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Verein der Ingenieure : Jung und sexy sein für 1,64 Millionen Kunden

  • -Aktualisiert am

Ingenieur mit Zusatzfunktion: Ralph Appel Bild: VDI

Gewinn oder Verlust - das ist die Frage. Seit Beginn diesen Jahres steht an der Spitze des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) in Düsseldorf Ralph Appel.

          3 Min.

          Gewinn oder Verlust - das ist die Frage. Seit Beginn diesen Jahres steht an der Spitze des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) in Düsseldorf Ralph Appel. Der 55 Jahre alte Appel ist Wirtschaftsingenieur. Es entspann sich eine Diskussion, ob ein Wirtschaftsingenieur nun mehr oder weniger ist als ein Ingenieur. Schränkt die Vorsilbe Wirtschaft den Ingenieur ein, ist er nur ein halber Ingenieur, weil er sich in seiner Ausbildung ja auch mit Volks- und Betriebswirtschaft beschäftigt hat? Oder erweitert dieses Präfix den klassischen, auf technische Fragen spezialisierten Ingenieur um weitere Kenntnisse, hier der Volks- und Betriebswirtschaft?

          Immerhin folgt Appel in der neuen Funktion auf Willi Fuchs. Fuchs, der 15 Jahre den VDI als Direktor leitete und in dieser Funktion auch geschäftsführendes Präsidiumsmitglied und Herausgeber der VDI Nachrichten war, hatte eine ganz klassische Ingenieurausbildung hinter sich. Einer Lehre als Maschinenschlosser schlossen sich das Studium des Maschinenbaus und die Promotion in dem Fach an.

          Spezialist mit Zusatzfunktion

          Appel studierte Wirtschaftsingenieurwesen. Seiner Ansicht nach ist das ein Ingenieur mit Zusatzfunktion. Er verbinde eine technische Ausbildung mit einer kaufmännischen. Das könnte gerade jetzt die richtige Kombination für den Verein sein. Der VDI sei gut strukturiert, bescheinigt Appel seinem Vorgänger. Fuchs hat den Verein auch wieder in die gesellschaftliche und politische Diskussion geführt. An diesen Erfolg wolle er anknüpfen, sagt Appel. Der Verein wolle mehr Mitglieder gewinnen. Dazu müsse er alle Ingenieure ansprechen, nicht nur jene, die in klassischen Ingenieurberufen tätig sind. Er will auch jene Ingenieure gewinnen, die als Vertriebler oder in der Kommunikation tätig sind. Für diese Aufgabe fühlt sich Appel mit seinem beruflichen Hintergrund gut gerüstet. Appel war nach seinem Studium in Hamburg in der Nahrungsmittelgrundstoffindustrie tätig, zunächst bei der Maizena GmbH in Hamburg und zuletzt bei Cargill, einem nur in Fachkreisen bekannten Unternehmen. Das amerikanische Unternehmen befasst sich mit Lebens- und Futtermitteln, nachwachsenden Rohstoffen und erneuerbaren Energien. Trotz seiner 134 Milliarden Dollar Jahresumsatz ist es kaum bekannt. Das Unternehmen beschäftigt 142.000 Personen in 66 Ländern, darunter auch in Deutschland, wo zuletzt Appel mit zwei Kollegen die Geschäfte führte.

          Er habe sehr viel Erfahrung in der Verfahrenstechnik und darüber hinaus einen ganzheitlichen Blick auch auf technische Themen. Er meint damit immer die Verbindung von Technik mit betriebswirtschaftlichen Fragen, aber auch mit ihren gesellschaftlichen Auswirkungen. Gerade diese Makrothemen seien es gewesen, die ihn aus dem operativen Management eines internationalen Konzerns in das Management eines berufsständischen Vereins geführt hätten, sagt Appel. Diesen inhaltlichen Themen wolle er sich auch in seiner neuen Funktion widmen.

          Konkurrenz der Verbände

          „Der VDI muss jung und sexy sein“, wünscht sich Appel. Es gebe in Deutschland 1,64 Millionen Ingenieure. Davon seien allerdings 60 Prozent nicht als Ingenieure tätig. Aber auch von den verbleibenden 750 000 „echten“ Ingenieuren seien nur 152 000 Mitglied im VDI. Darunter wenige Wirtschaftsingenieure, die noch einen eigenen Verein haben, den Verband Deutscher Wirtschaftsingenieure in Berlin. Der VDI operiere dabei keineswegs defensiv. Denn ein Problem habe der VDI nicht - das der Überalterung. Von der Altersstruktur her sei der VDI ein junger Verein. Dennoch sei die Nachwuchsgewinnung ein Schwerpunkt seiner neuen Arbeit. Denn junge Ingenieure haben zunächst einmal andere Sorgen, als Vereinsmitglied zu werden. „Wir sind bei den Studenten der Ingenieurwissenschaften gut verankert, dann verlieren wir aber viele als Berufsanfänger. In dieser Zeit müssen die jungen Ingenieure Privatleben und Beruf vereinbaren.“ Da bleibe dann die Mitgliedschaft im VDI auf der Strecke.

          Der VDI müsse daher auf die jungen Ingenieure zugehen, indem er ihre persönlichen Probleme ernst nimmt und indem er die gesellschaftlichen Themen dieser Generation aufgreift. Das seien Themen wie Nachhaltigkeit, Ressourceneffizienz, Fragen nach dem Technikstandort Deutschland, mehr Bürgerbeteiligung bei technischen Großprojekten und auch die vierte technische Revolution unter dem Stichwort Industrie 4.0. Gerade der letzte Punkt liegt Appel sehr am Herzen. „In Deutschland sehen wir die Vernetzung der Produktion vor allem unter technischen Gesichtspunkten. Die Amerikaner gucken mehr nach den Geschäftsmodellen, die sich daraus entwickeln.“ Das betrachte er mit Sorge. Hier könnten deutschen Unternehmen Geschäftschancen entgehen. Es sei nicht ausgeschlossen, dass Unternehmen wie Amazon eines Tages Ersatzbedarf für industrielle Anlagen bündeln und damit zu einem großen Nachfrager in der industriellen Beschaffung werden.

          Auch das sei ein Beispiel, dass Ingenieure und Kaufleute viel enger und vor allem früher miteinander kooperieren müssen, um technische Veränderungen und damit verbundene kaufmännische Herausforderungen parallel zu erkennen. Dafür glaubt er, sei ein Wirtschaftsingenieur besonders gut geeignet, weil er immer auf beides - auf Technik und Wirtschaft - blicke. Daher könnte es eher ein Gewinn sein, dass nach einem Maschinenbauingenieur einmal ein Wirtschaftsingenieur den VDI managt.

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