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Ungeliebte Chefposten : Kein Bock mehr auf Karriere

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Führen macht einsam, sagt man. Mittlerweile haben immer weniger Menschen Lust darauf. Bild: dpa

Die Lust der Beschäftigten, in die Chefetage aufzusteigen, ist weiter gesunken, glaubt man einer neuen Umfrage. Woran liegt das bloß?

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          „Sie sind befördert!“ Wer früher diesen Satz aus dem Mund seines Vorgesetzten hörte, geriet in Feierlaune. Heute allerdings streben immer weniger Menschen eine Führungsposition an, wie eine neue repräsentative Umfrage unter 5000 Berufstätigen und Studierenden in Deutschland zeigt, die der F.A.Z. vorab vorlag.

          Demnach sind nur noch 40 Prozent der Männer und 37 Prozent der Frauen bereit, eine Chef-Rolle zu übernehmen. Im Vergleich zum Jahr 2018 ist damit die Lust, die Karriereleiter emporzusteigen, gesunken: Damals hegten, einer vergleichbaren Umfrage zufolge, noch 45,1 Prozent der Männer und 37,5 Prozent der Frauen den Wunsch, im Laufe ihrer Karriere eine Führungsposition zu übernehmen.

          Nicht nur die Lust aufs Chef-Dasein schwindet, auch die Zuversicht, überhaupt eine solche Position erreichen zu können ist kleiner als früher. Nur etwas mehr als ein Drittel der Frauen glaubt, in Zukunft Führungskraft werden zu können, bei den Männern sind es knapp 40 Prozent, bei beiden aber weniger als im Vorjahr.

          Frauen fühlen sich besser gefördert

          Ein weiteres Ergebnis der Befragung: Mehr Frauen als noch im Vorjahr fühlen sich durch ihr berufliches Umfeld in ihren Karrierewünschen unterstützt. Und immerhin 45,3 Prozent der Frauen geben an, dass ihr Arbeitgeber ihnen dabei hilft, ohne Nachteile zeitlich und räumlich flexibel arbeiten zu können. Dabei galt geringe Präsenz im Büro früher als ein großes Karrierehindernis, das es gerade Frauen mit Kindern erschwerte, Chefinnen zu werden.

          In Auftrag gegeben hat die Umfrage das Netzwerk „Initiative Chefsache“, das sich für mehr Geschlechtergerechtigkeit in Führungspositionen einsetzt. Zu beachten ist, dass die Ergebnisse Querschnitts-Daten sind, dass also 2018 und 2019 die gleichen Fragen gestellt wurden, aber nicht den genau gleichen Menschen.

          Woran es liegen könnte, dass immer weniger Menschen Lust und Zuversicht verspüren, Chefs zu werden, danach fragt die Studie nicht. Es gibt bloß Hypothesen. Eine davon ist, dass die Führungsaufgaben in agilen Unternehmen komplexer sind. „In Zeiten, in denen der Innovationsdruck stetig steigt und sich Branchen in einem permanenten Umbruch befinden, sind exzellente Führungspersönlichkeiten gefragter denn je“, sagt Eike Böhm, Vorstandsmitglied der Kion-Gruppe und Mitglied der Initiative. „Neben klassischen Stärken sind neue, beispielsweise emotionale Fähigkeiten notwendig, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein.“

          Ähnlich denken Führungskräfteberater. Felicitas von Elverfeldt, die in Frankfurt eine Coaching-Praxis für Chefs betreibt, beschreibt die Lage im Gespräch mit FAZ.NET so: „In der alten Welt konnten einzelne Führungskräfte vom Feldherrnhügel aus durch Wissensvorsprung noch fast alles überblicken, einschätzen und einbeziehen, was für die anstehenden Entscheidungen notwendig war. In der neuen Welt haben die ständig weiter steigende Komplexität und Geschwindigkeit ein Level erreicht, welches von Einzelnen nicht mehr überschaubar, verstehbar und damit gestaltbar und steuerbar ist.“

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