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Gegenwind für Xing : Bitte duzen Sie mich nicht!

Will jetzt alle duzen: Karrierenetzwerk Xing Bild: dpa

Das Karrierenetzwerk Xing will seine Nutzer künftig mit „Du“ ansprechen. Und hatte anscheinend nicht damit gerechnet, wie sehr das „Sie“ noch in der Arbeitswelt verwurzelt ist.

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          Wer sich in sozialen Netzwerken nach einer neuen Stelle umsieht, ist hip, unverkrampft und mit Sicherheit ein Freund der Duz-Kultur in Unternehmen? Das stimmt scheinbar nur zum Teil. Als die Karriereplattform „Xing“ an diesem Mittwoch in einem Post auf ihrer Seite bekanntgab, die Nutzer künftig mit „Du“ ansprechen zu wollen, gab es kräftigen Gegenwind.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Unter der Überschrift „Warum wir Sie jetzt duzen“ hatte zuvor Sabrina Zeplin, Geschäftsführungsmitglied des Netzwerks, einen Beitrag zum Thema veröffentlicht. Darin schreibt sie, das „Sie“ stehe für „eine hierarchische Denk- und Arbeitsweise, mit der wir uns bei XING nicht mehr identifizieren können.“ In der Zukunft der Arbeit solle sich niemand mehr aufgrund des Alters oder der Position wichtiger fühlen dürfen als irgendjemand anderes. „Das ,Du' schafft Nähe und eine emotionale Verbundenheit, die auch in einem professionellen Umfeld zu einem signifikant besseren Miteinander führt“, so Zeplin weiter.

          In der Internetgemeinde jedoch scheinen nicht alle dieser Meinung zu sein. Mehr als 1600 oft kritische Kommentare sammeln sich mittlerweile unter dem Beitrag und auch anderswo in den sozialen Netzwerken, etwa auf Twitter, hagelt es Kritik. „Ugh, ich möchte nicht geduzt werden“, schreibt zum Beispiel ein Twitter-Nutzer sehr direkt.

          Gegenwind kommt von Beschäftigten und Freiberuflern aus den unterschiedlichsten Branchen. „Einseitig verordnetes Duzen, wie hier von Ihnen, Frau Dr. Zeplin, und dann auch noch mit Wirkung für den gesamten Nutzer/innenkreis von Xing, geht gar nicht. So etwas nennt man übergriffig“, schreibt etwa Henning Staats, Rechtsanwalt aus Braunschweig. Nutzer Florian Unsin, Angestellter bei MAN, kommentiert: „Ich schätze es gar nicht, von fremden Personen geduzt zu werden. Das ist eine Frage von Anstand und Benimm, diese Werte scheinen aber für XING kein Beweggrund zu sein.“ Der freiberufliche Sachverständige für Gebäudeschäden, Henry Pfeifer, schreibt: „In meiner Branche wird es, ohne das Gegenüber näher zu kennen, auf absehbare Zeit kein Du geben. Respekt, Achtung und vor allem Distanz sind darin essenziell. Zudem dreht sich der Wind mitunter auch mal, und ein persönliches, nahes Du steht dann z.B. einer Problemklärung plötzlich sehr im Weg.“

          Kein gutes Zeugnis für das „Du“ im Bewerbungsprozess

          Es gibt allerdings auch positive Kommentare: So schreibt etwa Marcel Milow, Geschäftsführer der 3B Gesellschaft für Hoteldienstleistungen aus Berlin: „Himmel, wir sollen uns nun alle duzen? Da kneifen wir Deutschen aber ganz schnell die Backen zusammen … Ich denke, wir können das entspannter betrachten. Wer glaubt, lediglich Respekt zu erfahren weil er gesiezt wird, hat sehr wahrscheinlich ein falsche Wahrnehmung von sich selbst.“

          Sabrina Zeplin von Xing jedenfalls behauptet, dass mehr als die Hälfte der Xing-Mitglieder das „Du“ für angemessen halte und ein weiteres Drittel indifferent sei. Lediglich 15 Prozent präferierten das „Sie“. Die Wissenschaft stellt dem „Du“ im Bewerbungsprozess dagegen nicht immer ein so gutes Zeugnis aus: Uwe Kanning, Wirtschaftspsychologie-Professor an der Hochschule Osnabrück etwa kommt in seinen Forschungsarbeiten zu dem Ergebnis, dass sich  Bewerber weder in der Stellenanzeige noch im Einstellungsinterview wünschen, geduzt zu werden.

          Dies gelte für Azubis, Praktikanten, Mitarbeiter und Führungskräfte gleichermaßen. Nur knapp 29 Prozent präferieren ein Duzen in der Stellenanzeige, weniger als 20 Prozent finden es gut, im Einstellungsinterview geduzt zu werden, fand er in einer Befragung von mehr als 1300 Menschen heraus.

          Für besonders problematisch halten es Personalfachleute wie Kanning übrigens, wenn die Anrede im Bewerbungsprozess wechselt, also etwa in der Stellenanzeige das „Du“ verwendet wird und die Vorgesetzten den Bewerber im anschließenden Vorstellungsgespräch siezen. Immerhin darauf hat Xing am Ende jedenfalls keinen Einfluss.

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