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Interview : „Ein Roboter als Chef hätte Vorteile“

Luis Alvarez Bild: Getty

Roboter leiden weder unter Launenhaftigkeit, noch unter Jetlags, sagt Luis Alvarez, Vorstandschef von BT Global Services. Generell hält er Roboter für sehr viele Tätigkeiten für geeignet. Aber nicht für alle.

          3 Min.

          Herr Alvarez, in Davos wird diesmal viel über den Siegeszug der künstlichen Intelligenz geredet - sehr viele häufiger als noch vor zwölf Monaten. Was hat sich in dieser Zeit denn eigentlich verändert?

          Künstliche Intelligenz gibt es zwar schon seit Jahrzehnten. Aber der Ausdruck ist für viele Menschen abstrakt geblieben. Das hat sich geändert: In den vergangenen Monaten konnte man plötzlich Angebote erleben und nutzen, die auf künstlicher Intelligenz aufbauen, die jedermann zur Verfügung stehen - und die den Entwicklungen auf dem Gebiet einen neuen Schub gegeben haben. Zum Beispiel ist ein in der Cloud verfügbares „kognitives Rechensystem“ weit verbreitet; und das ist nur ein Beispiel. Künstliche Intelligenz ist über die Angebote in der Cloud sehr viel günstiger geworden und dadurch für viel mehr Unternehmen interessant geworden. Auch das ist etwas, was sich verändert hat.

          Wo finden wir künstliche Intelligenz denn in unserem Alltag?

          Viele unserer Kunden sowie andere Internetnutzer profitieren zum Beispiel täglich von den maschinellen Lernfähigkeiten unserer Sicherheitssysteme. Unsere „Threat Intelligence“-Systeme können neue und bislang unbekannte Cyberbedrohungen erkennen und die Netzwerke sowie IT-Systeme vieler Unternehmen schützen - für die meisten Menschen geschieht dies jedoch unbemerkt. Vor kurzem hat künstliche Intelligenz zudem begonnen, in die Haushalte einzuziehen, und wird dadurch in unserem Alltag sichtbar. Von Apples Assistenten Siri angefangen bis zu Amazons Echo verwenden wir jetzt Systeme, die lernen können, unsere Stimmen zu verstehen und zu interpretieren, unsere Gewohnheiten zu kennen und Kaufvorlieben vorherzusagen. Auf diesem Gebiet wird in den kommenden Jahren noch sehr viel mehr geschehen.

          Welche Entwicklung können wir in den nächsten drei bis fünf Jahren erwarten?

          Roboter werden selbst in komplizierteren Situationen Entscheidungen treffen können, was derzeit noch nicht der Fall ist. Und da sie klüger werden, werden sie in der Lage sein, immer anspruchsvollere Arbeitsaufgaben zu übernehmen und menschliche Arbeit entsprechend zu entlasten. Die Menschen werden sehr viel mehr Zeit für wertvollere Arbeiten oder auch mehr Freizeit haben, im positiven Sinne.

          Und wie sollten traditionelle Unternehmen auf diese Entwicklung reagieren?

          Ich denke, jedes Unternehmen sollte sich die Frage stellen, wie künstliche Intelligenz ihm helfen kann, sein Geschäftsmodell zu verbessern. Erfolgreiche Unternehmen machen das derzeit zunächst beim Kundendienst. Die Vertiefung und die intensivere Interaktion mit den Endkunden ist ein Bereich, in dem künstliche Intelligenz Wert schaffen kann. Die Zukunft von gesteigerter Produktivität und unternehmerischem Erfolg ist weder menschlich noch maschinell - sie ist beides. Technik kann Menschen helfen, besser zu arbeiten, intelligenter und schneller. Wir Führungskräfte müssen zugleich überdenken, wie Menschen weiterhin engagiert mitarbeiten können - und wie man die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine möglichst nahtlos gestaltet.

          Wohin führt uns künstliche Intelligenz auf lange Sicht?

          Insbesondere wird sie dazu beitragen, die sich wiederholenden Aufgaben zu automatisieren, wodurch wir produktiver werden. Deshalb haben wir dann mehr Zeit, neue Dinge zu lernen und mit anderen besser zusammenzuarbeiten. Die Digitalisierung wird neue Arbeitsplätze schaffen, die neue Kompetenzen erfordern. Und das gilt nicht nur in der IT-Branche, sondern weil neue Geschäftsmodelle entstehen, die vor einigen Jahren nicht möglich gewesen wären.

          Denken Sie, dass wir Menschen schon die richtigen ethischen Antworten auf die Veränderungen und Herausforderungen, die künstliche Intelligenz bringen könnte, gefunden haben?

          Ich denke, dass künstliche Intelligenz, wie auch andere Aspekte der Digitalisierung, Chancen und Risiken bringt. Sie ist nicht gut oder schlecht. Es geht um die Art, wie wir sie einsetzen. Ich denke, der Schlüssel ist: Wir brauchen Transparenz, und wir müssen den Menschen die Wahl geben. Wir müssen jedem Einzelnen das Recht geben zu entscheiden, auf welcher Ebene er eine bestimmte Technik verwenden möchte, und wir müssen sicherstellen, dass wir keine Prozesse oder Algorithmen haben, die entscheiden, was wir gar nicht wollen, dass es von ihnen entschieden wird.

          Hat die künstliche Intelligenz das Potential, Chefs wie Sie auf Dauer zu ersetzen?

          Einen Roboter als Vorstandsvorsitzenden eines Unternehmens einzusetzen hätte einige Vorteile. Erstens könnten sie in der Lage sein, bessere, verantwortungsvollere Entscheidungen zu treffen. Wenn ich ein schlechtes Treffen gehabt habe, unter Jetlag leide oder einfach andere Sachen im Kopf habe, könnte meine Entscheidungsfindung beeinträchtigt werden. Roboter kennen diese Unberechenbarkeit im wahrsten Sinne des Wortes nicht. Ihre Entscheidungen sind eher konsistent, basierend auf Tatsachen.

          Aber?

          Aber es gibt einige offensichtliche Bereiche, in denen die Fähigkeiten, die eine Führungskraft im Laufe ihrer Karriere aufgebaut hat, denen eines Roboters überlegen sind. Zum Beispiel die Fähigkeit zu kritischem Denken und die Kreativität, auch die Fähigkeit, über einen Algorithmus nachzudenken. Meiner Ansicht nach sollten wir künstliche intelligente Systeme zwar als Mitarbeiter einbeziehen und in unsere Sitzungsräume einladen. Das Automatisieren von Aufgaben und sogar von Entscheidungsfindungen könnte mich nicht nur produktiver und reaktionsfähiger machen. Es könnte mich auch dazu befähigen, meine Arbeitszeit für lohnendere Dinge einzusetzen. Man darf aber auch nicht vergessen, was es für Auswirkungen auf die Mitarbeiter hätte, wenn sie plötzlich von einem Roboter geführt würden. Als Führungskräfte müssen wir unsere Teams motivieren und inspirieren, vor allem in Zeiten der Ungewissheit. Kann das ein Roboter? Kann er den Zustand der Welt verbessern? Vielleicht eines Tages, aber noch nicht.

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