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Hochqualifzierte Flüchtlinge : Der lange Weg der Ingenieure

Endlich keine Angst mehr: Tarek Alkhateeb vor dem Berliner Hauptbahnhof. Bild: Matthias Lüdecke

Selbst hochqualifizierte Flüchtlinge tun sich schwer, in Deutschland einen Arbeitsplatz zu finden. Woran liegt das? Vier Ingenieure aus Syrien, Ägypten und dem Irak erzählen ihre Geschichte.

          7 Min.

          Wenn Tarek Alkhateeb am Spreeufer entlangspaziert und die Fassade des Berliner Hauptbahnhofs vor sich erblickt, muss er oft an seinen ersten Tag in Deutschland denken. Daran, dass es regnete. Daran, dass ihm die Straßen so ruhig und leer vorkamen. Daran, dass er sich sicher fühlte, zum ersten Mal seit langem. Tarek Alkhateeb ist 26 Jahre alt und Ingenieur. Bauingenieur, genauer gesagt. Seit April ist er in Deutschland. Er hat einen Bachelor gemacht und zwei Jahre Berufserfahrung bei einem Energieversorger nahe der syrischen Stadt Palmyra gesammelt. Er hat in seiner Heimat ein berufsbegleitendes Masterstudium begonnen, aber nie zu Ende gemacht. Der Krieg kam dazwischen. „Ich hatte zu viel Angst, in Syrien zu bleiben“, sagt er. „Der IS drang immer weiter in das Gebiet vor, in dem meine Firma tätig war. Wenn ich rausfuhr, um an Gasleitungen zu arbeiten, war das am Ende lebensgefährlich. Eigentlich wollte ich nicht weg, aber meine Familie hat mich gedrängt, zu gehen.“

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Monatelang schlug er sich über die Balkan-Route bis nach Berlin durch; begleitet von wechselnden Schleppern, per Boot, Lastwagen, in stundenlangen Fußmärschen. Er brachte Nächte im Gefängnis zu oder versteckt im Wald. „Ich hatte die Hoffnung, in Deutschland meinen Master zu Ende zu machen - an einer guten Universität. Und ich wollte einen guten Job finden. Ich dachte, ich könnte sofort loslegen.“

          Stattdessen hat Alkhateeb bislang vor allem eines getan: gewartet - bei Behörden. „Ich war natürlich sehr enttäuscht, als ich erfuhr, dass ich als Asylbewerber erst einmal gar nicht an einer deutschen Uni studieren durfte“, erzählt er. „Und arbeiten durfte ich am Anfang auch nicht.“ Das immerhin darf er mittlerweile. Seit der jüngsten Lockerung der Gesetze können Flüchtlinge schon eine Stelle annehmen, wenn sie länger als drei Monate im Land sind und die Bundesagentur für Arbeit geprüft hat, dass für die Stelle kein anderer EU-Bewerber in Frage kommt. Im Verwaltungsdeutsch heißt das „Vorrangprüfung“. Sie kann manchmal sogar wegfallen, zum Beispiel, wenn Flüchtlinge hochqualifiziert sind und bestimmte Kriterien erfüllen. Tarek Alkhateeb bemüht sich gerade um die Anerkennung seines Abschlusses - das ist auch ein solches Kriterium. Außerdem macht er einen Deutschkurs. Er hat beim Jobcenter vorgesprochen und seinen Lebenslauf auf der Vermittlungsplattform für Flüchtlinge „Workeer.de“ eingestellt. Doch zum Vorstellungsgespräch hat ihn noch niemand eingeladen. Woran es liegt? „Vielleicht daran, dass mein Deutsch noch nicht so gut ist“, mutmaßt Alkhateeb.

          Zu Hause fürchtete er zuletzt um sein Leben: Tarek Alkhateeb in Arbeitskleidung

          Mit seinem Schicksal hadert er immer wieder: „Hier muss ich mit allem ganz von vorn anfangen. Ich war darauf gefasst, dass es hart werden würde, aber manchmal ist es echt zum Verzweifeln.“ Ständig wechselt er seine Pläne. „Manchmal denke ich, ich sollte einfach irgendwas arbeiten. Manchmal glaube ich, ich sollte versuchen meinen Master zu Ende machen, um die Chancen zu verbessern. Oft vermisse ich einfach mein Zuhause. Meine Eltern, Schwestern, Freunde, aber auch dass ich mit dem Studium und der Arbeit immer etwas Sinnvolles zu tun hatte.“

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