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Jüngste Brauerei-Chefin Kölns : Altbier in Köln? Na dann prost!

Die gelernte Brauerin und Mälzerin Anna Heller, 29, leitet die familieneigene Brauerei seit 2010. Bild: Edgar Schoepal

Anna Heller ist die jüngste Brauerei-Chefin Kölns - und traut sich was: Sie lässt ausgerechnet das Getränk der rheinischen Erzrivalen aus Düsseldorf brauen. Ja ist die denn jeck?

          6 Min.

          Die Sache mit dem Kaugummi ist ihr heute fast ein bisschen peinlich. Es muss mit 16 oder 17 Jahren gewesen sein, und Anna Heller war offensichtlich noch nicht so ganz auf den Geschmack gekommen. Dabei sollte Bier - genauer gesagt: jene obergärige, helle Sorte, die unter dem Namen „Kölsch“ zum prägenden Getränk einer ganzen Stadt geworden ist - in ihrem Leben später eine wichtige Rolle spielen. Doch die ersten Kölner Kneipenabende mit Freunden überstand Heller nur mit einer Art Notversorgung in der Hosentasche: Immer wenn die nächste Runde Kölsch serviert wurde, schob sich die junge Frau einen Pfefferminzkaugummi in den Mund - und sofort schmeckte das Bier weniger herb, weniger bitter. Erträglich eben, aber nie wirklich gut.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Heute, gut ein Jahrzehnt später, würde es sie wohl in Rage versetzen, wenn ein Gast sein Bier mit Kaugummi im Mund hinunterspült. Allerdings hat sich seit ihren ersten Kneipenbesuchen auch etwas fundamental verändert: Früher trank Heller das Bier anderer Brauer, heute braut sie ihr eigenes. Und zwar im großen Stil: Im Alter von gerade einmal 29 Jahren leitet Heller nicht nur die familieneigene Brauerei, in der sie jedes Jahr 400.000 Liter Bier produzieren lässt. Sondern sie ist auch Chefin des Brauhauses „Hellers“ in Köln, in dem sie jeden Abend sehen kann, wie die selbstgebrauten Getränke beim Volk ankommen. 200 Gäste finden hier Platz. Und gerade an den Wochenenden vor Karneval gilt: Die Bude ist fast immer voll.

          Dass die resolute Frau mit dem langen Pferdeschwanz nun schon seit einiger Zeit für mächtig Wirbel in ihrer männerdominierten Branche sorgt, liegt an ihrer Experimentierfreudigkeit. Zwar stellt Heller nur etwa ein Hundertstel so viel Bier her wie die großen Kölner Brauereien Früh und Gaffel. Doch diesen Nachteil macht Anna Heller locker wett, indem sie Mut und gezielte Provokation zu ihren wichtigsten Geschäftsprinzipien erkoren hat. Das fällt auf in einer Branche, die sich bis heute ängstlich an den Regeln des deutschen Reinheitsgebotes von 1516 festhält. Anna Heller dagegen sagt selbstbewusst: „Wer Bier herstellt, muss kreativ sein: neue Sorten entwickeln, etwas ausprobieren. Das ist gerade für kleinere Brauereien eine Art Lebensversicherung. Sonst will unser Bier am Ende niemand mehr trinken.“

          Erste Bio-Altbier der Republik war sofort ausverkauft

          Dass sie selbst keine Scheu kennt und obendrein Spaß daran hat, die größeren Konkurrenten zu ärgern, hat Heller vor gut einem Jahr mustergültig bewiesen. Da erhielt die kleine Brauerei nämlich mit einem Mal ein gewaltiges Presseecho über die Grenzen des Rheinlands hinaus. Die Kölner Boulevardzeitung „Express“ räumte gar ihre Titelseite frei. Was war passiert, um diese Aufmerksamkeit zu rechtfertigen? Anna Heller hatte die Journalisten zu sich ins Brauhaus eingeladen und bekanntgegeben, von nun an nicht mehr nur Kölsch und ein paar andere Sorten, sondern auch Altbier zu brauen. Ausgerechnet das Bier also, das bei den rheinischen Erzrivalen aus Düsseldorf das beliebteste ist. „Manche konnten es nicht fassen“, erinnert sich die Brauerei-Chefin.

          Im Rest der Republik mag man die Aufregung darum nicht ganz verstehen, aber für Kölner Verhältnisse war Hellers Ankündigung eine kleine Revolution. Kaum eine andere Kölner Brauerei hat Altbier im Programm, denn jeder Rheinländer weiß: Die offene Sympathie mit dem jeweiligen Erzrivalen kann ganz schnell mit Liebesentzug bestraft werden. Für eine Brauerei, die hauptsächlich vom Kölsch-Verkauf lebt, war es also kein kleines unternehmerisches Risiko, das Heller da einging. Aber es war eins, das sich auszahlte. All die Beiträge in Zeitung, Funk und Fernsehen machten Brauerei und Brauhaus nämlich nur noch bekannter. „Das war kostenlose Werbung für uns“, sagt die Chefin. Und das Stammpublikum - eine Mischung aus Studenten und Alteingesessenen - blieb dem Brauhaus keineswegs mit Abscheu fern, sondern probierte sogar mal ein Alt.

          Noch wichtiger jedoch war etwas anderes: Nach nur anderthalb Wochen waren die ersten 2000 Liter Altbier ausverkauft. Mit ihrer Aktion war es Anna Heller gelungen, das Einzugsgebiet für ihre Marke erheblich zu erweitern. „Düsseldorf, Krefeld, Neuss, der Niederrhein - überall da trinken die Menschen gerne Alt. Warum sollten wir uns all diese potentiellen Kunden entgehen lassen?“ Zum anderen schloss die Brauerei aber auch eine Marktlücke, die ihre Außendienstmitarbeiter bei Gesprächen mit Großhändlern und Kunden aufgetan hatten: Hellers Altbier ist das erste Bio-Altbier der Republik, hergestellt mit Hopfen und Gerste aus ökologischem Anbau. Das passt zum Zeitgeist, ist aber keine plumpe Anbiederung an den Bio-Boom. Denn Hellers Brauerei stellt schon seit ihrer Gründung im Jahr 1991 ausschließlich Bio-Bier her.

          Nach dem frühen Tod des Vaters plötzlich Chefin

          Solche Siege wie der Erfolg des Altbiers freuen Anna Heller. Zum Feiern aber war ihr in den vergangenen Jahren längst nicht immer zumute. Denn als sie die Leitung der Firma übernahm, ging dies einher mit einem schweren Verlust - dem Tod ihres Vaters Hubert im Jahr 2010. Er war es, der den Familienbetrieb in den neunziger Jahren aufgebaut hatte. Er war es auch, der seiner Tochter schon ziemlich früh klarmachte: „Du gehörst in die Brauerei.“ Dabei ist diese selbst auf den zweiten Blick nun wirklich kein Ort, an dem sich junge Frauen auf Anhieb wohl fühlen. In Hellers Brauerei hängen Pin-up-Bilder an der Wand, es riecht intensiv nach Malz, und den Raum, in dem die Bierflaschen abgefüllt werden, kann man nur mit Gummistiefeln betreten - so glitschig ist der Boden. Junge Brauer in roten Latzhosen laufen auf und ab, stapeln Bierkisten und fluchen, wenn mal eine Flasche zu Bruch geht.

          Als Anna Heller auf Geheiß ihres Vaters gleich nach dem Abitur hier ein paar Wochen aushelfen sollte, wusste sie trotzdem sofort: „Das wird mir Spaß machen.“ Schnell begriff sie die Arbeit auch als eine Herausforderung. Heller wollte mit den Männern mithalten, sie gar überflügeln. Sie begann eine Ausbildung zur Brauerin und Mälzerin (so der offizielle Titel) und zeigte als einzige Frau unter 30 Männern den anderen Azubis bald, dass sie mit ihr rechnen mussten. Sie büffelte die Technik des Anlagebaus, paukte die chemischen Spezialbegriffe, die man bei der Bierherstellung kennen muss - und schloss am Ende als Jahrgangsbeste ab. Nur eines gelang Heller in dieser Zeit nie so gut wie den Männern: „Bierbrauen ist vor allem eine körperliche Arbeit, da st0ßen wir Frauen schnell an Grenzen.“ Ein paar volle 50-Liter-Fässer (Gewicht je 62 Kilo) hintereinander muss man als angehender Brauer schon mal durch die Gegend tragen - eine Disziplin, in der Heller (Lebendgewicht damals ebenfalls 62 Kilo) kläglich versagte.

          Doch schon da stand fest, dass Heller nicht bis in alle Ewigkeit Fässer hin und her schleppen würde. Nein, sie konnte sich ziemlich gut vorstellen, ihrem Vater irgendwann einmal nachzufolgen. Dass es aber, nach dessen frühem Tod, so schnell gehen würde, empfand selbst die resolute Jungbrauerin zunächst als Überforderung. Mit gerade 24 Jahren war sie auf einmal Chefin von mehr als 30 Mitarbeitern in Brauerei und Gastronomie. „Das war ein schwieriger Rollenwechsel: Eben noch die kleine Anna, die viele Mitarbeiter noch als ganz junges Mädchen kannten - und jetzt auf einmal Chefin.“ Im Hinterkopf beschäftigte sie anfangs immer eine Frage: Würde sie die Firma so gut weiterführen können, wie dies ihr Vater vorgemacht hat?

          Den Karneval übersteht sie nur ohne Alkohol

          Heller besucht Seminare für Führungskräfte, bildet sich fort - und fühlt sich befreit, als sie merkt: Der Laden läuft auch unter ihrer Leitung, das Bier verkauft sich gut, die Gäste strömen weiter ins Brauhaus. „Da habe ich auf einmal gespürt: Verantwortung zu tragen kann richtig Spaß machen.“ Dass die junge Chefin von ihren Leuten respektiert wird, zeigt sich, wann immer sie die Brauerei betritt. Kräftige Männer nehmen Haltung an, informieren ungefragt über den Fortgang der Produktion. Gerade jetzt kurz vor Karneval laufen die Anlagen auf Höchstbetrieb. Denn die sechs Tage von Weiberfastnacht bis Veilchendienstag sind regelmäßig die umsatzstärksten des Jahres - da muss alles vorbereitet sein.

          Jedes Jahr lässt Heller 400.000 Liter Bier produzieren.
          Jedes Jahr lässt Heller 400.000 Liter Bier produzieren. : Bild: Edgar Schoepal

          Heller selbst ist dann quasi rund um die Uhr im Brauhaus, trinkt dabei aber keinen Schluck Alkohol. Nur so, sagt sie, ließen sich die Großkampftage einigermaßen unbeschadet überstehen. Der Rausch, dem sich im Karneval viele hingeben, ist zwar gut fürs Geschäft. Aber eigentlich, findet die Brauerin, müsse das Bier endlich wegkommen von dem in ihren Augen zweifelhaften Image, dass man sich damit schnell und billig „die Birne zuknallen“ kann. Tatsächlich trinken die Deutschen schon seit einiger Zeit jedes Jahr weniger Bier. Nur 2014 war vor allem wegen der Fußball-WM in Brasilien eine Ausnahme. Natürlich ist Bier deswegen noch nicht unbeliebt. Aber so richtig hip ist es eben auch nicht mehr.

          Das sieht auch Heller so, obwohl ihre Brauerei jedes Jahr neue Verkaufsrekorde verkünden kann. „Wir müssen aufpassen, dass der Wein uns nicht den Rang abläuft“, sagt die Brauerei-Chefin. Es wurmt sie, dass es auch unter jungen Leuten mittlerweile schick ist, den Weinkenner zu geben. „Dabei hat ein Bier mehr Aromastoffe als Wein, ist also das deutlich komplexere Lebensmittel.“ Aber auch ihre eigene Branche verhindert nach Meinung der Brauerin den Fortschritt. Gern würde sie mit Bier noch mehr experimentieren, beispielsweise mit Kräutern arbeiten oder auch mal wilde Aroma-Kombinationen ausprobieren, wie sie im Bierland Belgien üblich sind. „Die strengen deutschen Brauregeln schränken unsere Möglichkeiten leider deutlich ein.“ Sollte sich dies eines Tages ändern, brauchen Hellers Kunden aber zumindest eines nicht zu befürchten: An Bier mit Kaugummigeschmack wird sie sich nie wieder versuchen.

          Anna Heller und die Brauerei Heller

          Der Mensch

          Anna Heller wird 1985 an einem Karnevalsfreitag in Köln geboren. Sie geht dort zur Schule und hilft schon früh in der elterlichen Brauerei mit angeschlossener Gastwirtschaft aus, die ihr Vater Hubert betrieb. Nach dem Abitur macht Heller dort auch ihre Ausbildung zur Brauerin und Mälzerin. Sie schließt als Klassenbeste ab. Im Jahr 2010 wird sie nach dem frühen Tod ihres Vaters mit nur 24 Jahren dessen Nachfolgerin an der Spitze der Firma. Privat begeistert sich Heller für Pferde und Hunde und ist Anhängerin des 1. FC Köln. Mit ihrem Ehemann, einem Marketingspezialisten, unternimmt sie gern Reisen. In diesem Jahr erwartet Heller ihr erstes Kind.

          Das Unternehmen

          Die Brauerei Heller mit Sitz in der Kölner Roonstraße ist zwar deutlich jünger als viele der traditionsreichen Bierproduzenten der Stadt. Erst 1991 gegründet, gibt man sich aber ziemlich experimentierfreudig: Von Beginn an stellte Heller ausschließlich Bio-Bier her und schenkte es im hauseigenen Brauhaus „Hellers“ aus. Das Unternehmen braut längst nicht mehr nur Kölsch, sondern auch zahlreiche andere Biersorten: Weizen und Pils beispielsweise und seit 2013 auch ein Altbier. Zuletzt kam das Unternehmen auf einen Jahresumsatz von rund zwei Millionen Euro. „Hellers Kölsch“ kostet in der Regel 1,19 Euro pro Flasche und ist damit etwas teurer als die Konkurrenz.

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