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Technik-Campus : Apple? Nein, Audi!

Dass IT-Spezialisten stärker gefragt sind als Maschinenbauer, überrascht nicht. Bei dem selbstfahrenden Auto spielen Hochleistungsprozessoren und -sensoren eine wichtige Rolle, ebenso wie automatisierte Bildauswertung, die selbstlernende Karte und Künstliche Intelligenz. Am Ende soll ein Fahrzeug entstehen, bei dem der Fahrer während der Fahrt lesen oder E-Mails schreiben kann und nur in besonderen Situationen wieder zum Lenkrad greifen muss. In der Branche sind deshalb eine Vielzahl solcher Technologiebündnisse entstanden – darunter die Partnerschaft von Daimler und Bosch –, die dasselbe Ziel verfolgen: Die großen Autokonzerne wollen mit Start-ups und mittelständischen Zulieferern vernetzte Lösungen für das autonome Fahren entwickeln und anbieten.

Ohne Campus geht es kaum

Ziemlich weit vorn fährt Audi. Die neueste Generation der Luxuslimousine A8 fährt teilweise selbständig. Das können zwar die Mercedes S-Klasse und der BMW 7er auch. Aber im Audi kann der Fahrer auf der Autobahn bis 60 Stundenkilometer die Hände vom Lenkrad nehmen und muss das Auto nun nicht mehr permanent überwachen. Diese Stufe des autonomen Fahrens nennen Fachleute Level 3. Und die Marke mit den vier Ringen hat innerhalb des Volkswagen-Konzerns die Entwicklungshoheit für das autonome Fahren. Ihre dafür eigens gegründete „Autonomous Intelligent Driving GmbH“ sitzt übrigens nicht in Ingolstadt, sondern in München.

„Im Wettbewerb um die internationalen Top-Leute kann eine Millionenmetropole wie München mit ihrem internationalen Flair schon mal den Ausschlag geben“, sagt ein Audi-Sprecher zur Standortwahl. Derzeit arbeiten rund 200 Mitarbeiter, fast ausschließlich Softwareingenieure, in einem Schwabinger Verwaltungsgebäude des Lastwagenherstellers MAN. Die Audi-Tochtergesellschaft ist als offene Plattform konzipiert, wie die BMW-Kooperation mit Intel und Mobileye. Auch hier sollen über kurz oder lang weitere Partner hinzukommen.

Runde Sache: Apple hat beim Bau seiner neuen Zentrale geklotzt.

Und auch Audi plant einen eigenen Campus, allerdings am Stammsitz in Ingolstadt. Seit je ist Ingolstadt als Audi-Stadt bekannt. Ende der fünfziger Jahre wohnten gerade einmal 50.000 Menschen hier, heute sind es mehr als 130.000. Audi hat die Arbeiter und mit ihnen den Wohlstand in die Stadt gebracht, hat Fabriken gebaut und Werkswohnungen. Das Werk ist mit der Stadt gewachsen, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Für die Forschungs- und Entwicklungsingenieure, die derzeit über die gesamte Stadt verteilt arbeiten, gibt es einen ehrgeizigen Plan: Der „IN-Campus“ ist ein Technologiezentrum im Stil von Google und Apple.

Die Dieselkrise kam dazwischen

Für das Großprojekt hat das Unternehmen gemeinsam mit der Stadt schon das Gelände einer ehemaligen Raffinerie gekauft, das derzeit aufwendig saniert wird. In seiner Endausbaustufe kann aus dem IN-Campus ein eigener Stadtteil mit 20.000 Menschen werden, heißt es bei Audi. Nicht nur Audianer sollen dort arbeiten, auch zahlreiche Zulieferer sollen dort ihre Entwicklungsabteilungen für Audi ansiedeln. Nur: Wann es so weit ist, weiß niemand. Audi hat wegen der Dieselkrise die Investitionsentscheidung erst einmal um ein Jahr verschoben. Daran hat sich nach Aussage eines Sprechers auch noch nichts geändert.

In Ingolstadt wird freilich fest damit gerechnet, dass Audi an dem Zukunftsprojekt festhält. Der Skandal um manipulierte Dieselautos, in den Audi ebenso wie die Muttergesellschaft Volkswagen verstrickt ist und der den Gesamtkonzern mit Milliardenbelastungen konfrontiert, macht einen Sparkurs notwendig. Dass die alte Dieseltechnologie aber Zukunftsweisendes wie den IN-Campus verhindert, das kann sich in der aufstrebenden Stadt an der Donau eigentlich niemand vorstellen.

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