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Textil-Ingenieure : Tüfteln im Faserland

„Es fällt immer mehr Abfall an, weil die Lebenszyklen immer kürzer werden“

Ein paar Räume weiter widmen sich Inga Noll und Martin Pelzer dem Thema Recycling. Mit anderen Kollegen sowie einem Industriearbeitskreis arbeiten sie an dem ehrgeizigen Ziel, schlussendlich 100 Prozent aller Textilabfälle zu recyceln. Das sei dringend geboten, benennt Pelzer, der Maschinenbau und Wirtschaft studiert hat, das globale Problem: „Allein in Deutschland haben wir über eine Million Tonnen gesammelter Altkleider. Es fällt immer mehr Abfall an, weil die Lebenszyklen immer kürzer werden.“ Wohin damit? Ein Problem ist es, T-Shirt-Materialien zu trennen, um sie wiederzuverwerten. „Das geht mit dem Reißwolf, aber so einen großen Bedarf an Putzlappen gibt es nicht.“ Eine Herausforderung besteht in der Separation, das betrifft nicht nur das Baumwoll-Polyester-Gemisch. Es hakt an Reißverschlüssen, Knöpfen und Applikationen, auch die Nähte machen Ärger.

Wirtschaftsingenieurin Inga Noll schiebt eine Tüte „Bottle Flakes“ über den Tisch. Das sind weiche, grau-transparente Teilchen, die aus geschredderten Plastikflaschen entstanden sind, eine längst etablierte Technologie. Diese Teilchen kommen in einen Extruder, eine Art metallische Schnecke; der Kunststoff wird geschmolzen und verstreckt, das heißt, er kommt als langgezogene Faser heraus; das wird auch Multifilamentgarn genannt. Dieses Garn wird aufgebauscht, mit dem Fachbegriff nennt man das „falschdralltexturiert“. Danach hat es eine baumwollähnliche Haptik. „400 Meter in der Minute schaffen die Texturieranlagen der Labore“, erklärt die 29-Jährige. Theoretisch kommt das Thema Nachhaltigkeit bei den Unternehmen sehr gut an, praktisch hapert es – noch – am Preis. „Die Industrie kämpft mit dem Verhalten der Konsumenten. Kosten die T-Shirts einen Euro mehr, bleiben sie in den Regalen, meldete uns ein Sportartikelhersteller zurück“, sagt Noll. Unternehmen setzten dann auf Recycling, wenn damit Einsparungen verbunden sind oder es gesetzlich vorgeschrieben ist. An der Machbarkeit wird in Aachen interdisziplinär gearbeitet.

„Wir Textiler können einen großen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten.“

Ebenso im Textiltechnik-Institut arbeiten die zwei Chemiker Parvan Manvi und Sascha Schriever. Sie erklären, wie sich Kunststoff aus CO2 herstellen lässt und wie aus Mais ein tragbarer Stoff entstehen kann. Manvi, ein promovierter Textiltechniker aus Indien, zeigt stolz ein T-Shirt: aus Mais gemacht, in sattem Grün und formschön, noch fühlt es sich zu steif an. „Das ist unser Prototyp.“ Um die Maisfasern weicher und tragbarer zu machen, suchen die Mitarbeiter Finanzpartner. „Wir zeigen an der Schnittstelle, was möglich ist“, erklärt Sascha Schriever und auch, dass die Preise der biobasierten Rohstoffe noch zu hoch seien. „Um von der petrochemisch basierten Produktion hin zu einer biobasierten zu kommen, brauchen wir die Unterstützung der Politik und neue Businessmodelle.“

Der Chemiker ist nicht nur bei der Herkunft der Rohstoffe ganz in seinem Element. „Wir müssen uns fragen: Sind das Maiskörner, also Nahrungsmittel, oder sind es Abfallstoffe der Stengel, die wir verwenden? Die Schildkröte unterscheidet übrigens nicht zwischen biobasiertem oder petrobasiertem Kunststoff, wenn sie das schluckt.“ Der 32-Jährige sagt voller Überzeugung: „Textilien sind der zweitgrößte Konsumgütermarkt in Deutschland und der drittgrößte Industriesektor weltweit. Wir Textiler können einen großen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten.“

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