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Karriere im Alter : Durchstarten nach der Rente

  • -Aktualisiert am

Die Youtuberin Greta Silver inszeniert sich als energiegeladener Oldie. Bild: Lotta-Fotografie

Aus Neugier, nicht aus Not: Auch deutlich jenseits der 60 wagen manche einen beruflichen Neustart. Was haben sie schon zu verlieren?

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          Jeden Morgen steht Johanna Bauer früh auf und geht in ihr Büro – eine kleine, helle Eigentumswohnung im Grünen. Dort beginnt ihr Arbeitstag. Mindestens zwölf Stunden täglich, manchmal auch sechs Tage die Woche. Johanna Bauer ist längst im Rentenalter, schon vor Jahren hätte sie sich zur Ruhe setzen können. Doch sie entschied sich, sich noch ein zweites Mal selbständig zu machen. Mit Erfolg: Die heute 71-Jährige berät Frauen, die ihre erste Immobilie kaufen wollen.

          Wie Johanna Bauer arbeiten immer mehr Menschen auch im hohen Rentenalter. Die Daten des Mikrozensus belegen: Mehr als eine Million Menschen über 65 waren im Jahr 2019 in Deutschland erwerbstätig. Tendenz steigend. Gewerkschaften sehen in der hohen Zahl der arbeitenden Rentner ein Indiz für wachsende Altersarmut. Es geht aber nicht immer ums Geld. Während viele Rentner weiterarbeiten müssen, weil sie sonst kaum über die Runden kämen, wollen andere einfach Karriere machen. So wie Johanna Bauer.

          Mit ihrer Idee, Frauen beim Kauf der ersten Immobilie zu unterstützen, hat sie eine Nische gefunden. „Es gibt einige Online-Kurse für den Immobilienkauf, die sprechen aber in erster Linie Männer an“, sagt sie. Umso größer ist das Interesse an Bauers Kurs – jeden Tag erhält sie zahlreiche Anfragen. Ihr Erfolg kommt nicht von ungefähr. Mit Immobilien kennt sie sich schließlich aus: Lange Zeit arbeitete sie als angestellte Immobilienmaklerin, machte sich später das erste Mal als Maklerin selbständig. Aber immer wieder beschlich sie das Gefühl, nicht zufrieden zu sein. „Als ich jünger war, fühlte ich mich oft wie im Hamsterrad“, erzählt Bauer.

          Wenn der Job zur Herzensangelegenheit wird

          Erst heute, mit mehr als 70 Jahren also und in ihrer zweiten Selbständigkeit, hat sie endlich das Gefühl, sich selbst zu verwirklichen. Auf ihrer Facebook-Seite, über die sie ihren Kurs vermarktet, postet sie Songs wie den „Körperzellen-Rock“ des recht erfolgreichen, aber bisweilen verspotteten österreichischen Musikers Michael Mosaro. „Jede Zelle meines Körpers ist glücklich“, heißt es da – für Johanna Bauer mittlerweile eine Lebenseinstellung. „Mein Leben ist heute ein großes Abenteuer, mein Job ist eine Herzensangelegenheit“, versichert sie. Zweifel, dass etwas schiefgehen könnte, hat sie nicht mehr.

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          Auch der Ökonom und Arbeitsmarktexperte Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin kommt zu dem Schluss, dass Menschen im Rentenalter „nicht überwiegend“ deshalb arbeiten, weil das Geld zu knapp ist. „Im Schnitt sind die arbeitenden Alten zufriedener als ihre nicht erwerbstätigen Altersgenossen. Das gilt sowohl für das Einkommen als auch für das Leben allgemein“, schreibt Brenke.

          Der Geist verändert sich

          Oft hat die neue Aufgabe der umtriebigen Routiniers etwas mit einem alten Berufsfeld zu tun: Wer in seiner Jugend zum Beispiel Verkäufer war, hat im Alter auch das Zeug zum Berater. Das muss jedoch nicht so sein. Studien zeigen, dass sich von etwa 70 Jahren an die Persönlichkeit noch einmal ähnlich stark verändert wie in den ersten 30 Jahren des Lebens. Gerade ältere Menschen sind auf einmal weniger kontrolliert, leben impulsiver und gewinnen an Selbstwertgefühl, schreibt der österreichische Gerontologe und Soziologe Franz Kolland in einem Forschungsbericht.

          Auch Greta Silver – frühere PR-Frau, Künstlername, Model-taugliches Silberhaar – wollte „einfach nur mal etwas Neues probieren“, als sie das erste Mal vor der Kamera stand. Jahrelang war sie Hausfrau und Mutter, heute ist die 72-Jährige Youtuberin, Rednerin und Autorin. Und Großmutter sowieso. „Ich habe mich damals vor meinem ersten Video gefragt, was mir im schlimmsten Fall passieren kann. Wahrscheinlich nichts“, erzählt sie. Und sie hat recht behalten: Auf ihrem Youtube-Kanal – Titel: „Zu jung fürs Alter“ – hat sie mittlerweile mehr als drei Millionen Klicks gesammelt. Sie war jenseits der sechzig, als sie diesen neuen Weg einschlug.

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          Für die Karriereexpertin Madeleine Leitner ist die Leichtigkeit, die Menschen wie Greta Silver an den Tag legen, ein enormer Vorteil: „Ältere Menschen sind zumeist resilienter. Darum können sie auch leichter Risiken eingehen, sie haben sich bereits in vielen Situationen bewiesen und deshalb weniger zu verlieren.“ Greta Silver hat erkannt, dass weder Umstände noch Mitmenschen für ihr Glück oder Unglück zuständig sind: Im vergangenen Jahr erschien ihr zweites Buch, „Alt genug, um mich jung zu fühlen“. Darin geht sie unter anderem der Frage nach, warum Altsein so ein mieses Image hat.

          Kein Vertrauen von Banken und Co.

          Denn gerade ältere Menschen stehen bei der Jobsuche vor großen Hürden. „Viele Arbeitgeber sehen in Menschen über siebzig scheintote Tattergreise, die von Wehwehchen geplagt sind und nichts mehr vom Leben erwarten“, sagt Karriereberaterin Leitner. Hinzu kommen andere, fast schon diskriminierende Hindernisse: Erreichen Kunden ein gewisses Alter, haben sie es zum Beispiel bei Banken, Versicherungen oder Autovermietern schwer. Kredite gibt es selten. Dabei wäre es mehr als Selbstverwirklichung, wenn viele so denken würden wie Bauer und Silver. Denn der deutschen Wirtschaft droht ein immenser Aderlass: Von diesem Jahr an geht die Generation der Babyboomer langsam in Rente, und es kommen nicht genug jüngere Arbeitskräfte nach. Der deutsche Arbeitsmarkt ist auf die älteren Arbeitswilligen also geradezu angewiesen.

          Bisher haben das aber nur wenige Arbeitgeber hierzulande erkannt. Ein Pionier ist der Elektronikproduzent Phoenix Contact aus Ostwestfalen, der über 50-Jährigen die Wahl aus bis zu 75 Arbeitszeitmodellen ermöglicht. Solche Modelle sind zwar eine Option, aber die Ausnahme. Karriereberaterin Leitner rät arbeitswilligen Rentnern ohnehin eher zur Selbständigkeit. „Dort kann man nicht aufgrund eines formalen Alters entlassen werden“, sagt sie. Und gerade in der Selbständigkeit könnten ältere Menschen sich ausleben und „einfach mal machen“.

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