https://www.faz.net/-gyl-u9rm

Jazzmusiker in Deutschland : „Wir sind Callboys geworden“

Jazzmusiker müssen improvisieren können - nicht nur am Instrument Bild: F.A.Z. - Rainer Wohlfahrt

Jazzmusiker müssen in Deutschland ihr Talent zu Markte tragen. Mit „Dienstleistungsmucken“ halten sie sich über Wasser. Die Kunst kommt dabei oft zu kurz. „Es zählt, dass du pünktlich bist und gut aussiehst.“

          3 Min.

          Der Tiefpunkt war ein deutsches Schlagermedley. Auf einer Hochzeitsfeier - der Abend war schon spät - ließ sich Volker Schmidt dazu hinreißen, auf vielstimmigen Wunsch auch einmal Reinhard Mey zu Gehör zu bringen. "Es war einfach nur schrecklich." Rückblickend findet der Jazzschlagzeuger, der sich an der Frankfurter Musikwerkstatt zum "staatlich anerkannten Berufsmusiker" ausbilden ließ, diesen geschmacklichen Ausrutscher "peinlich".

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Finanziell hat sich die Blamage immerhin gelohnt. 300 bis 400 Euro bringt der Auftritt auf einer Betriebs- oder Privatfeier ein. Dinnerjazz, Swing oder dezente "Fahrstuhlmusik" sind bei solchen "Dienstleistungsmucken" gefragt. Mit anspruchsvoller, konzertanter Musik haben sie wenig zu tun. Doch wer als Jazzmusiker heute nicht bereit ist, sein Talent zu Markte zu tragen, kommt kaum noch über die Runden. 16 Hochschulen bilden in Deutschland Jazzmusiker aus. Ungefähr 150 Absolventen schwemmen jährlich auf den Konzertmarkt. Den wenigsten gelingt eine Solokarriere à la Till Brönner, sie spielen auf Sektempfängen und an Messeständen, komponieren Werbejingles oder begleiten Musicals. Schon Klaus Doldinger wurde Millionen mit seiner "Tatort"- Melodie und der Filmmusik zu "Das Boot" bekannt, aber nur wenigen als Jazz-Saxophonist. Seither klingelt kräftig die Gema-Kasse.

          Keine sechzig feste Stellen

          Feste Stellen für Jazzer gibt es in Deutschland keine sechzig. Nur in den Big Bands der Rundfunkanstalten von WDR, NDR und HR arbeiten festangestellte Jazzmusiker. Alle anderen müssen zusehen, wie sie sich zwischen Kunst und Kommerz über Wasser halten. Wie viele es sind, lässt sich nur schätzen. Arndt Weidler vom Jazz-Institut Darmstadt rechnet mit 3000 Musikern. Die Union Deutscher Jazzmusiker meldet, dass "bis zu 10 000 Musiker" in Deutschland nicht nur als Hobby die Blue Notes spielen. Nie zuvor gab es so viele gut ausgebildete Jazzmusiker wie heute. Der Markt ist gesättigt, in Berlin kann es sein, dass man nach einem mehrstündigen Konzert mit 30 Euro in der Tasche wieder nach Hause geht.

          Volker Schmidt hat neben Talent auch viel Glück gehabt. Er spielt in der - für Jazzverhältnisse - ziemlich populären Band Re:Jazz. 60.000 Exemplare des aktuellen Albums gingen schon über die Ladentheke, in Berlin und Hamburg tritt die Frankfurter Band vor 250 zahlenden Zuhörern auf, im April geht es auf eine kleine Japan-Tournee. Dennoch kann Volker Schmidt mit Plattenverkäufen und Konzertgagen höchstens ein Viertel seines Lebensunterhalts bestreiten. 200 Euro stecken nach einem Re:Jazz-Konzert in seinem Portemonnaie. "Auf einer Hochzeit verdiene ich das Doppelte." Die wichtigste Säule in seinem privaten Finanzplan sind darum "kommerzielle Gigs", gefolgt vom Musikunterricht, den er mehr oder weniger engagierten Nachwuchsschlagzeugern erteilt.

          Werbeagenten in eigener Sache

          Jazzmusiker müssen improvisieren können - nicht nur am Instrument. Als kleine Werbeagenturen in eigener Sache inserieren einige in Zeitungen, andere verlassen sich aufs Internet oder ihre Künstleragentur. Von einem gebuchten Quartett wird erwartet, dass die Musiker "professionell" sind. Nicht immer, sagt Schmidt, ist damit die musikalische Qualität gemeint. "Es zählt, dass du pünktlich bist und gut aussiehst." Imanuel Marcus hat sich mit seiner Künstleragentur "Agency 79" auf Jazz, Rhythm & Blues und Weltmusik spezialisiert. Wer bei ihm ein Trio bucht, ist mit wenigstens 700 Euro dabei. Von den Stars wie Al Jarreau oder George Benson einmal abgesehen, haben alle Musiker in seiner Kartei noch einen Nebenjob. Vor 20 Jahren sei es einfacher gewesen, die Künstler zu vermitteln. "Heute gibt es einen kulturellen Overkill." Zudem machen den Musikern die knappen Fördergelder zu schaffen. "Die klassische Musik bindet Mittel, die für neue Musik fehlen", sagt Dominik Wagner, Geschäftsführer der Union Deutscher Jazzmusiker.

          Die letzte empirische Untersuchung zur Situation der Jazzmusiker gab es 1983. Sie entstammen in der Regel der Mittelschicht, sind jung, gut ausgebildet und fast immer männlich, lautet ein Ergebnis. Seitdem sind Daten über diesen Berufsstand Mangelware. Der deutsche Kulturrat hat im Jahr 2004 Künstler zu ihren Erfahrungen mit der Selbständigkeit befragt. 86 Prozent der Musiker sind demnach freiberuflich tätig, nur 28,6 Prozent wünschen sich eine Festanstellung. Das Gros der Musiker - 85 Prozent - unterrichtet zumindest in Teilzeit. Am wichtigsten ist ihnen die schöpferische Freiheit. Doch nur 55,6 Prozent behaupten, von der Musik leben zu können.

          Als Janusz Stefanski Ende der sechziger Jahre mit dem Tomasz Stanko-Quintett auf Tournee ging, kamen 3000 Zuhörer zu den Konzerten. Später spielte der Schlagzeuger mit der Jazz-Elite - mit Albert Mangelsdorff, Heinz Sauer, Hans Koller. Was hat sich seither geändert? "Es ist heute furchtbar schwierig, eine Band zusammenzuhalten." Die Musiker haben verschiedene Einnahmequellen, unterrichten, spielen in zahlreichen Bands und konzentrieren sich nicht mehr auf ein großes Projekt. "Wir sind Callboys geworden. Man bekommt einen Anruf, springt ein, hat keine Zeit zu proben und tritt mit Jazz-Standards auf. Heute spiele ich Konzerte, die sind unter meinem Niveau." Stefanskis Werdegang wirkt heute anachronistisch. Kam er 1966 noch mit einer klassischen Ausbildung zum Jazz, den damals eine kleine Elite beherrschte, konkurrieren heute Hunderte technisch hervorragend ausgebildeter Musiker. Stefanski, der an der Mainzer Universität unterrichtet, versteht, dass seine Studenten nach dem Diplomkonzert in Panik geraten. Ein bisschen Leiden schade immerhin nicht. "Das ist Blues."

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Formel 1 in Brasilien : Ferrari flucht

          Verrücktes Finale beim Formel-1-Rennen in São Paulo: Die beiden Ferrari-Piloten schießen sich gegenseitig ab und scheiden nach der Kollision aus. Der Zoff der Stallrivalen bei der Scuderia eskaliert endgültig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.