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Kantine und Karriere : Alles isst gut

  • -Aktualisiert am

Eine Curry mit Kontakten, bitte Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Für etliche Arbeitnehmer ist die Kantine jener ungeliebte Ort, an dem Sie ihren Grundbedarf an Kalorien widerwillig abdecken. Aber nicht immer fehlt die Würze. Gehen Sie mal strategisch essen, kochen Sie Ihre Karriere.

          5 Min.

          Der Fisch schmeckt nicht und das Wok-Gemüse nur nach Glutamat, an den Tischen fehlt die Würze im Gesprächsstoff, es wird gelästert und geglotzt - Genuss kommt keiner auf. Für viele Arbeitnehmer im ganzen Land ist die Kantine jener Abgrund, in den sie zwangsläufig sehen müssen, um ihren Grundbedarf an Kalorien widerwillig abzudecken. Allerdings ist das eine Frage der Perspektive. Das Betriebsrestaurant kann auch zum gewinnbringenden Ort werden. Ja: Die Kantine hat das Potential, jeden Arbeitstag zu beleben. Hier lässt sich sogar Karriere machen.

          Netzwerken

          Beim Essen können ambitionierte Mitarbeiter Kontakte aufbauen und pflegen, sowohl zu Vorgesetzten als auch zu anderen Abteilungen“, weiß Monika Scheddin, die Autorin des Ratgebers „Erfolgsstrategie Networking“. Das Betriebsrestaurant ist aber ein zweischneidiges Messer. „Ich stehe nirgends so unter Beobachtung wie in der Firmenkantine“, erklärt Scheddin, „das hat enorme Auswirkungen auf meinen PR-Wert.“ Plaziert sich ein Trainee mit bekannten Drückebergern, so sinkt das Image. Es funktioniert aber auch anders, und dann beginnt bei Tisch der Aufstieg.

          „Ich sollte mir einen Plan machen, welche Leute ich kennenlernen will - ohne meine direkten Kollegen links liegenzulassen“, rät die Erfolgstrainerin. Wer neu in ein Unternehmen kommt, sollte nicht gleich vorpreschen. Nach ein paar Monaten können Ambitionierte einen Tisch mit Kollegen aus anderen Abteilungen arrangieren. Wieder ein paar Monate später ist Lunch mit dem Chef angebracht. Grundsätzlich gilt: Mit Vorgesetzten nur in 10 Prozent der Fälle essen, mit Kollegen aus anderen Bereichen in 30 Prozent und in den meisten Fällen mit dem eigenen Büro-Umfeld. Damit die Gespräche mit Chefs etwas bringen, empfiehlt Scheddin, vorab eine Liste mit Fragen und Themen zu notieren. Schleimen muss man nicht - aber es geht um Respekt, den man signalisiert.

          Sieht´s in Ihrem Unternehmen ähnlich aus wie bei den japanischen Kadetten?

          Auch deshalb ist das Textil von Bedeutung: „Wenn ich ein Essen mit einem höherrangigen Mitarbeiter habe, sollte ich auch mit meinem Zwirn Respekt signalisieren und mich anpassen.“ Ein Reserve-Jackett für spontane Cafeteria-Dates empfiehlt sich. Für jeden beruflichen Networker lohnt zudem ein Etikette-Kurs, denn gute Manieren steigern den PR-Wert. Wenn es um die Wahl des Tellergerichts geht, hat das ebenfalls Folgen. Wer mittags oft zur Haxe greift, wird nicht fitter. „Das lässt natürlich Rückschlüsse zu, wie gut dieser Mensch mit seinen Ressourcen haushalten kann“, erläutert Scheddin. Allerdings sollte man Kollegen nicht mit Trennkost nerven. „Ich sollte mich fragen, wie ich in Erinnerung bleiben möchte.“ Auch für die Karriere gilt: Man ist, was man isst.

          Weltverbesserung

          Mit reinem Gewissen können die Mitarbeiter der Kölner Versicherung HDI-Gerling in die Currywurst beißen - zumindest, solange sie in ihrer Kantine speisen. 1998 beschloss die Geschäftsführung, die Küche auf Bio umzustellen. Der fröhliche Franke Bernhard Bonfig leitet die „Öko-Küche“ und verzichtet auf künstliche Zusatzstoffe und Aromen. 30 Mitarbeiter stellen 1200 bis 1400 Essen täglich her, alles mit Öko-Produkten. Die Mentalität habe sich verändert: „Als wir mit dem Bio-Essen angefangen haben, waren die Leute eher skeptisch“, erinnert sich der einstige Fünfsternehotel-Koch. Doch Bio heißt nicht Körnerkost, Zeigefinger werden im Betriebsrestaurant nicht erhoben. Das Essen soll schmecken. Dafür bieten Bio-Fleisch und -Gemüse dank ihrer Frische beste Bedingungen. Der Küchenchef setzt auf Köche, die Erfahrung in der Edel-Gastronomie haben - und erhöht so den Genussfaktor. „Gesund und sicher zu essen ist für die Mitarbeiter zum Lebensstil geworden“, beobachtet Bonfig.

          Wenn es mal Thunfisch im Salat gibt, klingelt sein Telefon. Man fragt ihn, wie diese Speise ethisch zu vertreten sei. Die HDI-Gerling-Kantine war Vorreiter der Bewusstseinsveränderung, die immer mehr Kantinen erfasst - und auch in die Familien der Mitarbeiter überschwappt. Regionalität, Transparenz und Umweltbewusstsein sind Faktoren, die das Mittagessen leicht verdaulich machen. Bernhard Bonfig glaubt, dass Bio sich für den Betrieb lohnt: „Es gefällt den Mitarbeitern, dass sich das Unternehmen für solche Zwecke engagiert. Das wirkt sich positiv auf das Klima aus.“

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