sie der einflussreiche Präsident Martin Kannegiesser zur ersten Frau an der Spitze von Gesamtmetall und damit zur Repräsentantin von 6300 Unternehmen mit mehr als 2 Millionen Beschäftigten machte. Gibt man so eine Stellung auf?

          Ja, sagt die 43 Jahre alte von Joest noch immer voller Überzeugung. Zu diesem Entschluss sei sie ziemlich schnell gekommen, nachdem sie von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte. Zusammen mit ihrem Mann, der in der Private-Equity-Branche tätig ist, habe sie sich viele Gedanken über den Erziehungsansatz gemacht. „Das ist die persönlichste Entscheidung, die eine Familie überhaupt treffen muss“, findet sie im Rückblick. Familie von Joest entschied sich dafür, ihrem Sohn im Kleinkindalter möglichst viel Vertrauen durch Nähe zur Mutter schenken zu wollen. Deshalb sei ihr rasch klargeworden, „dass ich einer solch außergewöhnlichen Management-Position nicht von 8 bis 17 Uhr gerecht werden würde. Das wäre auch mit meinem eigenen Anspruch an meine Arbeit nicht vereinbar gewesen.“ In etwas weniger exponierten Führungspositionen gehe das durchaus, sie habe genügend solcher positiver weiblicher Biographien in der Metall- und Elektroindustrie kennengelernt. Eine Eigenschaft sei ihr in dieser Phase wieder einmal zugutegekommen: „Ich hatte nie Angst vor dem Sprung gehabt.“ Das Elterngeld sowie eine Tagesmutter, die ein paar Stunden in der Woche kommt, erleichterten die anschließende Landung zusätzlich, gibt von Joest offen zu.

          Die High Heels mussten weichen

          Ihr heutiges Erscheinungsbild ist anders. Die Haare sind deutlich kürzer geworden und nicht mehr blond. Wieder so eine symbolische Handlung wie damals im Studium, als sie nach einer verpatzten Klausur die Schere ansetzte und sich und ihrer Umwelt damit ein Zeichen setzte, die Aufgabe nun ernst zu nehmen? Nein, die Frisur sei nur wesentlich praktischer mit einem kleinen Kind und die Haarfarbe ihre natürliche. Gedankengänge, die Millionen junger Eltern sofort nachvollziehen können. Auch mussten die High Heels durchgehend flachen Absätzen weichen.

          Weil Philip es schon mit einem Dreivierteljahr verkraftete, wenn Mama mal für ein paar Stunden aus dem Blickfeld verschwand, tat sich für Heike Maria von Joest früher als erwartet wieder etwas freie Zeit auf. Jedoch nur so lange, bis sie das Angebot erreichte, ehrenamtlich die Bürgerstiftung Berlin zu leiten. Schnell weckte die Organisation, für die sich auch Altbundespräsident Richard von Weizsäcker und Wolfgang Thierse engagieren, ihr Interesse. Die Stiftung will vor allem den Bildungszugang für Kinder aus benachteiligten Familien verbessern. Doch die Mittel sind knapp. Dies zu ändern ist eine Herausforderung, an der die Managerin Gefallen fand. Das Stiftungsvermögen von 300.000 Euro solle in eine neue Dimension wachsen, erklärt sie voller Elan, Faktor 10 schwebt ihr vor. Sie betreibt deshalb Fundraising, wirbt Spenden ein, optimiert Prozesse in der Stiftung und spricht mit den Mitarbeitern Ziele ab. „Ich habe die gleich mit der gesamten Dosis überzogen.“

          Auch das Ehrenamt fordert ein Arbeitspensum von fünf Stunden am Tag. „Aber die teile ich mir ein, wie ich will“, sagt von Joest. Da werden die E-Mails schon mal morgens um sechs gecheckt. Aber wenn anschließend mit Philip gefrühstückt wird, herrscht Arbeitsverbot, „da kann die Welt drum herum einstürzen“.

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