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Interview : „Reines Online-Netzwerken ist Blödsinn“

Sich bloß virtuell zu kennen, reicht nicht, sagt Doris Brenner. Bild: AP

Wer Karriere machen will, knüpft viele Verbindungen. Manche sammeln jedoch Kontakte wie Trophäen — ohne Rücksicht darauf, ob die Chemie stimmt. Eine Führungskräfteberaterin verrät, wie es besser geht.

          5 Min.

          Frau Brenner, Netzwerken scheint das neue Mantra in der Berufswelt zu sein. Erstaunlich, wer sich so alles in beruflichen Netzwerken tummelt und dort auf seine 999-Plus-Kontakte verweist.

          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Was diejenigen stolz macht, das macht mich misstrauisch. Niemand kann zu mehr als 1000 Menschen intensive Kontakte pflegen. Ich sage da Vorsicht, Vorsicht.

          Als Personalentwicklerin, Karriereberaterin, Coach, Referentin und Gründungsvorstand der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung dürften Sie selbst in den Netzwerken aber durchaus begehrt sein.

          Ich akzeptiere eine Kontaktanfrage nur, wenn ich eine Person persönlich kennengelernt habe oder sie mir von einem vertrauenswürdigen Menschen empfohlen wurde.

          Und wenn das nicht der Fall ist?

          Dann nehme ich telefonisch Kontakt auf und frage konkret nach, warum sich jemand mit mir vernetzen möchte. Ist das eine 0815-Anfrage, dann lehne ich das ab. Das muss schon seriös sein, ich bin da sehr zurückhaltend, weil ich mit meinem Namen bürge.

          Manche dürften dennoch einfach nur auf „akzeptiert“ klicken und sich gar nicht erst die Mühe machen, zu recherchieren, das heißt zu telefonieren.

          Ja, aber die Mühe lohnt sich. So gab es einen Personalberater, der sich über Xing mit mir verknüpfen wollte und auf eine gemeinsame Bekannte verwies. Ich kannte den Mann aber nicht. So habe ich diese Bekannte angerufen, da stellte sich heraus, dass sie den Herrn auch nicht kannte. Wenn man das zu Ende denkt, so kann sich jeder ein großes Netzwerk aufbauen, ohne die anderen überhaupt zu kennen. Das lehne ich ab.

          Andere sind da weniger zurückhaltend, setzen auf Quantität statt Qualität.

          Das wundert mich. Ein wirkliches, stabiles Netzwerk erkennt man nicht daran, wer mit wem auf einer virtuellen Plattform verknüpft ist. Ich möchte auch gar nicht, dass jeder weiß, mit wem ich einen engen Kontakt habe, ich will das nicht preisgeben, das soll nicht für jeden lesbar sein. Kurzum, ich will Privatsphäre und kein gläserner Mensch sein.

          Warum soll ich denn überhaupt netzwerken? Bei manchen scheint das nach oder während der Arbeit von der Neben- zur Hauptsache geworden zu sein.

          Um das Risiko zu minimieren, mit guten Ideen zu scheitern. Um eigene Vorstellungen und Ziele verwirklichen zu können, muss man sich mit den richtigen Menschen verbinden. Die Idee des Netzwerkens ist uralt, ob man nun die alten Gilden anguckt oder die Suffragetten. Das ist ein Urbedürfnis von Menschen. Und es hat auch einen ökonomischen Faktor, denn gemeinsam erreicht man leichter etwas.

          Der Schritt zur Vetternwirtschaft scheint kein großer zu sein.

          Sich zu vernetzen darf natürlich auf keinen Fall dazu führen, Fragen der Fairness und der Qualität zu vernachlässigen. Dann wäre das tatsächlich Vetternwirtschaft. Es geht immer um Haltung. Die eigene moralische Haltung ist für mich der Maßstab, mit jemandem in Kontakt zu treten, ihn möglicherweise um eine Empfehlung zu bitten.

          Das hat aber schnell einen Beigeschmack, den anderen zu benutzen.

          Diesen Einwand höre ich öfter. Ich gebe regelmäßig Seminare zur beruflichen Orientierung, unter anderem bei Doktoranden der Ludwig-Maximilians-Universität in München, das sind oft Natur- und Geisteswissenschaftler, und am Karlsruher Institut für Technologie, einer Premiumhochschule für Ingenieure. Tatsächlich fragen die Absolventen kritisch nach, ob es denn nicht reiche, sich einfach auf Stellenanzeigen zu bewerben.

          Und reicht das? Braucht es Empfehlungen? Da steigen unangenehme Bilder von ehrgeizigen Vätern auf, die auf dem Golfplatz ihre untalentierten Söhne den Geschäftspartnern andienen.

          Genau das lehne ich ab. Da muss man unterscheiden. Mir geht es nicht um die ehrgeizige Mutter, die sagt: Das regele ich schon! Da bringe ich dich rein! Es geht beim Netzwerken nicht darum, das gleiche Parteibuch oder den gleichen familiären Hintergrund zu haben. Ich denke an selbsterarbeitete Leistung. Zum Beispiel an Praktika, die der Bewerber gemacht hat, wo er sich gut integriert, gute Arbeit geliefert hat. Das hat er sich doch selbst erarbeitet, dafür muss er sich nicht schämen. Auf diese selbstgeknüpften Kontakte sollte man zurückgreifen. Das ist aber der Mehrzahl der jungen Absolventen nicht klar.

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