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Virtuelles Klassenzimmer : Alles ausgelesen, aber nicht ausgelernt

Das Auto wird erst einmal ausgelesen. Das ist fester Bestandteil der Arbeit - und der Ausbildung. Bild: Tobias Schmitt

Sie schrauben an Autos, drehen Filme und kommunizieren wie selbstverständlich mit Kollegen in Mexiko. Bei Audi ist eine neue Azubi-Generation mit Tabletcomputern am Start. Ein Werkstattbesuch in Ingolstadt.

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          Stolz führt David Lopez Caballerio das Lernvideo vor. Selbstgedreht mit ihm als mimikstarkem Hauptdarsteller, der demonstriert, welche Sicherheitsregeln die Auszubildenden beherzigen müssen, damit sie nicht der Stromschlag trifft. Natürlich trifft es den jungen Mann zur Abschreckung kurz, als er die falschen Hebel betätigt und die hohen Voltzahlen unterschätzt. Caballerio kippt um. Und natürlich steht er wieder auf, um dann die richtigen Knöpfe zu drücken und die unter Spannung stehenden Teile abzudecken und mit Klemmen zu sichern. Die Bildsprache des mit munterer Musik unterlegten Videos versteht jeder, auch die jungen Lehrlinge im Werk in Mexiko oder im ungarischen Györ.

          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Die Werkstätten des Automobilherstellers Audi setzen auf digitale Technik und haben nach einer einjährigen Pilotphase 400 Tablets am Start, um die angehenden Kfz-Mechatroniker und Lehrlinge aus 15 anderen Berufen modern auszubilden und auf die digitale Arbeitswelt vorzubereiten. 752 neue Auszubildende, die in Ingolstadt und Neckarsulm ihre Lehrzeit begonnen haben, können diese Lerninhalte jederzeit online abrufen und teilen. „Wir stellen uns vor, dass die Azubis ein Problem gelöst haben, dann möglicherweise ein Video erstellen und das in andere Werke weltweit verschicken. Die besten Beiträge werden ins Intranet gestellt, so dass jeder Zugriff hat“, erklärt der Ausbildungsleiter Dieter Omert.

          Omert führt durch die Lernwerkstätten der „Audi-Akademie“ din Ingolstadt und erläutert das neue „Mobile Learning“-Projekt, das auf die Lebenswelten der sogenannten Generation Z abgestellt ist. Nämlich jenen jungen Leuten, in deren Freizeit Bücher verzichtbar sind, nicht aber Whatsapp-Nachrichten. Werkstattszenen, in denen ein Auto zur Hebebühne gefahren wurde, dem sich ein Mechaniker mit schepperndem Werkzeugkoffer näherte, kennt diese Generation – wenn überhaupt – aus alten Filmen oder Erzählungen ihrer Eltern. Sie ist aufgewachsen mit Autos, die in der Werkstatt erst einmal von einem Kfz-Mechatroniker „ausgelesen“ werden.

          „Vom ersten Tag an in die Technologien hineinwachsen“

          Und dieses Auslesen üben die Lehrlinge mit ihren Tabletts. „Wir möchten, dass sie vom ersten Tag an in diese Technologien hineinwachsen“, sagt Dieter Omert. Er führt in eine großzügige, helle Halle, in der neun Audis stehen, die jeweils von einem kleinen Team Auszubildener umringt sind. Gelernt wird an Wagen, die nach ordnungsgemäßer Reparatur wieder an Kunden zurückgegeben werden. Auch Audi-Mitarbeiter dürfen hier ihr Auto hinbringen, dessen Reparatur wird dann ganz offiziell mit Rechnung abgewickelt.

          Mit dem Tablet im Auto lernen: Lehrlinge bei Audi
          Mit dem Tablet im Auto lernen: Lehrlinge bei Audi : Bild: Tobias Schmitt

          Erste Station ist die Ecke, in der ein silbergrauer A3 parkt, an dem angehende Kfz-Mechatroniker das Hochvoltsystem kennenlernen. Sebastian Zieglmeier und Marco Ferstl sind im dritten Lernjahr und machen eine duale Ausbildung, während der sie die Fachhochschulreife erwerben. Später wollen sie studieren. Zieglmeier zieht es in die Entwicklungsabteilung, Ferstl will entweder Elektrotechnik studieren oder sich mit regenerativen Energien beschäftigen.

          Was ist da los? Kritische Blicke von unten
          Was ist da los? Kritische Blicke von unten : Bild: Tobias Schmitt

          Die 300 Volt des A3 sind gefährlich, lebensgefährlich, wenn die Spannung freigeschaltet ist. Auf ihrem Tablet erkunden beide Aufgaben zum „Körperschluss im Hochvolt-Netz“. Der Trainer auf dem Lernvideo erklärt im Detail, wie die ordnungsgemäße Funktionskontrolle am Messgerät durchgeführt werden soll, dazu müssen Werte eingetragen werden. Mit amerikanischen Ankreuz-Testverfahren überprüfen die jungen Männer ihr Wissen. Bei offenen Fragen steht ihnen ein Ausbilder zur Seite, der bei Audi Trainer heißt. Das ist in diesem Fall Aaron Willibald, der den Azubis hilft, den „Potentialausgleich am Fahrzeug“ zu überprüfen und hilft, wenn die 24seitige Anleitung weitere Fragen aufwirft. Das ist alles andere als anspruchslos. „Ein modernes Auto verfügt in der Regel über 60 bis 70 Steuergeräte, bei denen Fehler ausgelesen werden können“, sagt Willibald.

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