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Jugendarbeitslosigkeit : Forscher fordern bessere Konzepte

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Ein junger Spanier in einem Klempner-Betrieb in Bad Homburg hofft, durch ein Praktikum dort eine Lehrstelle zu bekommen - in seinem Heimatland derzeit fast aussichtslos. Bild: dpa

Eine Studie des Zentrums der Europäischen Wirtschaftsforschung kommt zu dem Schluss: Derzeit gibt es nur wenige Maßnahmen, die arbeitslose Jugendliche in Südeuropa längerfristig in Lohn und Brot bringen.

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          Ohne entschlossene Reformen der Bildungssysteme und der Arbeitsmärkte werden viele Jugendliche in Südeuropa auch nach der Finanzkrise arbeitslos bleiben. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, die von der Robert Bosch Stiftung in Auftrag gegeben wurde. Nach Einschätzung der Arbeitsmarktforscher verhindern vor allem strukturelle Schwächen, dass Jugendliche in den südeuropäischen Krisenländern in den Arbeitsmarkt integriert werden. Kurzfristig komme es jetzt darauf an, junge Menschen besser über Beschäftigungschancen im Ausland aufzuklären, sie zu motivieren und bei den ersten Schritten zu unterstützen. Die rechtlichen Voraussetzungen für die berufliche Mobilität innerhalb der EU seien geschaffen. Nach wie vor gebe es aber viele praktische Hürden wie fehlende Sprachkenntnisse, die Jugendliche daran hindern, eine Arbeitsstelle im Ausland anzutreten, so die Experten.

          In der Berliner Repräsentanz der Robert Bosch Stiftung übergab Geschäftsführerin Dr. Ingrid Hamm die Studie an diesem Dienstag an Staatssekretär Dr. Rainer Sontowski, der sie kurzfristig in Vertretung für Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel entgegennahm. Er ließ von Gabriel verlauten: „Die Bekämpfung der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Europa ist für uns ein besonders wichtiges Thema, denn es geht hier um die Zukunft der Jugend Europas und damit letztlich auch ein Stück weit um Europa selbst. Auch die Studie der Bosch Stiftung sieht hier Handlungsbedarf. Wir werden weiterhin auf europäischer Ebene, aber auch in bilateralen Abkommen tatkräftige Unterstützung leisten. Ein wichtiger Ansatzpunkt ist die duale Ausbildung, mit der wir in Deutschland ausgezeichnete Erfahrungen haben und die in vielen Ländern hohe Anerkennung findet.“

          In den südeuropäischen Krisenländern Spanien, Italien und Portugal liegt die Jugendarbeitslosigkeit weit über dem EU-Durchschnitt. In der Studie „Youth Unemployment in Europe“ analysieren die Autoren die Ursachen, bewerten vorgenommene oder geplante Reformen und zeigen konkrete Handlungsempfehlungen auf. Dabei warnen sie vor schlecht konzipierten arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen. „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und staatliche Ausbildungsplätze sind erfahrungsgemäß keine starke Brücke in den Arbeitsmarkt. Der derzeitige Ansatz der EU, jedem Jugendlichen innerhalb von vier Monaten mit öffentlichen Mitteln irgendein Angebot zu machen, ist daher problematisch“, schreibt Professor Dr. Clemens Fuest, Präsident des ZEW in der Studie. „Die Länder sollten sich auf zielgerichtete Instrumente wie die Nachqualifizierung von Jugendlichen ohne Ausbildungsabschluss konzentrieren. Darüber hinaus muss auch die Qualität der Berufsberatung und Arbeitsvermittlung verbessert werden.“

          Spanien macht Fortschritte, Italien und Portugal weniger

          Die Wissenschaftler kritisieren zudem Arbeitsmarktregelungen, durch die es in vielen südeuropäischen Ländern zu einer Spaltung des Arbeitsmarktes gekommen sei. Während Festangestellte von starken Kündigungsschutzgesetzen profitieren, seien Berufseinsteiger oft nur befristet beschäftigt. Letztere leiden deshalb am meisten unter wirtschaftlichen Schwankungen. Während in Spanien bereits erste Maßnahmen zur Lockerung des Kündigungsschutzes greifen, seien in Italien und Portugal vergleichbare Schritte bisher nicht geglückt, mahnen die Experten. Die Studie zeigt auch, dass Jugendliche in Südeuropa unter Defiziten in den Bildungssystemen leiden. Berufseinsteigern fehle es an Qualifikation, wodurch sich das Risiko der Arbeitslosigkeit erhöhe.

          Die Grafik zeigt. Die Jugendarbeitslosigkeit in Europa ist in den Ländern des Südens nach wie vor hoch.

          Alarmierend sei zudem eine hohe Drop-out-Rate: Im Vergleich zum EU-Durchschnitt geht ein deutlich größerer Teil der Jugendlichen frühzeitig aus Schule und Ausbildung ab. Außerdem werde an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes vorbei ausgebildet. Da die Bildungssysteme sehr stark akademisch ausgerichtet sind, fehle es vor allem in den Ausbildungsberufen an Nachwuchs. Deshalb müsse jetzt die berufliche Bildung verbessert werden. Hierfür seien duale Ausbildungssysteme entscheidend, in denen Unternehmen eine starke Rolle spielen und zentrale Vorgaben für verlässliche Qualitätsstandards sorgen, so das Urteil der ZEW-Experten.

          Rund 7,5 Millionen junge Europäer befinden sich derzeit weder in einer Beschäftigung noch in einer Ausbildung. Angesichts dieser alarmierenden Zahl wollen die Robert Bosch Stiftung und die Robert Bosch GmbH einen Beitrag zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit leisten. In einem ersten Schritt hat die Stiftung das ZEW mit der nun vorliegenden Studie beauftragt.

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