https://www.faz.net/-gyl-95isb

Neue Arbeitswelt : Das sind die schrägsten Chefs der Welt

  • Aktualisiert am
In Philip Siefers Start-up basteln alle Mitarbeiter an den Gehaltsmodellen mit.
In Philip Siefers Start-up basteln alle Mitarbeiter an den Gehaltsmodellen mit. : Bild: Anton Hallmann

Ursprünglich angetreten ist Siefer mit der Losung, dass das Geldverdienen nicht länger Hauptziel der Berufstätigkeit sein sollte, dass andere Werte zählten und daher seine Mitarbeiter bitte schön auch selbst bestimmen sollten, was sie verdienen. Weil Siefer auch keine Arbeitszeitvorschriften machen wollte, darf bei Einhorn jeder kommen und gehen, wann er will, Urlaubsregelungen gibt es auch nicht. Aber mittlerweile, mit immerhin 20 Mitarbeitern, kam es, wie es kommen musste. „Manche arbeiten fünf Tage in der Woche, manche vier, manche drei“, sagt Siefer. Aber: „Ist es okay, wenn jemand nur drei Tage arbeitet, aber mehr Gehalt bekommt als jemand, der Vollzeit arbeitet? Brauchen Kreative mehr Freizeit zum Denken? Schwierig.“

Seit kurzem bestimmt daher ein „Gehaltsrat“ die Löhne bei Einhorn. Es gibt eine fixe Komponente, die sich nach Bildungsgrad und Berufserfahrung richtet. Es gibt Zuschläge, etwa rund 600 Euro mehr, wenn jemand ein Kind hat. Und schließlich darf sich jeder noch variabel obendrauf schlagen, so viel er möchte – allerdings nicht, ohne dies in einer Unternehmensversammlung vor der kompletten Mannschaft ausführlich zu begründen.

Ob das Modell funktioniert, bleibt abzuwarten. Fest steht, dass Siefer schon wieder neue Ideen hat, wie er die Diskussion, ob er „bester Chef“ ist, noch eine Weile aufrechterhalten könnte. Neben dem Gehaltsrat bastelt er nun an einem „Happiness-Rat“, in dem die Belegschaft regelmäßig zusammensitzen und überlegen soll, was sie abseits von Arbeitszeit und Geld glücklich machen würde. Erst kürzlich haben sich die Mitarbeiter etwa in einer Gemeinschaftsaktion ein Ferienhaus auf dem Land gekauft, von dem viele träumten, es sich einzeln aber nicht leisten konnten. Immerhin ist das ein Hinweis darauf, dass bislang in der Gehaltsfrage wohl noch keiner völlig über die Stränge geschlagen hat.

Marc Stoffel: Von den Mitarbeitern gewählt

Marc Stoffel führt seit gut vier Jahren die Haufe-Umantis AG. An die Spitze des Schweizer Software-Unternehmens, das Computerprogramme zur besseren Personalgewinnung entwickelt, ist der 35 Jahre alte Wirtschaftsinformatiker aber nicht auf gängige Art und Weise gelangt. Seit dem Abgang des Unternehmensgründers vor fünf Jahren entscheiden die Mitarbeiter, wer Vorstandsvorsitzender wird, demokratisch und in geheimer Abstimmung. Bei seiner Wahl bekam Stoffel 95 Prozent der Stimmen. Doch auf diesem Votum kann er sich nicht ausruhen. Seine inzwischen 200 Leute stimmen jedes Jahr abermals darüber ab, ob er sie weiter führen darf. Beim letzten Mal war es eng: Mit 69 Prozent Ja-Stimmen kam er nur knapp über die nötige Zwei-Drittel-Hürde. Eine Analyse ergab, dass es vor allem ein Unternehmensbereich war, der das Ergebnis nach unten gezogen hatte. Dort fühlten sich die Mitarbeiter vom steilen Wachstumskurs überfordert und mit ihren Problemen alleingelassen. Stoffel hat reagiert und an verschiedenen Stellschrauben gedreht. Dieses Beispiel zeigt aus seiner Sicht die seismographische Kraft des betriebsinternen Wahlsystems: „Wir geben den Mitarbeitern viel Macht. Dadurch erkennen wir schneller, wo die Probleme sind und können schneller reagieren.“

Marc Stoffel muss seinen Mitarbeitern gefallen, sonst wird er nicht wiedergewählt.
Marc Stoffel muss seinen Mitarbeitern gefallen, sonst wird er nicht wiedergewählt. : Bild: Anton Hallmann

Die Mitarbeiter entscheiden über alle Führungspositionen. Deren Zahl schwankt, weil die Mannschaft mehrheitlich der Meinung sein kann, dass es im stetigen Wandel der Geschäftsstrategie bestimmte Leitungsfunktionen gar nicht mehr braucht. Grundlage für die jeweiligen gemeinsamen Rollenbeschreibungen der Führungskräfte ist die Erkenntnis, dass es den Alleskönner, der die Mitarbeiter klug dirigiert, die Kunden perfekt bedient, den Markt versteht, Produkte entwickelt und die Finanzen durchblickt, gar nicht gibt. Der kluge Softwareentwickler ist nicht unbedingt ein Held in der Personalentwicklung. Das heißt aber nicht, dass sich außergewöhnliche Leistungen nicht auszahlen können: „Unser Gehaltsmodell honoriert die jeweilige Verantwortung und nicht die Führungsrolle. Das bedeutet: Ein guter Ingenieur darf mehr verdienen als sein Chef.“ Das demokratische Verfahren hat aber auch seine Tücken. Wer von seinen Kollegen nicht gewählt oder gar abgewählt wird, kann ganz schön frustriert sein.

Weitere Themen

Indiens Einhörner sind Gewinner der Krise

Razorpay oder Chargebee : Indiens Einhörner sind Gewinner der Krise

Von der westlichen Öffentlichkeit kaum beachtet wachsen in der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens erfolgreiche Start-ups heran. Die Zahl der mit einer Milliarde Dollar bewerteten Unternehmen steigt stetig. Staatsfonds aus aller Welt erkennen das nun.

Topmeldungen

Rutte fordert Orbán heraus : „Viktor, warum bleibst Du in der EU?“

Mit seiner Politik gegen Homosexuelle steht der ungarische Ministerpräsident im Kreis der Regierungschefs ziemlich allein da. Erstmals wird die Zugehörigkeit seines Landes zur Union offen in Frage gestellt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.