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Textilingenieure : Mit Häkeln und Stricken nichts am Hut

Eine Frage der Technik: Textilingenieure in der Ausbildung Bild: ZB

Sie sind Profis für besondere Stoffe: Textilspezialisten können Jacken ebenso wie Segel herstellen - und manche bauen sogar Brücken.

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          Viola Siegl ist Feuer und Flamme von „ihren“ Forschern am Institut für Textiltechnik in Aachen: „Stellen Sie sich vor, man kann verhindern, dass der menschliche Körper Implantate abstößt, indem man auf Textilien körpereigene Zellen aufbringt und so das Immunsystem überlistet“, sagt sie. Das ist nur eines von vielen Beispielen, das ihr zu möglichen Arbeitsgebieten von Textilingenieuren einfällt. Der Sprecherin des Instituts ist daran gelegen, die Textiltechnik als Hightech-Geschäft darzustellen: „Mit Häkeln und Stricken hat das wenig zu tun.“

          Winddicht, regenfest, aber atmungsaktiv

          Susanne Preuß
          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Gestrickt wird im Zweifel zwar schon. Aber wenn dies ein Textilingenieur tut, dann wahrscheinlich, um irgendein neues Gewebe für eine innovative Anwendung zu entwickeln. Carbonfasern beispielsweise gelten heute als Inbegriff des Leichtbaus, der helfen soll, Flugzeuge und Autos immer leichter zu machen, vor allem um Sprit zu sparen. Fasern, ob natürlicher Herkunft oder chemisch erzeugt, sind aber lediglich der Rohstoff. Um ein Produkt mit den erwünschten Eigenschaften herzustellen, müssen die Fasern irgendwie zusammengefügt werden: zum Beispiel zu Garn gesponnen, das dann wiederum verwoben oder verstrickt wird, oder getufft oder gefilzt, und anschließend noch behandelt. Die wohltuende Wirkung solcher Arbeit kennt jeder aus der Bekleidung: Winddicht, regenfest und dennoch atmungsaktiv ist heute schon Standard im Outdoor-Bereich. Doch auch der Möbelbezug ist nur schmutzabweisend, weil Textilingenieure sich den Kopf zerbrochen haben, der Teppichboden schalldämmend, der Wischmopp saugfähig und das Surfbrett wunderbar biegsam.

          Sogar in der Bauindustrie gewinnt die Textiltechnik an Bedeutung. In Albstadt auf der Schwäbischen Alb steht die längste Textilbeton-Brücke der Welt. Sie ist wetterfest und im Gegensatz zu Stahlbeton korrosionsbeständig auch bei häufigem Streusalzeinsatz. Die erheblichen Mehrkosten hat in dem Fall die Groz-Beckert KG bezahlt, Weltmarktführer in der Herstellung von Maschinennadeln für die Textilindustrie. „Die Brücke soll zeigen, wie textile Visionen wahr werden und andere inspirieren, mit Textilien immer neue Wege zu gehen“, erklärt der Chef von Groz-Beckert Thomas Lindner das Engagement: „Technische Textilien bieten uns die Chance, Wertschöpfung in Deutschland zu halten.“

          Studenten aus aller Welt in Deutschland

          Sowohl für Textilmaschinenbauer wie auch für Textilingenieure seien die Berufsaussichten gut, urteilt Nicolai Strauch vom Verband der Deutschen Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA). Analytisch - kreatives Denken, Neugier und Phantasie seien bestimmend für den Erfolg. Studieren könne man typischerweise in Regionen, wo die Textilindustrie Tradition hat und entsprechende Cluster sich gebildet haben, auch wenn man als Textilingenieur heute tendenziell eher beim Flugzeughersteller lande als beim Hemdenproduzenten. In Stuttgart, in Dresden und in Aachen sind Hochschulen mit entsprechenden Schwerpunkten. Fachhochschulen finden sich in Mönchengladbach, in Hof, in Reutlingen und in Albstadt-Sigmaringen. Die Ausbildung habe auch international einen sehr guten Ruf, berichtet Strauch: „Im Hörsaal in Mönchengladbach hat man den Eindruck, man sei in der UN-Vollversammlung gelandet.“

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