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Investorensuche im Paternoster : In vier Minuten zum Geschäftserfolg

Auf und ab im Paternoster. Bild: Bergmann, Wonge

In einem Wiener Paternoster versuchen junge Gründer etablierte Geldgeber zu gewinnen. Es ist wie beim Speed-Dating - der erste Eindruck zählt. Wer hat bei so etwas Erfolg?

          4 Min.

          In Deutschland wären sie im vergangenen Jahr aus Sicherheitsgründen fast abgeschafft worden, in Österreich hingegen sorgen sie für Fortschritt und Emporkommen: die Paternoster. Der vielleicht älteste Aufzug der Welt aus dem Jahr 1911 dreht sich im Haus der Industrie am Schwarzenbergplatz in Wien. Hier hat die Industriellenvereinigung ihren Sitz. Deren Nachwuchsorganisation, die Junge Industrie (JI), nutzt den Paternoster für einen ungewöhnlichen Gründer-Wettbewerb: Junge Unternehmer steigen einzeln mit einem erfahrenen Konzern- oder Verbandsvertreter in die enge Kabine und müssen versuchen, ihn während einer Runde von ihrer Geschäftsidee zu überzeugen.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Die angelsächsische Welt kennt den „Elevator-Pitch“ schon länger, das sprichwörtliche Anpreisen im Fahrstuhl. In dem Bemühen, eine Idee innerhalb kürzester Zeit an den Mann zu bringen, gehen die Wiener ihren eigenen Weg. „Wir lassen es in Österreich gemütlicher angehen, und wir bewegen uns im Kreis“, sagt JI-Bundesgeschäftsführer Martin Amor, der sich den Paternoster-Pitch ausgedacht hat. „Die Sache ist eine Verknüpfung von Tradition und hochmoderner Geschäftswelt.“

          Hochmodern ist zum Beispiel das Produkt von Stephan Gspandl aus Hart bei Graz. Sein Unternehmen Incubed-IT entwickelt autonome Transportroboter. Die kastenartigen Fahrzeuge, die wie große Staubsaugergehäuse aussehen, können sich in Werkshallen selbständig orientieren und bewegen. Stoßen sie auf ein Hindernis, suchen sie sich einen anderen Weg. Gspandl hat früher Fußballroboter programmiert, dann machte er sich selbständig.

          Intelligente Helferlein aus der Steiermark

          Im Paternoster hat der bärtige Brillenträger gerade einmal viereinhalb Minuten Zeit, um sein Geschäftsmodell vorzustellen. Mit ihm steht Therese Niss in der Kabine, Geschäftsführerin des Beschichtungsspezialisten High Tech Coatings aus Oberösterreich. Die Bundesvorsitzende der JI ist eine Jurorin, aber sie ist auch Unternehmerin, die Incubed-IT darauf abklopft, ob sich die Gesellschaft als Lieferant, Investitionsobjekt oder Empfänger von Wissenstransfer eignet.

          Gspandl versucht, sie mit seinen bisherigen Erfolgen zu überzeugen. Etwa damit, dass man schon namhafte Konzerne beliefere, darunter die Bundesdruckerei in Berlin. Die intelligenten Helferlein aus der Steiermark seien ideal für die nächste Generation der Automatisierung, die sogenannte Industrie 4.0, wenn Maschinen mit Maschinen kommunizieren.

          Während der Gründer über die Zukunft redet, zuckelt der betagte Holzaufzug gemächlich ins nächste Stockwerk. Er poltert, knarrt und ächzt, zwischen den Etagen ist es manchmal so dunkel, dass nur der Schein der iPads die Kammer erleuchtet. Besonders urtümlich wird die Fahrt, wenn der Paternoster im Dachboden und Keller die Richtung wechselt.

          „Macht Ihre Entwicklung nicht Arbeitsplätze überflüssig?“

          Die Passagiere lassen sich davon nicht ablenken. Niss fragt nach, unterbricht, bohrt: „Macht Ihre Entwicklung nicht Arbeitsplätze überflüssig? Lässt sich das in den Betrieben überhaupt durchsetzen?“ Wie sieht die Finanzierung aus? Wie die Skalierbarkeit? Welcher Partner produziert die Roboter? Für die Antworten bleibt wenig Zeit, schon kommt das Ausgangsstockwerk in Sicht. Niss und Gspandl schütteln sich die Hände, der nächste Kandidat steigt zu.

          Einer der Juroren ist auch Harald Mahrer, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium. Obgleich er selbst erst 42 Jahre alt ist, hat er schon viel Erfahrung mit Existenzgründungen. 1999 rief er den ersten Inkubator in Österreich ins Leben, wie er sagt, also ein Gründerzentrum. Seit 15 Jahren arbeitet er als Business Angel, als Berater und Förderer junger Unternehmen. „Über meinen Schreibtisch sind schon mehr als 1000 Geschäftspläne gegangen.“ Die zeitliche und räumliche Enge der Paternosterfahrt findet Mahrer ideal, um den jungen Leuten auf den Zahn zu fühlen. „Ich frage immer zuerst nach den größten Problemen. Wenn sie sagen, sie haben keine, sind sie entweder nicht ehrlich, oder sie brauchen uns nicht.“

          Die dreizehn Start-ups, die sich im Paternoster und zusätzlich an vielen bunten Ständen präsentieren, stammen aus den unterschiedlichsten Branchen und Ländern. Ein umweltbewusstes Unternehmen aus Wien stellt „Wohnwaggons“ her, auf Anhänger montierte Unterkünfte. Die bewegliche Holzhütte, die ohne Strom- und Wasseranschluss auskommt, sieht wie eine Sauna auf Rädern aus. Optoforce aus Budapest hat ein optisches Messgerät entwickelt, das verschleißfrei Druck und Kräfte misst. Um es auszuprobieren, können die Geld- und Ideengeber mit einem Holzhammer auf einen Sensor einschlagen - ein kleiner Hau-den-Lukas im 21. Jahrhundert.

          Eine App für die Parkplatzsuche

          Martin Ohneberg, Geschäftsführender Gesellschafter des Automobilzulieferers Henn aus Vorarlberg, hat sich die ungarischen Gründer genau angesehen, findet aber andere Präsentationen überzeugender. Am besten gefällt ihm Parkbob, ein Applikationsprogramm für internetfähige Telefone. Wiener Tüftler haben diese Anwendung entwickelt, um bei der Parkplatzsuche zu helfen.

          Die App sammelt anonym die Position von Nutzern, die eine Stellfläche belegen oder verlassen. Sie warnt vor Parkverboten, meldet freie Plätze, lotst Suchende ans Ziel und stellt, falls gewünscht, elektronische Parkscheine aus. Der Investor Ohneberg kann sich gut vorstellen, bei der nächsten Finanzierungsrunde in Parkbob einzusteigen: „Ich habe denen schon mal meine Visitenkarte dagelassen.“ Was im Kleinen klappt, könnte die Gründungskultur im ganzen Land verbessern, hoffen die Veranstalter. Der Austausch mit den Jungspunden soll frischen Wind in die etablierten Unternehmen wehen. Zugleich können die Gründer im besten Fall von der Expertise, den Beziehungen und nicht zuletzt vom Geld der Alteingesessenen profitieren.

          Es falle den Geschäftsanfängern oft schwer, in Österreich Partner zu finden, sagt JI-Geschäftsführer Amor. „Viele Talente gehen ins Ausland, zum Beispiel nach Deutschland. Da kann der Paternoster-Pitch vielleicht ein bisschen gegensteuern.“ Der erste Preis des Wettbewerbs besteht aus einem Gutschein über 5000 Euro für eine Rechtsberatung. Außerdem dürfen die Gewinner einen Tag lang das Management beim Halbleiterhersteller Infineon in Villach in Kärnten löchern, zu jeder Frage über Entwicklung, Vertrieb, Verkauf oder Finanzierung.

          Freuen kann sich über die Auszeichnung in diesem Jahr das Unternehmen Panono. Die Gesellschaft entwickelt 360-Grad-Kameras zum Preis von 3500 Euro mit einer, wie die Gründer sagen, zuvor unerreichten Bildauflösung. Panono hat die österreichischen Juroren im Paternoster am meisten überzeugt. Dabei sitzt das Unternehmen gar nicht in dem Alpenland, sondern in Berlin. Die Stadt ist neben Wien eine weitere dynamische Gründerhochburg, und auch hier gibt es - zum Glück - noch den einen oder anderen Paternoster.

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