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Vor allem Frauen betroffen : Jeder elfte Arbeitnehmer erlebt sexuelle Belästigung

Die Studienautoren erklären, dass sexuelle Belästigung dem Betrieb an sich und der Unternehmenskultur schade. Bild: dpa

Sexuelle Belästigung geht oft von Personen außerhalb des eigenen Unternehmens aus, zeigt die Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Die Täter sind vorrangig Männer.

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          Jede elfte Person hat in den vergangenen drei Jahren sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt. Das geht aus einer am Freitag veröffentlichen repräsentativen Studie des Instituts für empirische Soziologie an der Universität Erlangen-Nürnberg hervor. Im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes wurden hierfür 1531 Personen befragt. Frauen waren demnach mit 13 Prozent erheblich häufiger betroffen als Männer (fünf Prozent).

          Benjamin Fischer
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Belästigung ging in der Regel von Männern aus. Insgesamt 82 Prozent der Betroffen gaben an, dass sie „ausschließlich oder überwiegend“ von Männern belästigt wurden. Mehr als die Hälfte der Betroffenen sagte zudem, dass der Übergriff von Kunden, Patienten oder Klienten ausging. In 43 Prozent der Fälle waren es Kollegen und bei 19 Prozent Vorgesetzte.

          Die häufigsten Formen der Belästigung waren der Studie zufolge sexualisierte Kommentare (62 Prozent), belästigende Gesten oder Handlungen wie etwa Hinterherpfeifen (44 Prozent). 26 Prozent der Betroffenen berichteten zudem von unerwünschten Annäherungen oder gar Berührungen. Einzelfälle waren diese Erfahrungen offenbar nur selten: 83 Prozent erlebten mehr als eine solche Situation, wie es in der Studie heißt.

          Eine Betrachtung unterschiedlicher Branchen gestaltet sich auf Grund der geringen Fallzahl von Betroffenen als kompliziert. Grundsätzlich bestehe ohnehin überall das Risiko, Opfer von sexueller Belästigung zu werden. Trotzdem verweisen die Studienautoren auf „Auffälligkeiten“: So sei die Zahl derer, die von sexueller Belästigung berichten, gerade im Bereich des Gesundheits- und Sozialwesens besonders hoch (29 Prozent). In diesen Bereichen würden Belästigungen teils als „Berufsrisiko“ abgetan.

          Kaum jemand erstattet Anzeige

          Viele Betroffene wehrten sich verbal gegen die Belästigung, eine offizielle Beschwerde bei Vorgesetzten oder etwa dem Betriebsrat reichten aber nur 23 Prozent ein. Anzeige erstattete so gut wie niemand. Gleichwohl fühlten sich 48 Prozent der belästigten Frauen „mittel bis sehr stark erniedrigt“, unter den betroffenen Männern waren es 28 Prozent. Fast ein Drittel der Frauen und 21 Prozent der Männer empfanden die Situation überdies als bedrohlich.

          Die Studienautoren erklären, dass sexuelle Belästigung dem Betrieb an sich und der Unternehmenskultur schade. So wiesen Betroffene eine deutlich geringere Arbeitszufriedenheit als ihre Kollegen auf und seien etwa auf Grund des psychischen Drucks gesundheitlich zum Teil stärker beeinträchtigt. Entsprechend seien besonders Führungskräfte in der Verantwortung, gegen sexuelle Belästigung konsequent vorzugehen sowie verbindliche Regeln im Umgang miteinander zu etablieren. Zudem sollten innerhalb des Unternehmens neutrale Beschwerdestellen eingerichtet werden. Hierzu sind Arbeitgeber allerdings schon jetzt verpflichtet. Die Autoren regen überdies an, die Fristen zur Geltendmachung von Ansprüchen zu verlängern.

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