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Erfolgreich Reden halten : So klappt’s auch mit dem Vortrag

Vortrag vor einem leeren Saal: Damit das nicht passiert, sollte sich der Redner die Kernbotschaft vor dem Vortrag klar machen. Bild: Picture-Alliance

Ob internes Meeting oder öffentliche Veranstaltung – wer Karriere macht, muss vor Publikum reden können. Die gute Nachricht lautet: Das kann man lernen.

          5 Min.

          Ausgerechnet Chris Anderson hält sich selbst nicht gerade für den geborenen Redner. Er sage zu oft „äh“ und „mh“, spreche zu leise oder zu abstrakt, und dann sei da noch sein schräger englischer Humor – nicht die beste Ausgangssituation also, findet er. Und doch hat er es geschafft, in einem wichtigen Moment in seinem Leben sein Publikum zu überzeugen: Im Jahr 2002 übernahm er von seinem Vorgänger die Leitung der inzwischen fast legendären Ted-Konferenz. Heute begeistern viele der 18-minütigen Vorträge zu den Themen Technik, Unterhaltung und Design Millionen Menschen auf Youtube – damals aber handelte es sich noch um eine lediglich einmal im Jahr in Kalifornien stattfindende Veranstaltung, und die stand kurz vor dem Aus.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Am letzten Tag der Konferenz hatte Anderson eine Viertelstunde Zeit, um die Teilnehmer zu überzeugen, sich auch für das nächste Jahr wieder Karten zu kaufen, erinnert er sich in seinem Buch „Ted Talks – Die Kunst der öffentlichen Rede“. Im Nachhinein würde er vieles anders machen, schildert er, doch er hatte eine klare Botschaft, und mit der schaffte er es, die Leute mitzureißen. Heute werden in Städten auf der ganzen Welt Ted-Talks gehalten. Andersons Lehre aus seiner Erfahrung: „Bei einem Vortrag kommt es nicht auf Selbstbewusstsein, Bühnenpräsenz oder Wortgewandtheit an. Es zählt nur eins: dass Sie etwas zu sagen haben.“ Das dürfte eine gute Nachricht sein für alle, die ungerne vor anderen Menschen sprechen, in ihrem Berufsleben früher oder später aber nicht mehr drum herumkommen. Ob es der Vortrag ist beim Meeting mit den Kollegen, eine öffentliche Veranstaltung oder die Rede beim Firmenjubiläum: Wer Karriere macht, sollte für solche Situationen gewappnet sein. Wie man es schafft, sie nicht nur zu überstehen, sondern seine Zuhörer in den Bann zu ziehen, dazu haben wir einige Tipps zusammengestellt.

          Selbst er zweifelt: Auch Ted Talk-Veranstalter Chris Anderson hat an seinem Redestil etwas auszusetzen.

          Wer sitzt im Publikum?

          Sie kennen das sicher: Da steht jemand auf der Bühne, redet viel und lange, nennt alle möglichen Details und Statistiken – und am Ende fragen Sie sich, was er Ihnen eigentlich sagen wollte. „Erstaunlich viele Menschen machen sich keine Gedanken, was sie ihren Zuhörern mit auf den Weg geben wollen“, sagt der Kommunikationsberater Michael Gerharz. „Oft wissen sie nicht einmal, wer da überhaupt im Publikum sitzt.“ Was nicht nur aus seiner Sicht häufig zu kurz kommt, ist folgender Gedanke: Wenn sich Menschen extra versammeln, um Ihnen zuzuhören, schenken sie Ihnen etwas sehr Wertvolles: ihre Zeit – nutzen Sie sie sinnvoll.

          Der erste Schritt sollte daher sein, dass Sie sich überlegen, was Ihre Botschaft ist. Woran sollen sich die Leute im Saal erinnern, wenn sie abends nach Hause kommen und gefragt werden, wie es war? „Wenn man es schafft, seine wichtigste Aussage möglichst präzise und in wenigen Worten zusammenzufassen, ist schon viel erreicht“, sagt Gerharz. Ähnliches gilt für die Präsentation vor Kollegen: Auch hier reicht es nicht, Zahlen und Statistiken zu referieren. Überlegen Sie sich, worauf Sie hinauswollen! Brauchen Sie mehr Geld für Ihre Abteilung? Wollen Sie ein Projekt vorantreiben? Werden Sie sich zuerst hierüber klar – und bauen Sie drum herum Ihre Argumentation auf.

          Gedächtnis der Zuhörer ist begrenzt

          Ob es um Krebsmedizin geht, um archäologische Funde, Psychologie oder höhere Mathematik: Wer Fachmann ist auf seinem Gebiet, weiß viel und kann sich von einzelnen Aspekten und Details oft nur schwer trennen. Doch ein roter Faden trage nicht unendlich viele Gedanken, warnt Ted-Veranstalter Chris Anderson. Sein Rat: „Versuchen Sie auf keinen Fall, Ihren Vortrag auf die vorgegebene Zeit zu trimmen, indem Sie alles hineinquetschen und ihn dann einfach zusammenkürzen.“ Lieber solle man die Zahl der Punkte reduzieren, die man machen will. „Damit sprechen Sie zwar über weniger, aber die Wirkung wird größer.“ Auch Berater Gerharz ist überzeugt, dass viele Vortragende sich nicht bewusst machen, wie schwer es für die Zuhörer ist, ihnen zu folgen – zumal wenn das Thema neu für sie ist. „Man muss sich bewusst sein, dass nach dem Vortrag niemand 30 Folien mit je sechs Stichpunkten wiedergeben kann.“

          Schwank aus dem eigenen Leben

          Die besten Vorträge sind die, in denen der Redner es schafft, eine Beziehung zu seinem Publikum aufzubauen. Das kann schon gelingen, indem Sie sich einen Moment Zeit nehmen und Blickkontakt zu einigen Zuhörern herstellen. Noch mehr Wirkung aber wird es haben, wenn Sie eine Geschichte erzählen, vielleicht sogar aus Ihrem eigenen Leben. Das wird nicht nur dazu führen, dass die Menschen Ihre Argumente besser behalten – Sie wirken auch überzeugender. Die Psychologin Eleanor Longden beispielsweise sprach einmal öffentlich darüber, wie sie während ihres Studiums plötzlich Stimmen im Kopf hörte und als schizophren diagnostiziert wurde. Die Menschen im Saal lernten so nicht nur viel über psychische Krankheiten. Longden ging es darum, dass sie ihre eigene Reaktion auf solche Erkrankungen überdenken. Nun muss es nicht immer gleich ganz so persönlich werden. Doch Fachleute sind überzeugt: Schon ein kleiner Schwank aus dem eigenen Leben kann Wunder bewirken.

          Komik zum Einstieg als Eisbrecher

          Wie man das Publikum zum Einschlafen bringt, noch bevor man richtig losgelegt hat, wusste Kurt Tucholsky schon im Jahr 1930. Damals veröffentlichte er unter einem Pseudonym einen Artikel mit der Überschrift „Ratschläge für einen schlechten Redner“. Sein Vorschlag für einen Einstieg:

          „Meine Damen und meine Herren! Bevor ich zum Thema des heutigen Abends komme, lassen Sie mich Ihnen kurz ...“

          Tucholskys Rat ist natürlich ironisch zu verstehen: Von genau solch einem ersten Satz will er abraten, und das aus gutem Grund. Ob die Leute neugierig werden und Lust haben, weiter zuzuhören, ob sie wegnicken oder ihr Smartphone zücken: All das entscheidet sich schon nach wenigen Sätzen. Ein Beispiel gefällig? Die amerikanische Komikerin Maysoon Zayid, die unter Bewegungsstörungen leidet, trat zitternd vor ihr Publikum und begann mit den Worten: „Ich bin nicht betrunken, aber der Arzt, der mich zur Welt gebracht hat, war betrunken.“ Die volle Aufmerksamkeit des ganzen Saals war ihr sofort sicher. Nun gilt auch hier: Solch ein Auftritt verlangt Mut und bietet sich ohnehin nicht immer an. Doch Sie sollten sich bewusst sein, dass Sie nur eine Chance haben, Ihre Zuhörer zu packen – und sei es durch eine interessante These, eine ungewöhnliche Frage oder ein spektakuläres Bild.

          Der Schluss muss ins Mark gehen

          Wie Sie Ihre Rede, Ihren Vortrag, Ihre Präsentation beenden, entscheidet maßgeblich darüber, wie Ihre Zuhörer Sie in Erinnerung behalten. Auch hier sollten Sie sich also genau überlegen, was Sie sagen wollen, damit Sie sich nicht in Worthülsen verlieren wie: „Damit komme ich zum Schluss.“ Oder: „Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.“ Der letzte Satz müsse richtig ins Mark gehen, sagt Kommunikationsberater Gerharz. Denkbar sei, mit einem Appell zu enden, mit einem Versprechen, auch mit einer Frage. Beispiel gefällig:

          „Also seien Sie sich bewusst, was Sie unserer Natur jeden Tag antun.“

          „Schenken Sie mir Ihre Stimme.“

          „Investieren Sie in unser Start-up.“

          Sie können auch Ihre Kernaussage noch einmal auf den Punkt bringen oder eine Klammer schaffen zu Ihrem Einstieg – Hauptsache, Sie machen sich einen spannenden Vortrag nicht durch ein schwaches Ende wieder kaputt.

          Anschaulich zum Punkt kommen

          Noch so eine Herausforderung, vor der Fachleute auf ihrem Gebiet stehen: Es fällt ihnen schwer, sich verständlich auszudrücken. Man spricht auch vom „Fluch des Wissens“, wenn jemand sich nicht mehr vorstellen kann, wie es war, als man selbst noch nicht durchdrungen hatte, worüber man heute selbstverständlich in aller Öffentlichkeit spricht. Also: Machen Sie sich bewusst, dass Ihr Thema für die Menschen, die vor Ihnen sitzen, möglicherweise komplett neu ist. Das bedeutet nicht, dass Ihr Thema nicht komplex sein darf. Wichtig ist aber, dass Sie in einfachen Sätzen sprechen und Abkürzungen und Fachausdrücke vermeiden – zumindest, wenn Sie nicht gerade auf einer Fachtagung sprechen. Bauen Sie auch immer wieder Beispiele und sprachliche Überleitungen ein, damit jeder im Saal weiß, an welchem Punkt Ihrer Argumentation Sie gerade sind. Wenn die Leute Ihnen nicht mehr folgen können, haben Sie sie verloren.

          Powerpoint in kleinen Dosen

          Das dürfte jeder schon mal erlebt haben: Eine schaurige Powerpoint-Präsentation mit viel zu vielen Folien, viel zu viel Text, unterschiedlichen Schrifttypen, unverständlichen Grafiken und verpixelten Bildern. „Death by powerpoint (and how to fight it)“ – zu Deutsch: „Tod durch Powerpoint (und wie man ihn verhindern kann)“, heißt eine der weltweit bekanntesten Präsentationen des russischen Beraters Alexei Kapterev. Er will damit nicht sagen, dass man für seinen Vortrag keine Folien verwenden darf. Er plädiert aber dafür, dass man sich gut überlegen sollte, wofür man sie einsetzt. Was nach Ansicht vieler Fachleute sogar kontraproduktiv ist, sind Folien, die die wichtigsten Aspekte stichwortartig zusammenfassen. Gerharz sagt: „Die Menschen fangen automatisch an zu lesen, und niemand hört Ihnen mehr zu.“ Besser ist es – wenn überhaupt – vereinzelt, Bilder, Videos oder leicht verständliche Statistiken an die Wand zu werfen, die zum besseren Verständnis des Themas beitragen. Ted-Veranstalter Chris Anderson sagt sogar: Ein Drittel der beliebtesten Ted-Vorträge kommt sogar ohne jedes technische Hilfsmittel aus.

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