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Karriereberaterin Brigitte Scheidt : Menschen, Sachen oder Prozesse?

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Brigitte Scheidt Bild: Archiv

Manchmal ist der Weg zum Traumberuf steinig. Für 20 Prozent der Auszubildenden zu steinig, denn sie brechen ihre Lehre ab. Welche Fallstricke lauern, erklärt die Berliner Diplompsychologin und Karriereberaterin Brigitte Scheidt.

          3 Min.

          Woran scheitern Ausbildungen, was sind die größten Fallstricke?

          Dass viele nicht wirklich wissen und auch vorher nicht wissen können, worauf sie sich einlassen. Es gilt zu prüfen: a) faktisch, wie sieht der Lehralltag real aus, b) passt der Beruf zu mir, und c) kann ich in dem spezifischen Ausbildungsumfeld gut lernen. Was wird gefordert, was an Unterstützung angeboten. Wichtig auch: Kann man mit dem Chef, stimmt die Chemie.

          Gibt es Branchen, in denen besonders viele ihre Ausbildung abbrechen?

          Das ist spannend, wenn man sich die Statistiken anschaut. Hohe Abbruchzahlen hat das Gaststättengewerbe, haben die Bäcker, Köche, im Gegensatz zum Bankkaufmann und zum Industriemechanikern.

          Woran liegt das?

          Schauen wir uns den Beruf des Kochs an: der ist in aller Munde, präsent auf allen Sendern. Da wird ein Bild von Leichtigkeit, Spaß, Berühmtsein vermittelt. Die Realität sieht ganz anders aus: Wenig Geld, viel Arbeit, großer Stress, Hitze, rauher Umgangston, nicht selten fliegt ein Teller durch die Luft. Überstunden sind die Regel. So kommt das Lernen häufig zu kurz. Man arbeitet, wenn andere frei haben. Dadurch sind die Lehrlinge aus dem sozialen Leben herausgenommen. Der Freundeskreis verändert sich. Nicht alle kommen damit zurecht.

          Wie vermeide ich so eine Fehlentscheidung?

          Grundsätzlich ist die Frage zu klären, was soll der Gegenstand meiner Arbeit sein: Möchte ich hauptsächlich mit Menschen, Sachen oder Prozessen zu tun haben? Ist man kommunikativ, kann gut mit anderen, dann ist ein reiner Bürojob nicht das Richtige. Umgekehrt gilt: Wenn einem eigentlich Leute zu viel sind, sollte man keinen Beruf mit viel Kundenkontakt wählen.

          Theoretisch lässt sich das aber nur schwer überblicken. Wie komme ich auf Ideen für einen passenden Beruf?

          Recherchieren, umhören, ins Internet gehen. Ich rate, den Blick zu weiten und sich möglichst breit zu informieren, was es außer den beliebten Standardberufen wie Kfz-Mechaniker und Arzthelferin gibt. Ansprechpartner sind zum Beispiel die Kammern, aber auch Menschen, denen man vertraut. Wichtig ist es, eigene Wahlkriterien zu entwickeln. Was macht mich neugierig, womit beschäftige ich mich gerne? Welche Branche interessiert mich?

          Welche Rolle spielen die Eltern bei der Berufswahl?

          Eine Bedeutende. Sie begleiten nicht selten die Ausbildungsjahre auch finanziell und wollen ihren Kindern einen guten Weg weisen. Dabei gehen viele Eltern von sich aus. Die Ratschläge orientieren sich oft an den Themen Sicherheit, an dem, was man kennt, was gebraucht wird. Ratschläge können auch Schläge sein. Der Weg der Eltern, ihre Überlegungen müssen nicht passend für die Kinder sein. Wir kennen alle die Geschichten vom unglücklichen Anwaltssohn, dem Jura schwerfällt, der gerne Musiker geworden wäre, aber die Kanzlei des Vaters übernehmen soll. Die Ideen der Jugendlichen werden ausgebremst. Eine gesunde Skepsis ist notwendig.

          Nun habe ich ein mögliches Berufsfeld gefunden, was mache ich dann?

          Interessiert mich ein Bereich näher, rate ich, sich den Berufsalltag aus nächster Nähe anzusehen. Wobei ein einziger Praktikumstag in der Regel nicht reicht. Vergleichbares gilt übrigens auch für die Wahl des Studiums. Es ist sinnvoll, sich in Vorlesungen und Seminare zu setzen. Trauen Sie sich, Leute zu fragen, die sich auskennen. So gewinnen Sie ein realistischeres Bild.

          Gibt es einen Aspekt bei der Berufswahl, der häufig übersehen wird?

          Die Frage des Weiterkommens, des Aufstiegs. Zwar wird geklärt, ob es freie Stellen gibt, nicht aber, wie ich mich persönlich weiterentwickeln kann. In den pflegerischen Berufen ist schnell eine Grenze erreicht. Das ist übrigens ein Motiv später Berufswechsler: Ihnen fehlen Möglichkeiten der Weiterentwicklung. Und die Mutigen, die wählen dann noch einmal neu.

          Jetzt habe ich einen Ausbildungsplatz ergattert und bin unzufrieden bis unglücklich mit der Arbeit. Was tun?

          Zuerst klären, was genau macht mich unzufrieden? Geht es um das Umfeld, zum Beispiel Probleme mit dem Chef und Kollegen, um die Umstände, viele Überstunden oder sind es die Inhalte, die mich überfordern oder nicht reizen. Dann sollte man überlegen: Kann man das ändern, wenn ja, wie. Ehrlich sollte man beantworten: Kann es auch sein, dass ich einfach keine Lust habe, mich anzustrengen. In dem Falle sollte ich es dennoch eine Zeitlang ausprobieren . . . Allerdings, wenn ich merke, ich habe massive Widerstände, gar Angst, dahinzugehen, und das verfestigt sich, dann handelt es sich nicht um eine Durststrecke, sondern dann läuft etwas falsch. Und es besteht Handlungsbedarf.

          Und wie lange sollte ich das aushalten?

          Aushalten ist sowieso nicht die passende Haltung. Es geht darum, zu identifizieren, was macht mir Druck oder Angst? Probleme mit dem Vorgesetzten oder den Kollegen sind oft Ursachen. Ein klärendes Gespräch mit dem Ausbilder eventuell gemeinsam mit den Eltern kann helfen.

          Und wenn ich erkenne, dass die Ausbildung einfach nicht zu mir passt?

          Lieber rechtzeitig die Bremse ziehen, als unglücklich oder gar krank zu werden. Viele, die eine Ausbildung abbrechen, finden danach eine andere. Es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, im zweiten Anlauf etwas Passendes zu finden.

          Stellt mich noch jemand ein, wenn ich bereits eine Lehre abgebrochen habe?

          Selbstverständlich, vorausgesetzt, ich kann das vernünftig erklären. Alles, wozu ich stehen kann, ist in der Regel kein Nachteil. Es geht um Offenheit. Also sagen: Ich habe gemerkt, die Küche ist es nicht, mir ist der Umgang mit Menschen wichtig. Wenn ich klarmachen kann, ich habe diesmal bewusst gewählt, dann kann das Arbeitgeber überzeugen.

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