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Intelligenz im Beruf : Hochbegabt und tief gestapelt

Viel IQ, viel Karriere? Die Rechnung geht nicht auf. Bild: Eva Revolver

Wer besonders intelligent ist, macht im Eiltempo Karriere - falsch gedacht! Warum Blitzgescheite oft beim Aufstieg scheitern und viele ihre Gabe sogar geheim halten.

          6 Min.

          Marc Messer hat keine Scheu, über seine Hochbegabung zu sprechen. Dann wäre er auf seinem Posten als Pressesprecher des Vereins Mensa in Deutschland auch fehlbesetzt. Der gelernte Siebdrucker und studierte Politologe und Diplomkaufmann engagiert sich für die Menschen, die sich dort zusammengeschlossen haben und über überdurchschnittliche Intelligenz verfügen. Aufgenommen wird nur, wer einen IQ von mehr als 130 nachweisen kann. Man ist unter sich und muss sich und seine Intelligenz nicht erklären. Das entspannt ganz ungemein. Anders der Alltag mit durchschnittlich intelligenten Menschen. Denn da fallen Hochbegabte leicht durchs Raster der Regeln, die einzuhalten sie nicht einsehen. Provokant zitiert Messer den Spontispruch: „Sei klug, stell dich dumm.“ Und er ist überzeugt: 98 Prozent der Mensa-Mitglieder würden im Beruf nie sagen, dass sie in diesem Verein sind. Denn dann träfen sie auf Unverständnis und „einen gewissen Neid“.

          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Er nennt ein Beispiel: Streikt die neue Telefonanlage, stürzt das Computerprogramm ab, werde sofort nach dem Hochbegabten gefragt. Der kann das doch bitte schön aus dem Effeff reparieren. Kann er natürlich nicht. Dann erntet er freche Kommentare nach dem Kaliber: Bist du sicher, dass du den richtigen Test gemacht hast? Du bist ja gar nicht so intelligent!

          Hochbegabte müssen vor allem eines hinbekommen, wenn sie im Berufsleben bestehen wollen: Sie müssen eine ungeheure Anpassungsleistung erbringen, sonst wirkt sich ihre besondere Begabung nicht als Bereicherung, sondern als Belastung aus. All das führt dazu, dass eine berufliche Karriere keineswegs ein Selbstläufer ist. Hochbegabung korreliere zwar mit einem hohen Einkommen, nicht aber mit Erfolg im Beruf, da besteht keine Kausalität, sagt Marc Messer. Einer der Gründe: Blitzgescheiten fällt es schwer, sich an strenge Hierarchien anzupassen oder Chefs zu unterwerfen, die ihnen geistig unterlegen sind. So ereilte eine 40 Jahre alte Abteilungsleiterin mit Ausnahme-IQ ein Mail- und Konferenzverbot. Die Vorgeschichte: Sie hatte ihren Chef vertreten. Als der nach langem Urlaub zurückkam, wandten sich die Kollegen weiterhin an seine Stellvertreterin, die effizienter entschied. Das bedrohte den Chef, die Kollegin wurde kaltgestellt. Also führt ein Königsweg vieler Hochbegabter in die Selbständigkeit. „Dann müssen sich andere an ihre Marotten anpassen“, lacht Messer.

          „Ich möchte mich nicht mehr als arrogant kritisieren lassen“

          Chefs können in ihrem eigenen Tempo arbeiten. So wie der Wahlmünchner Klaus. Der BWLer hat sich nach mehreren Festanstellungen in der Medienbranche selbständig gemacht. Die Geschäfte laufen gut, der Mann ist schlagfertig und kann seinen Charme anknipsen. Ein Dasein als Angestellter ist dem 47 Jahre alten gebürtigen Frankfurter mittlerweile unmöglich: „Ich erkenne Zusammenhänge schneller als andere und möchte mich dafür nicht mehr als arrogant kritisieren lassen. Vor allem will ich mich nicht mehr von Menschen herumkommandieren lassen, deren Entscheidungen ich für falsch halte.“ Das unternehmerische Risiko scheut er nicht. „Ich weiß gut, was ich kann und was ich nicht kann.“ Er macht alles selbst, ist fit in Buchhaltung, installiert in Rekordtempo benutzerunfreundliche PC-Programme und genießt es, sein eigener Herr zu sein. Ein Oberstufenlehrer seines ehemaligen Gymnasiums in Frankfurt hatte den Heavy-Metal-Fan damals zum Intelligenztest gedrängt und freute sich mit seinem flippigen Ausnahmeschüler über das gute Ergebnis. Seitdem weiß der Mehrsprachler mit seiner Ungeduld besser umzugehen, wenn er Dinge längst verstanden und durchschaut hat, die andere noch vor unüberwindbare Lösungsprobleme stellen. Nur privat beschert ihm seine hohe Auffassungsgabe manchmal Konflikte, und er wird unwirsch, beruflich hat er sein Wissen effektiv kanalisiert.

          Einig sind sich beide Wirtschaftswissenschaftler, dass es wohltuend war, zu erfahren, warum sie anders ticken als Mitschüler und Kollegen, und die eigene Hochbegabung früh zu erkennen. „Das verändert die Einstellung zu sich selbst und zu anderen und gibt eine Ruhe und Gelassenheit, mit sich umzugehen. Ich bin nicht falsch oder schlechter als die anderen, ich bin anders begabt“, betont Marc Messer, dem Konformität spürbar unangenehm ist. „Wenn man das weiß, dann findet man leichter zu der Haltung: ,Ich bin okay, du bist okay.‘ Davon, sich als Superschlauer zu sehen und andere abzuwerten, warnt er ausdrücklich. Er bedauert es, dass der Umgang mit Leuten, die abweichen, vielen so schwerfällt. „Sieht man eine Familie mit einem behinderten Kind, sind viele Leute unangenehm berührt. Warum werden Leute außerhalb der Norm ausgegrenzt?“ Dabei gebe es Unternehmen, die beispielsweise bewusst Autisten einstellen, „weil die extrem gut in der Fehlersuche sind und ihre Fähigkeiten optimal ausleben können“.

          Aber herausragende Ideen geraten in mittelmäßigen Teams unter mittelmäßiger Führung leicht zur Bedrohung. Mit hoher Denkgeschwindigkeit und großer Denktiefe können nur souveräne Menschen umgehen. Dann wird es schwierig, warnt Messer, der in der Druckindustrie ein erfolgreicher Einzelkämpfer im Vertrieb ist. „Hochbegabte arbeiten mit angezogener Handbremse, verstellen sich, um nicht als Klugscheißer abgetan zu werden. Das macht sie unauthentisch. Die Frage ist, wie viel angezogene Handbremse ist richtig und wie viel Vorpreschen?“ Hier das richtige Maß zu finden sei die eigentliche Herausforderung.

          Hausaufgaben morgens im Bus gemacht

          Pia Kern, die anders heißt, hat die Oberstufe mit angezogener Handbremse besucht. Ihr fiel das Lernen leicht, sie durfte lesen oder zeichnen, wenn die Mitschüler noch über Aufgaben grübelten, „die Lehrer haben das toleriert“. Aber in der Pubertät wurde klar, dass die Einserschüler es schwerer hatten, integriert zu sein. „Man wird nicht mehr so gemocht. Ich habe dann manchmal Hausaufgaben morgens im Bus gemacht und mich zurückgehalten“, sagt die junge Frau, die „ganz normal“ in einer nordhessischen Kleinstadt aufgewachsen ist. Heraus kam immer noch ein Abi-Schnitt von 1,9. Im Assessment-Center zum dualen Studienplatz folgte dann „eine frustrierende Erfahrung“. Die Jury bat sie zum Einzelgespräch: Der IQ-Test habe ein herausragendes Ergebnis, die Kandidatin sei überqualifiziert für diese Ausbildung. In Mannheim bekam Pia Kern dann einen Studienplatz, Schwerpunkt Automobilhandel, hat noch den Master gemacht und arbeitet jetzt im Online-Marketing. Zur Arbeit geht sie gern. „Die Stelle ist abwechslungsreich, ich kann eigenständig und autonom arbeiten.“ Rücksprache mit der Chefin soll sie nur halten, wenn sie selbst Bedarf sieht. Hohe Eigenverantwortung, großer Gestaltungsspielraum, viel Vertrauen, wenig Kontrolle, all das ist eine Art Glücksgarant für Hochbegabte.

          Mittlerweile kann Pia Kern ihre Begabung gut einbringen. Sie macht zurzeit eine Elternvertretung, kommt kollegial gut zurecht. Freundlich sagt sie: „Ich glaube, ich bin eine ganz sympathische Person.“ Das ist auch ein Grund, weshalb sie sich interviewen lässt. „Es gibt so viele Vorurteile, dass wir eine Störung haben, sozial auffällig sind. Das ist nicht so.“ Statt zu lernen, habe sie sich halt ihren Hobbys, Tennis, Volleyball und ihrem Pferd, gewidmet. Von anderen wünscht sie sich, hochbegabte Kollegen als Chance wahrzunehmen und offen für deren Feedback zu sein. „Ich bin gerne bereit, meine Meinung zu sagen, das heißt aber nicht, dass ich diese Aufgaben übernehmen möchte oder an Posten kratzen will, es geht rein um die Sache.“ Karrierestreben oder Ellbogendenken sei bei vielen Mensa-Mitgliedern „eher unterentwickelt“, davon ist die 31-Jährige überzeugt. Wenn sie dann trotzdem andere auf mögliche Lösungen hinweisen, werde das als Angriff gewertet. „Das führt dazu, dass man seine Meinung lieber für sich behält. Dadurch wird Potential nicht genutzt“, bedauert sie. Die Tochter eines Arztes und einer Apothekerin arbeitet übrigens gern im Team. „Vorausgesetzt, dass ich Teilaufgaben eigenständig erledigen kann. Ich bin oft schneller als die anderen und langweile mich sonst. Und wenn ich mich nebenbei beschäftige, sind die Kollegen irritiert. Das ist sozial nicht akzeptiert, und deshalb muss ich mich manchmal zurücknehmen.“

          Eine Mission Marc Messers besteht darin, dass der eloquente 44-Jährige nicht möchte, dass es anderen so ergeht wie ihm selbst. Denn seine Hochbegabung wurde erst vor vier Jahren festgestellt. Als gelangweilter Schüler kasperte er vor lauter Unterforderung herum - der Klassiker schlechthin. Seine Leistungen waren nur ausreichend. „Vier gewinnt“, lacht er, aber sein Lachen klingt bitter. Dass er nach Jahrzehnten noch weiß, was es mit dem physikalischen Phänomen der gedeckten Pfeife auf sich hat und schon als Knirps fit in russischer Raumfahrt war, das nützte ihm nichts. „Für meine Eltern war das ein Albtraum. Mir aber hätte eine Gebrauchsanweisung fürs eigene Gehirn geholfen.“ Was genau meint er damit? „Das wichtigste, was man einem Kind mitgeben kann, ist der Umgang mit Mitmenschen und mit sich selbst. Ein Kind sollte seine eigenen Stärken kennen. Wenn es mit sich selbst nicht auskommt, wie soll das dann mit anderen gehen?“ Ihn nervt die „selbstkritische Rumreiterei“ auf den eigenen Schwächen und die Ratgeberliteratur, diese auszumerzen. „Hätte Boris Becker sich darauf konzentriert, ein guter Grundlinienspieler zu werden, anstatt seinen klasse Aufschlag zu trainieren, wäre er nie so weit gekommen!“

          Marc Messer setzt sich dafür ein, bei Kindern Hochbegabung früh zu erkennen. Bei seinen eigenen Töchtern versucht er herauszufinden, „wie sie lernen, einfach, damit sie leichter durch die Schule gehen“. Messer ist übrigens selbst in der Triple Nine Society, die Hochbegabte erst ab einem IQ von 145 aufnimmt und in die es auf der ganzen Welt nur 1750 Mitglieder geschafft haben, in Deutschland sind es mit ihm 67. Bei Mensa werde wenig verglichen, berichtet Marc Messer. „Wir sind alles Rennpferde. Wir haben alle dort schon Kollegen oder Bekannte kennengelernt, die besser Schach spielen, so dass wir nur verstehen, dass wir es nicht verstehen.“

          Es gibt mehr, als man denkt

          Es gibt mehr, als man denkt Rund 1,6 Millionen Menschen in Deutschland haben einen Intelligenzquotienten von mehr als 130. Sie gelten als hochbegabt. Wer mindestens 14 Jahre alt ist und wissen will, ob er dazugehört, kann beim Hochbegabtenverein Mensa Deutschland für 49 Euro einen Test machen, unter Zeitdruck und in Klassenraumsituation. Der Verein hat 13 000 Mitglieder, darunter viele Maschinenbaustudenten, Informatiker und Mathematiker, also zahlengetriebene Menschen.

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