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Modellbau : Der erste Schliff

Hell und kühl: Der Autohersteller Hyundai betreibt in Rüsselsheim drei Modellierstudios. Bild: Jonas Wresch / F.A.Z.

In der Autoindustrie lebt ein altes Handwerk weiter: der Modellbau. Erst in Ton werden die Skizzen der Designer und die Vorgaben der Ingenieure lebendig.

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          Weich ist er und unerwartet warm, der Ton, aus dem die Autos entstehen. Bis eben noch lag er in einem der metallischen Kästen, die aussehen wie riesige Kühlschränke, aber in Wirklichkeit Öfen sind. Gleich mehrere davon stehen an den Wänden im Modellierstudio des Autoherstellers Hyundai im hessischen Rüsselsheim, wo das koreanische Unternehmen Fahrzeuge speziell für den europäischen Markt entwickelt. Mit geübten Handbewegungen wickelt Modelleur Klaus Kostial die auf exakt 62 Grad erwärmte braune Rolle aus ihrer Plastikhülle und beginnt, das durch die Wärme weich gewordene Ton-Wachs-Gemisch mit den Fingern auf einem Fahrzeugmodell zu verreiben.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Anschließend greift Kostial zu seinem Werkzeug. Mit Hilfe von langen Blechen, die aussehen wie überdimensionierte Lineale, verstreicht er die „Clay“ genannte Modelliermasse zunächst zu einer glatten Fläche. Anschließend markiert er mit blauem Klebeband die seitliche Kante der Motorhaube, um diese mit einem anderen Blech noch stärker zu betonen. „Das ist körperlich richtig anstrengend“, schnauft der 49 Jahre alte Modelleur und fegt die entstandenen Fetzen mit der Hand auf den Boden. Aus der Decke der mit Neonröhren erleuchteten Halle blasen dicke Lüftungsrohre kalte Luft in den Raum. Vor allem, um den Clay zu härten, aber auch, um den Modelleuren ein wenig Abkühlung zu verschaffen.

          Ein altes Handwerk lebt weiter

          Es mutet wie ein Anachronismus an, aber in der hochtechnisierten Autoindustrie lebt, von der Öffentlichkeit weithin unbeachtet, ein altes Handwerk weiter: der Modellbau. Vor einigen Jahren überwog in der Branche noch die Überzeugung, dass sich mit immer ausgefeilteren Computerprogrammen jedes Fahrzeug rein virtuell erschaffen lässt, dass man sich die Kosten und die Zeit für die handgefertigten Modelle sparen kann. Heute klingt das anders, nicht nur bei Hyundai. Zu leblos seien die virtuellen 3-D-Modelle, heißt es vielerorts. „Proportionen, Flächen, Lichtfluss - das lässt sich nicht alles am Computer simulieren, das muss man auch am Modell anschauen“, sagt Olaf Kupke, Personalleiter Forschung und Entwicklung bei Deutschlands größtem Autohersteller Volkswagen, wo insgesamt 70 Modelleure arbeiten.

          Und so wird weiter gefräst, gehobelt und gebohrt, bevorzugt mit Industrieton, weil sich dieses Material am einfachsten verarbeiten lässt. Die meisten Modelleure, die in der Autoindustrie arbeiten, sind Quereinsteiger aus anderen Branchen; sie waren Tischler, Orgelbauer, Zahntechniker oder Bootsbauer. Hyundai-Modelleur Klaus Kostial hat nach seiner mittleren Reife eine Ausbildung in einem Keramikbetrieb gemacht und später viele Jahre beim Porzellanhersteller Villeroy & Boch gearbeitet. Das für den Fahrzeugbau nötige Wissen eignete er sich in Schulungen und im Arbeitsalltag an. Das Wichtigste beim Modellieren seien ohnehin ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen und eine künstlerische Ader. „Das ist etwas, das muss man haben, das lässt sich nicht lernen.“

          Handarbeit statt Computer: Im Designprozess sind Tonmodelle unverzichtbar.

          Die Aufgabe der Modelleure ist es, die Skizzen der Designer und die technischen Vorgaben der Ingenieure - zum Beispiel zu Radstand, Kabinen- und Kofferraumvolumen - in die Realität umzusetzen. Der Autohersteller BMW beschreibt die Arbeit der Modelleure daher auch mit dem Wort „Übersetzer“. Gelegentliche Sprachbarrieren gehören zum Arbeitsalltag. „In den Entwürfen der Designer sind die Räder immer riesengroß“, erzählt Hyundai-Modelleur Klaus Kostial. Im Tonmodell schrumpfen sie dann wieder auf Normalgröße zusammen.

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