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Personalmanager Sattelberger : „Die Vorstandsfrau als Alibi ging in die Hose“

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Die staatlich verordnete Quote allein bringt Frauen nicht nach oben. Bild: neuebildanstalt/Raupach

Die Frauenquote kommt. Das ist aber erst der Anfang in einem Entwicklungsland der Arbeitskultur, sagt Top-Personalmanager Thomas Sattelberger. Denn die Diskussion um die Quote wurde zu lange zu archaisch geführt.

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          Herr Sattelberger, Sie gelten als männlicher Vorkämpfer der Frauenquote. Wie haben Sie die Einigung der Koalition zur Quote erlebt, die das Kabinett an diesem Mittwoch beschließen will?

          Als ich irgendwann nachts erfahren habe, dass die Einigung steht, habe ich schon ein gutes Glas Riesling darauf getrunken. Ich dachte: Mensch, das war zwar ein politisch elend langer Prozess, aber es ist dennoch für die Frauenförderung in diesem Land ein Durchbruch.

          Die Quote ändert also alles zum Guten?

          Das jahrelange Gezerre hat das Thema schwer beschädigt. Die Quote ist so lange archaisch hin und her diskutiert worden, dass die Entscheider in der Wirtschaft irgendwann entnervt waren. Eigentlich ist sie nur der erste Schritt. Denn seit der Selbstverpflichtung zur Frauenförderung 2001 haben die Unternehmen doch kaum etwas getan. Das war ein hohles Versprechen. Deswegen beginnt die harte Kärrnerarbeit erst jetzt. Wobei die Herausforderung vor allem bei der flexiblen Quote in Führungspositionen liegt. Deshalb hat sich der Widerstand der Unternehmen ja auch nicht mehr großartig gegen die 30-Prozent-Quote im Aufsichtsrat gerichtet, sondern gegen den Einbezug von ein paar tausend Mittelständlern in die Quote für das operative Führungspersonal.

          Unter den Kritikern der Quote waren auch viele Frauen. Liegen die alle falsch in eigener Sache?

          In Deutschland gibt es in der Tat unheimlich viele Gegner der Quote, verglichen mit anderen Ländern wie etwa Frankreich. Bei den Frauen haben wir ein Verhältnis von etwa 50:50, bei den Männern sind die Kritiker mit 70:30 in der Mehrheit. Dahinter stecken sehr tradierte Vorstellungen davon, wer zu Hause und im Beruf was zu machen hat. Aber egal, ob wir über Frauen reden oder die Sitzfleischkultur oder über Arbeitszeiten - Deutschland ist in Sachen Arbeitskultur ein Entwicklungsland. Wir hinken anderen großen Wirtschaftsnationen um zwei Jahrzehnte hinterher. Das ist ein trauriger Befund. Aber ich merke zumindest in meinem persönlichen Umfeld, dass jetzt einflussreiche Frauen sagen: „Es ist gut, dass die Quote jetzt gekommen ist.“

          Verfechter der Frauenquote seit Urzeiten: Thomas Sattelberger, bis 2012 Personalchef der Telekom.

          Welche Schritte muss das Entwicklungsland Deutschland denn aus Ihrer Sicht noch gehen?

          Ich bin ein Gegner einer wollüstigen Work-Life-Balance-Philosophie für alle und jederzeit. Aber ich bin für mehr Souveränität bei der Arbeitszeitgestaltung in kritischen Phasen. Wer eine Familie gründet, muss einfach häufiger von zu Hause aus arbeiten können. Und wichtige Besprechungen müssen für alle vereinbar sein. Wäre das der Fall, würden mehr Männer auch länger als zwei Monate in Elternzeit gehen. Wir müssen auch Karrierewege neu festlegen. Die schnelle Jungmännerlaufbahn zwischen 27 und 35 Jahren ist überholt. Auch mit 40 oder 50 Jahren muss der Weg nach oben offen sein. Und Teilzeitkarrieren sind nötig, Führung per Homeoffice ist möglich.

          Halten Sie Führung mit 20 Wochenstunden wirklich für machbar?

          Vielleicht nicht mit 20 Stunden, aber mit 25 schon. Schauen Sie doch mal nach Skandinavien. Da können Chirurgen weniger arbeiten. Das wäre hier ein Tabubruch, wenn die Halbgötter in Weiß auf Teilzeit runterschalten würden.

          Mal Hand aufs Herz: Hätten Sie im Vorstand der Telekom Ihre Arbeit wirklich in 30 Stunden erledigen können?

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