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Ingenieurinnen : Allein unter Männern

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Regina Palkovits über ihr Praktikum bei einem Aufzugbauer: „Ich war die erste Frau, die die Jungs zu Gesicht bekamen” Bild: Unternehmen

Girls Days und Technik-Workshops sollen mehr Frauen in Ingenieurberufe locken. Ob sich die Frauenquote in der Branche dadurch steigern lässt, ist umstritten. Viele Ingenieurinnen werden noch immer als Exotinnen gesehen.

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          Wer Ende der 70-er Jahre ein Mädchen war, hatte nur eine Wahl: Die zwischen Pippi Langstrumpf und ihrer Freundin Annika. Diejenigen, die sich mit der rothaarigen Heldin aus Astrid Lindgrens Filmklassiker identifizierten, kletterten auf Bäume und wollten Pirat werden. Die Anhängerinnen der fürsorglichen Annika spielten mit Puppen und studierten später Grundschullehramt. Heute ist die Suche nach Vorbildern komplizierter geworden. Es gibt zwar bessere Karrierechancen, aber die Entscheidung für einen angeblichen Männerberuf fällt jungen Frauen immer noch schwer. Gerade im Ingenieurwesen fehlen feminine „Role Models“, die helfen würden, das Image der Berufe zu verändern. Das wäre dringend nötig, denn Ingenieurberufe sind bei Frauen nach wie vor unbeliebt.

          Knapp sechzig Prozent der Abiturienten sind weiblich, aber nur neun Prozent der Elektrotechnik- Erstsemester. Laut einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft fehlen derzeit rund 70.000 Ingenieurinnen und Ingenieure. 7,2 Milliarden Euro gingen den Unternehmen dadurch im vergangenen Jahr verloren. In den kommenden Jahren, wenn geburtenschwache Jahrgänge die Universitäten verlassen werden, wird der Bedarf noch weiter steigen.

          „Wir brauchen vor allem mehr Vorbilder“

          Die Bundesregierung hat erkannt, dass sie gegensteuern und mehr Frauen in technische Studiengänge locken muss. Drei Millionen Euro hat das Bundesforschungsministerium in die Kampagne „Komm, mach MINT!“ gesteckt, die seit Mitte des vergangenen Jahres läuft. Gebündelt werden unter dem Dach dieses „nationalen Pakts“ für mehr Frauen in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) verschiedene Initiativen von Unternehmen, Organisationen und Hochschulen. Bei dem Projekt „Cybermentor“ sollen zum Beispiel Emailmentorinnen die Fragen von Schülerinnen beantworten. Das Projekt MINTIFF untersucht die Wirkung von Filmen auf weibliches Rollenverhalten und der deutsche Ingenieurinnen Bund e.V. (DIB) will mehr Drehbücher initiieren, in denen Ingenieurinnen als potenzielle Vorbilder vorkommen. Die Deutsche Telekom Stiftung und die Fraunhofer-Gesellschaft wollen gemeinsam bis 2010 dreißig Talent Schools für Schüler ausrichten, mindestens die Hälfte aller Kursteilnehmer sollen Mädchen sein. Natürlich sind all diese Programme begrüßenswert. Dennoch bleibt fraglich, was die Maßnahmen wirklich bringen - und was die Frauen zu der neuen Förderwelle sagen.

          AMD-Testingenieurin Andrea Scharfe: „Die Begeisterung für Technik muss schon im Elternhaus geweckt werden”
          AMD-Testingenieurin Andrea Scharfe: „Die Begeisterung für Technik muss schon im Elternhaus geweckt werden” :

          „Kampagnen für mehr Frauen in MINT-Berufen sind hilfreich, aber wir brauchen vor allem mehr Vorbilder und müssen junge Frauen im persönlichen Kontakt für Ingenieurberufe begeistern“, sagt Armgard von Reden, Leiterin des „German Womens Leadership Councils“ bei IBM. Unter der Federführung von IBM haben Managerinnen auf der diesjährigen Cebit eine Carta unterschrieben, die alle Beteiligten verplichtet, beruflich und privat um Frauen zu werben. Auch Berufsberater müssten mehr in die Pflicht genommen werden, meint Armgard von Reden: „Ich kenne keine IBM-Mitarbeiterin, der bei der Berufsberatung empfohlen wurde, einen technischen Beruf zu ergreifen.“

          Bilder von Männern mit Halbglatze und Bauchansatz

          Tatsächlich könnte mehr Gender-Kompetenz der Arbeitsagentur nicht schaden. Wer sich im „Berufenet“, dem Online-Angebot der Arbeitsagentur, über den Ingenieurberuf informieren möchte, findet dort Bilder von Männern mit Halbglatze und Bauchansatz, die entweder auf Baustellen herum stehen oder in hässlichen Büros sitzen. „So etwas ist nicht gerade stimulierend für junge Frauen“, sagt Armgard von Reden.

          Andrea Scharfe glaubt, dass es nicht reicht, junge Frauen zu motivieren. Die 27-Jährige ist Testingenieurin bei der Computerfirma AMD. „Die Begeisterung für Technik muss schon im Elternhaus geweckt werden. Gegen Ende der Schulzeit ist da nicht mehr viel zu machen, auch nicht durch Girls Days“, sagt sie. Andrea Scharfe ist in den neuen Bundesländern aufgewachsen. Ihre Eltern sind beide Ingenieure. Durch ihre Mutter hat sie gesehen, dass Ingenieurinnen nicht nur Hosen tragen und kurze Haare haben. Bis heute ist das ein typisches Rollenklischee von Frauen in technischen Berufen. Sexy zu sein, ist karrieretechnisch eher ein Hindernis.

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