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Karrieresprung : Versprochen - gebrochen

  • -Aktualisiert am

Dass Bewerber schon mal den eigenen Lebenslauf runder machen, darüber klagt so mancher Personaler. Doch gehübscht und übertrieben wird nicht nur auf Bewerberseite. Auch viele Jobs halten nicht, was der Chef im Vorfeld versprochen hat.

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          Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sollte ein Teil ihres Aufgabengebiets als Leiterin eines Fortbildungszentrums für Ärzte sein, hieß es in den Vorgesprächen. Bettina Weber*, die hier ihr PR-Know-how aus vorherigen Tätigkeiten einbringen und weiter ausbauen wollte, griff zu und unterschrieb den Arbeitsvertrag. Doch bald war klar: Etwas anderes als klassische Verwaltungsprosa zu formulieren a la „mit Bezug auf Ihr Schreiben vom“, war für sie nicht vorgesehen. Die Öffentlichkeitsarbeit behielt sich wie eh und je der Vorstand vor. Eine Änderung der Zuständigkeiten war nie vorgesehen.

          Dass Bewerber im Vorstellungsgespräch schon mal den eigenen Lebenslauf runder machen, darüber klagt so mancher Personaler. Vor allem was die Verantwortung und das Aufgabengebiet im letzten Job betrifft, wird gerne geschwindelt, ergab eine internationale Umfrage der Robert Half Personalberatung unter rund 1200 Personalmanagern. Ein Drittel der Bewerber nimmt es hier mit der Wahrheit nicht so genau, gut ein Fünftel der Kandidaten tragen bei ihren Managementfähigkeiten zu dick auf.

          Doch gehübscht und übertrieben wird nicht nur auf Bewerberseite, wie jüngst eine Leserumfrage der Zeitschrift Computerwelt bestätigte. Statt des als Firmenwagen versprochenen Mittelklassemodells fand etwa eine IT-Vertriebsexpertin bei Arbeitsantritt nur einen Kleinwagen vor, die in Aussicht gestellte variable Vergütung war längst abgeschafft, die auf Nachfrage mit der regen Reisetätigkeit der Kollegen begründeten leeren Schreibtische, die ihr bei der Bürobesichtigung aufgefallen waren, entpuppten sich im Nachhinein als Folge von bereits länger zurückliegenden Entlassungen. Als hohles Versprechen erwiesen sich auch die Ankündigung eines IT-Beratungshauses, dass ein Umzug an den Firmensitz nicht nötig sei, da sämtliche Hotel- und Reisekosten von den Projekten getragen würden. Wie sich herausstellte, mussten die neuen Mitarbeiter doch die Umzugskisten packen, da die Reise- und Hotelkosten nur für auswärtige Projekte, nicht für die am Firmensitz übernommen wurden.

          Gern gelegte Köder

          Skepsis ist immer dann angebracht, wenn Auslandseinsätze in Aussicht gestellt werden. „Entwicklungspfade festzulegen, ist für jedes Unternehmen schwer, ein bisschen Flexibilität muss man da schon mitbringen. Aber auf Sätze wie „wenn alles gut läuft, gehen Sie in zwei Jahren zur Tochter in die USA“ sollte man sich nicht verlassen,“ sagt Jürgen van Zwoll, Partner bei der Personalberatung Odgers Berndtson. Gleiches gilt für Aussagen über berufliche Weiterqualifizierungsmöglichkeiten, etwa wenn eine spätere MBA-Ausbildung in Aussicht gestellt wird. Wer darauf wirklich Wert legt, sollte sich dies als Teil des Arbeitsvertrags schriftlich bestätigen lassen, rät Personalberater van Zwoll. „Falls sich der Arbeitgeber hier sträubt, würde ich mir überlegen, ob ich den Job tatsächlich antrete.“

          Gekniffen wird gerne auch bei einer realistischen Darstellung dessen, was den Kandidaten tatsächlich erwartet. Kritische Aspekte, etwa dass die angekündigte Reisetätigkeit und die notwendigen Kundenbesuche überwiegend in die Provinz und nicht nach Berlin, London oder New York führen oder Ärger mit Hauptkunde X programmiert ist werden ungern thematisiert. „Was in Bewerbungsgesprächen oft fehlt, ist ein realistisches Bild des Arbeitsalltags. Mögliche Schattenseiten werden oft ausgeblendet - und das, obwohl es auch im Unternehmensinteresse liegt, einen beidseitigen offenen Abgleich zwischen Person und Job herzustellen“, sagt Andreas Frintrup, Geschäftsführer des Persönlichkeitstestsentwicklers S&F Personalpsychologie.

          Schluss mit dem alten Rollenspiel

          Ist bewusste Täuschung im Spiel, hilft kritisches Nachhaken wenig. Doch nicht selten wird auch das eigene Bauchgrummeln, das sich bei flotten Sprüchen über das „unkomplizierte Klima“ oder den gesuchten „frischen Wind“ einstellt, bewusst und gerne überhört. Wer wechseln will, will oft gar nicht so genau wissen und begnügt sich schnell mit Floskeln und smarten Marketingstories. „Stellen Sie mehr Fragen, auch kritische Fragen“, fordert Siegfried Baumeister, Personalleiter des Automobilzulieferers Voss daher ein „emanzipiertes“ Verhalten auch auf Bewerberseite. „Das Bewerberrollenspiel - hier der sich andienende Bewerber, dort der auswählende Personalchef - taugt heute nicht mehr.“

          Wie sehen Beispiele für Karrierepfade im Unternehmen konkret aus, gibt es dafür Ansprechpartner und ist mit diesen oder den neuen Kollegen ein Austausch möglich, lauten für Personalberater van Zwoll etwa die Nachfragen beim Thema Karriereentwicklung. Präzisiert werden sollten in jedem Fall auch die konkrete Aufgabenstellung und der Grund für die Neubesetzung der Stelle. „Stellt sich heraus, dass man mit dem Vorgänger unzufrieden war, sollte man sehr genau nachfragen, was fachlich, inhaltlich oder persönlich nicht gestimmt hat und wie die Erwartungen an die eigene Person aussehen“, rät van Zwoll.

          Auch über die wirtschaftliche Situation des Unternehmens sollte Klartext gesprochen werden. Mehr als eine „faire, realistische Bewertung“ sollte man hier allerdings nicht erwarten. „Hinter die Kulissen lassen sich Unternehmen nur bedingt schauen, ein bisschen Verpackung wird immer dabei bleiben“, kommentiert van Zwoll. Aber das gilt ja auch auf Bewerberseite.

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