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Aufstiegschancen für Migranten : Vom Schulschwänzer zum Supermarktleiter

„Den können Sie sich gleich notieren“: Mohamed Abu-Yabes vor dem Weinregal im Rewe an der Frankfurter Europa-Allee Bild: Röth, Frank

Warum entscheiden sich so viele Migranten für den Einzelhandel? Weil er die Chance zum Aufstieg bietet, wie die Karriere von Mohamed Abu-Yabes zeigt.

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          Eigentlich ist man als Journalist gewohnt, selbst die Fragen zu stellen. Mohamed Abu-Yabes aber macht gleich zu Beginn des Gesprächs, nach einem geschäftigen Händedruck, klar, dass er das übernimmt. „Sie waren schon mal bei uns im Rewe-Markt?“ Nicken. „War alles in Ordnung?“ Nicken. „Was hat Ihnen am besten gefallen?“ Ein kurzes Zögern, das weitreichende Folgen hat.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Denn nun wird der 29 Jahre alte Abu-Yabes, Marktleiter des kürzlich eröffneten Rewe-Supermarkts im Frankfurter Europaviertel, zum Verkäufer. Er läuft an den gefüllten Regalen entlang wie durch ein Schlaraffenland, führt die automatischen Glastüren an der Frischtheke vor und greift wahllos Produkte heraus. „Der Weißwein hier“, sagt Abu-Yabes, „geht wahnsinnig gut weg. Den können Sie sich gleich notieren.“

          Auch am Nachmittag, als der Kundenansturm vor dem verlängerten Pfingstwochenende beginnt, findet Abu-Yabes noch Zeit, seine Produkte anzupreisen. Er rennt durch den Supermarkt, immer auf der Suche nach dem nächsten Brandherd; er hebt Müll vom Boden auf, rückt Produkte zurecht, weist seine Mitarbeiter ein und sagt dann unvermittelt, das Dry-Aged-Beef sei wirklich sehr zu empfehlen.

          Vom Fußballplatz auf die Fachhochschule

          Abu-Yabes ist ein Migrant der zweiten Generation, trotzdem dürfte er stellvertretend für viele Einwanderer stehen, die den klassischen Karriereweg des Einzelhandelskaufmanns einschlagen - laut einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung von 2012 der beliebteste Ausbildungsberuf bei Frauen und der zweitbeliebteste bei Männern. Unter Migranten ist er allerdings besonders beliebt: 7 Prozent aller ausländischen Auszubildenden werden Einzelhandelskaufmann, nur 4,7 Prozent aller deutschen.

          Haben Migranten, vor allem jene aus südlichen Regionen, ein besonderes Talent für den Handel? Dass Mohamed Abu-Yabes es hat, ist jedenfalls klar. Dass sein Leben in solch geordneten Bahnen verlaufen würde, war es lange nicht. Sein Lebenslauf liest sich, als habe man ihn aus einem Hollywood-Filmprojekt entnommen, das den amerikanischen Traum wiederbeleben soll und von lauter Personen bevölkert wird, die mit verklärtem Blick in die Kamera sagen: „Ich wusste, dass ich es schaffen werde. Denn ich kann einfach nicht verlieren.“ Abu-Yabes schaut nicht in die Kamera, sondern auf den Bildschirm in seinem Büro. Er sagt: „Ich hab ein Problem: Ich kann einfach nicht verlieren.“

          Deswegen kämpfte er sich nach oben. Von der Straße und dem Fußballplatz im Frankfurter Ortsteil Ginnheim, wo er mit seinen Freunden die Schule schwänzte, zurück ins Klassenzimmer der Hauptschule. Von der Hauptschule in die Realschule. Von der Realschule in die Berufsschule und von dort an die Fachhochschule, an der er Betriebswirtschaftslehre studierte. Für die Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei Rewe brach Abu-Yabes das Studium ab, der einzige Knick in einem von beharrlichem Aufstieg geprägten Leben. Abu-Yabes beeilt sich zu versichern, dass es sich um eine planvolle Entscheidung gehandelt, dass es immer einen Masterplan, ein Ziel gegeben habe: „Ich bin hergekommen, um Marktleiter zu werden.“

          Sätze wie aus einer Werbebroschüre ausgestanzt

          Das schaffte er 2009, im Alter von 24 Jahren. Letztes Jahr übernahm er die Leitung des Rewe-Marktes im Europaviertel. Sein nächstes Ziel ist es, „Zahlen zu bringen“, seinen Markt also so zu führen, dass er Gewinn abwirft. In Abu-Yabes’ Leben dreht sich alles um Ziele. Erfüllte Ziele, noch zu erfüllende Ziele, in Zukunft vielleicht zu erfüllende Ziele und die Ziellosigkeit der anderen. „Privat war mein Ziel, ein Haus zu kaufen, das hab ich gemacht. Und zu heiraten, das mach ich bald. Und einen BMW zu fahren, das mach ich schon länger.“

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