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Werften : Krisenbranche mit sicherem Arbeitsplatz

Arbeit an der „MS Nordsee“: Ingenieur Jakob Rudolf und Kollegen vor dem Schiff Bild: Lucas Wahl

Die deutschen Werften stecken seit Jahren in einer Strukturkrise. Dennoch bietet der Schiffsbau interessante Perspektiven für Ingenieure.

          5 Min.

          Ein gewaltiges Gewirr von Röhren schraubt sich durch den Bauch der „MS Nordsee“. Von einigen Leitungen blättert der Lack ab. Wasser tropft von der Decke, am Boden bilden sich schmutzige Pfützen. Jakob Rudolf balanciert eine Metallstiege im Rumpf des Schiffes hinab und drückt sich durch einen schmalen Gang in Richtung des Maschinenraums. Über seinem Kopf flimmert eine elektrische Lampe. Es riecht nach Lack und Feuchtigkeit.

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Fast vier Jahrzehnte hat die „Nordsee“ auf dem Buckel, und das sieht man ihr an. Zwar funktionieren die Instrumente einwandfrei, die zwei großen Saugrüssel, mit denen dieser schwimmende Bagger im Auftrag des Schifffahrtsamtes die Fahrrinnen vor der deutschen Küste vom Schlick befreit, holen zuverlässig den Schlamm aus bis zu dreißig Metern Tiefe. Doch an manchen Stellen im Rumpf sieht es so aus, als wäre die Zeit stehen geblieben. Einige Pumpen und Motoren sind sichtlich in die Jahre gekommen. „Das ist eben ein Behördenschiff“, sagt Rudolf und zuckt mit den Achseln. „Es soll funktionieren und nicht schön sein.“

          Geheimsache Luxusjachten

          Der 28 Jahre alte Ingenieur arbeitet für die Werft Nobiskrug in Rendsburg. Dort liegt die gut 130 Meter lange „Nordsee“ gerade für einige Monate im Trockendock. Werftarbeiter lackieren die Außenhaut neu, testen die Elektronik, tauschen Druckwasserpumpen und prüfen die gesamte Steuerungstechnik auf Herz und Nieren.

          Wenige Meter neben diesem schmutzigen Ungetüm ragt eine graue Halle in den Himmel. Und dort - hinter verschlossenen Türen und unter strengster Geheimhaltung - arbeitet die Werft eine ganz andere Art von Aufträgen ab. Hier entstehen blitzsaubere Megayachten für die Millionäre und Milliardäre dieser Welt. Mit Swimmingpool, Fitnessstudio und Helikopterlandeplatz an Bord kosten diese Schätzchen oft mehrere hundert Millionen Euro.

          Über dieses Geschäft darf Rudolf nicht allzu viel erzählen. Schließlich mögen die wohlhabenden Werftkunden es gar nicht, wenn Details über die extravagante Ausstattung ihrer schwimmenden Luxusresidenzen nach außen dringen. Nur so viel kann der junge Mann mit den Stoppelhaaren und dem sorgfältig gestutzten Dreitagebart sagen: Auch an solchen Schiffen hat er schon gearbeitet, seit er vor etwa einem Jahr seinen Arbeitsvertrag bei der Nobiskrug GmbH unterschrieben hat.

          Es lebe die Vielfalt

          Heute eine Reparatur am Saugbagger, morgen der Umbau einer Luxusyacht, und übermorgen kommt vielleicht ein Containerschiff in die Werft und lässt einen neuen Abgasfilter einbauen - Rudolf liebt diese Vielfalt: „Jeder Auftrag hier ist anders, man muss schnell reagieren, die Dinge immer wieder aus einem anderen Blickwinkel betrachten.“ Erst kürzlich war er für vier Monate in Frankreich und koordinierte dort für Nobiskrug im Hafen von Nizza den Umbau zweier Megayachten.

          Auf jedes Detail kommt es an.

          Rudolf ist gelernter Schiffbauingenieur. Studiert hat er an der Fachhochschule in Kiel. Die FH in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt ist eine von sechs deutschen Hochschulen, die spezielle Studiengänge für den Schiffbau eingerichtet haben. Auch in Berlin, Bremen, Duisburg, Hamburg und Rostock gibt es solche Angebote. Insgesamt studieren dort im Schnitt etwas mehr als tausend angehende Ingenieure, die ihre berufliche Zukunft auf einer Werft, bei einem Schiffsgutachter wie dem deutsch-norwegischen Prüfkonzern DNV GL oder bei einem der zahlreichen Zulieferbetriebe im In- und Ausland sehen.

          Mix von Hochschule und Handwerk

          An den Hochschulen lernen sie das Handwerk von der Pike auf. Neben den üblichen Ingenieurfächern wie Mathematik, Physik und Werkstofftechnik stehen vor allem in späteren Semestern speziellere Themen im Lehrplan. Dann geht es um die Konstruktion von Yachtrümpfen, Schiffsvibrationen oder um die theoretische Strömungslehre.

          Wer diese Studiengänge mit einem Bachelor oder Master absolviert und eine ordentliche Abschlussnote schafft, hat am Arbeitsmarkt gute Chancen. Jakob Rudolf startete zunächst bei der Lürssen-Gruppe, einem Wettbewerber von Nobiskrug mit sieben Standorten in Norddeutschland, wechselte dann aber recht schnell zu seinem heutigen Arbeitgeber. Als Kind habe er eigentlich Architekt werden wollen, erzählt er auf dem Weg über die Werft. Seine Mutter ist Malerin, sein Vater Bildhauer, und auch ihn zog es in jüngeren Jahren ein wenig in die künstlerische Ecke.

          Techniker erschaffen Kunstwerke

          Dass er nun im Schiffbau gelandet ist, findet er trotzdem gut. Vor allem Luxusyachten seien regelrechte Kunstwerke. Und mit dem Ingenieurstudium habe er einen sehr soliden Abschluss in der Tasche. Dass ein großer Teil der europäischen Schiffbauindustrie seit Jahren in einer schweren Strukturkrise steckt, macht ihn nicht nervös. „Davon bekommt man im Tagesgeschäft kaum etwas mit“, sagt er.

          Tatsächlich ist Nobiskrug recht gut ausgelastet. Die Werftengruppe hat insgesamt drei Standorte in Rendsburg und Kiel und gehört zur arabischen Schiffbaugruppe Abu Dhabi Mar. Momentan stehen Aufträge im Wert von rund 700 Millionen Euro in den Büchern, damit ist die Beschäftigung fürs Erste gesichert. Dennoch bekommt auch Nobiskrug die schwere Branchenkrise zu spüren.

          Brutaler Wettkampf mit Asien

          Der Wettbewerb im Schiffbau rund um den Globus ist brutal. Asiatische Rivalen saugen nahezu alle Aufträge für große Handelsschiffe auf. Zwar bleibt den technologisch gut aufgestellten Schiffbauern in Deutschland noch der Bau teurer und komplizierter Spezialvehikel, zum Beispiel von Bauschiffen für die Öl- und Gasindustrie, Eisbrechern oder eben Luxusyachten wie jenen, die Nobiskrug produziert.

          Doch auch in diesen Geschäftsfeldern wird der Wind rauher. Trotz erheblicher öffentlicher Bürgschaften haben in den vergangenen fünf Jahren allein in Deutschland acht Werften und eine Reihe von Zulieferbetrieben Insolvenz angemeldet. Dies schlägt sich auch in der Zahl der Beschäftigten nieder: Insgesamt arbeiten in Deutschland noch rund 17 000 Menschen in den Werften, etwa 6000 weniger als noch vor zehn Jahren. Große Arbeitgeber sind die Meyer Werft in Papenburg, Blohm + Voss in Hamburg oder die Nordic Yards in Wismar und Warnemünde.

          Für gut ausgebildete Ingenieure bietet die Branche dennoch interessante Perspektiven: „Die Aussichten sind gut“, sagt Wolfgang Fricke, der an der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH) Schiffbau lehrt und die beiden Masterstudiengänge der Uni in diesem Feld koordiniert. Von seinen Absolventen kenne er kaum jemanden, der Probleme mit dem Berufseinstieg gehabt habe. Im Gegenteil: „Viele Unternehmen in der Branche suchen händeringend nach guten Ingenieuren“, sagt er.

          Konzentration auf Spezialschiffe

          Der Grund dafür liegt auf der Hand. Je stärker die deutschen und europäischen Werften sich auf den Bau von Spezialschiffen konzentrieren, umso größer wird der Anteil von Ingenieuren an einzelnen Projekten. Ein kompliziertes Kranschiff für den Bau von Offshore-Windparks braucht eben mehr Planung und Gehirnschmalz als ein Containerschiff von der Stange.

          Dieser Trend wird sich in Zukunft noch verstärken. Denn angesichts des Auftragsmangels im klassischen Schiffbau stoßen einige Werften auf immer abenteuerlicheres Terrain vor. Beispielhaft dafür stehen die Nordic Yards. Sie bauen gewaltige Umspannstationen für Windparks auf dem offenen Meer, die mit der eingebauten Technik an Bord etwa eine Milliarde Euro pro Stück kosten.

          Aufbau von breitem Fachwissen

          Für solche Aufträge brauchen die Firmen Spezialisten, die sich nicht nur mit Schiffbau auskennen, sondern auch solide Kenntnisse in der Elektrotechnik und im Maschinenbau mitbringen. Seinen Studenten rät Fricke deshalb, sich auch im Schiffbaustudium nicht zu stark zu spezialisieren, sondern ein möglichst breites Fachwissen aufzubauen.

          Jakob Rudolf macht sich jedenfalls keine Sorgen um seine berufliche Zukunft. Die Arbeit auf der Werft macht ihm Spaß. Und sollte er doch einmal einen neuen Arbeitsplatz suchen müssen, komme er sicher auch in anderen Branchen gut unter, glaubt er. Zum Beispiel im Flugzeugbau: Auch dort sind die Fähigkeiten der Schiffbauer gefragt.

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