https://www.faz.net/-gym-9lddo

Textil-Ingenieure : Tüfteln im Faserland

Raffinierte Textilien sind längst auch im Gesundheitswesen unverzichtbar. In den Medizinhallen des Instituts entwickelt ein Team um Andreas Blaeser medizinisches Fasermaterial, textile Implantate und textilbasierte Body-Monitoring-Systeme. „Darüber hinaus erforschen wir 3D-Biodruckverfahren, mit denen textile Stoffe zu lebendem Gewebe und Organoiden herangezüchtet werden können“, erklärt der promovierte Maschinenbauingenieur. Diese können in Zukunft als biologisierte Implantate oder zur Reduktion von Tierversuchen genutzt werden.

Im Anschluss führt Blaeser zu einer Männerbüste, die ein ganz besonderes T-Shirt mit integrierten Sensoren trägt: Risikopatienten ziehen das an, bequemer lassen sich eine Langzeit-EKG-Messung oder eine Überwachung nach einer Herzoperation kaum vorstellen. Die Daten werden direkt an den Arzt übertragen. Das ist nur ein winziger Ausschnitt dessen, was Medizintextilien künftig so alles leisten werden. Unter anderem denken die Ingenieure über die Wundauflage der Zukunft nach, die Medikamente integriert, einen bioaktiven Wirkstoff einbringt und Verbandswechsel überflüssig macht und so Infekte und Schmerzen mindert. Implantiert werden Medizintextilien auch im Körperinneren, dämmen etwa mit aufheizbaren Beschichtungen das Wachstum von Tumoren ein.

Ein bisschen wie Speeddating

Ein Vormittag im ITA fühlt sich ein bisschen nach Speeddating an: In der letzten Halle zeigt sich, wo diese Ingenieure überall mitmischen, unter anderem bei Flugzeughäuten. Christoph Greb gewährt einen Einblick ins Thema Leichtbau. Witterungsstabil und leicht soll das Material auch in der Fahrzeugtechnik sein. Der promovierte Ingenieur zeigt ein Cabrio-Dach, dass durch raffiniert verlaufende Fasern größtmögliche Stabilität garantiert. Auch das ausgestellte Skateboard profitiert von diesen Materialeigenschaften. „Wir schauen uns beim Bauen Strukturen der Natur ab, beispielsweise die Bauweise eines Tiefseeschwamms“, erläutert Greb.

Nahtlos übernehmen zwei Architekten: Andreas Koch und Jan Serode. Sie zeigen draußen den Fahrradunterstand, der ein dünnes Textilbetondach trägt. Das ist ein weiteres Kernthema: Zur Betonherstellung gehört Zement, unter Umweltaspekten ein schwieriger Baustoff. „Wir können davon bis zu 80 Prozent einsparen“, sagt Koch. Die Außenfassade zeigt, was mittlerweile alles möglich ist, ein Teil besteht aus Textilbeton. „Halt bekommt das durch ein Gelege, so nennen wir ein aus Textilfasern geflochtenes Netz, das die üblichen Stahlgitter ersetzt, um den Beton in Form halten“, erläutert Andreas Koch. Die Hallenfront hat es in sich: Große Platten aus Lichtbeton sind durchzogen von polymeroptischen Fasern, dahinter liegen LED-Paneele, so können die Platten in unterschiedlichen Farben erstrahlen und sorgen für spektakuläre Effekte. Auch T-Shirts für Gebäude beleben das Thema skulpturaler Architektur. Den Aachener Forschern geht es weniger um spektakuläre Kunstverhüllungen à la Christo, sondern um intelligente Fassadenlösungen: „Man hängt Gewebe vor die Fassade, damit sind Sichtschutz, Sonnenschutz und Temperaturschutz möglich. Textilfassaden die mit Titandioxid beschichtet sind, können Schadstoffe filtern“, berichtet Serode.

Nachmittags geht es wenige Radminuten entfernt zum DCC. Dahinter verbirgt sich eine Lernfabrik, eine Ausgründung des Instituts, bei der die Unternehmensberatung McKinsey gleichberechtigter Partner ist. Die Kurzfassung: Das Schlagwort von der Industrie 4.0 führen viele im Mund, konkret etwas darunter vorstellen können sich die wenigsten. Anhand einer kleinen Produktionsstraße der Textiltechnik informieren sich hier Unternehmen darüber, wie sie ihre Maschinen und Prozesse auf- und nachrüsten können. Textilmanager übernehmen diese Führungen und helfen so auch dabei, die Digitalisierung zu verstehen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Liebe Bürger*innen: Das Wahlprogramm der Grünen benutzt konsequent Genderformen mit Genderstern.

Gendern im Wahlprogramm : Zwangsbeglückung der Sprachgemeinschaft

Aus den Bürgern werden die Bürger*innen: Das Wahlprogramm der Grünen benutzt konsequent Genderformen mit Genderstern – dabei lehnt die Mehrheit der Deutschen das „Gendern“ ab. Ein Gastbeitrag.

Hanks Welt : Es gibt nur noch den Untergang

Selbst Krisen sind nicht mehr das, was sie mal waren, denn eine jagt die andere. Statt zu proaktiv zu handeln wird von der Politik mit Kanonen auf Spatzen geschossen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.