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Homosexualität am Bau : „Nach dem Coming-out konnte ich besser arbeiten“

  • Aktualisiert am

Schwieriges Pflaster: Auf Baustellen ist der Ton oft ruppig Bild: dpa

Für homosexuelle Ingenieure ist ein Coming-out am Arbeitsplatz schwer, sagt Ralf Jack-Hoang. Auf Baustellen sei der Ton sehr ruppig. Der Diplom-Ingenieur setzt sich im Völklinger Kreis schwuler Führungskräfte für Chancengleichheit ein.

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          Herr Jack-Hoang, Sie sind selbständiger Diplom-Ingenieur. Wie viele homosexuelle Kollegen kennen Sie?

          Ich weiß von zwei bekannten Ingenieuren, dass sie schwul sind. Beide sind allerdings auch Mitglied in unserem Berufsverband, dem Völklinger Kreis, sie engagieren sich also selbst für ein diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld. Außerhalb dieses Netzwerkes kenne ich keinen.

          Weil es für Ingenieure besonders schwierig ist, sich zu outen?

          In unserer Branche ist es sicherlich besonders hart, offen zu seiner Sexualität zu stehen. Auf Baustellen beispielsweise ist der Ton oft ruppig, da fällt dann auch schon mal ein homophober Spruch. Das ist nicht immer ernst gemeint, trotzdem erhöht es natürlich die Hemmschwelle für ein Coming-out.

          Viele technische Berufe sind nach wie vor eine Männerdomäne. Fällt Schwulen ein berufliches Coming-out schwerer, wenn ihre Kollegen überwiegend männlich sind?

          Ich denke schon. Die Angst, diskriminiert zu werden, ist dann einfach größer.

          Gibt es denn Chefs, die einen schwulen Ingenieur nicht einstellen würden?

          Die meisten Chefs und Unternehmer haben kein Problem damit, Homosexualität ist ja mittlerweile gesellschaftlich anerkannt. Manchmal fehlt es aber noch an Zeichen, dass schwule Kollegen auch wirklich erwünscht sind.

          Das heißt?

          Manche Mittelständler sagen ihren Mitarbeitern: Homosexualität ist kein Problem, outet euch! Was dann aber oft fehlt, sind konkrete Aktionen oder Veranstaltungen, um dieses Versprechen zu untermauern. Ein befreundeter Geschäftsführer hat beispielsweise die Diversity-Studie unseres Verbandes auf seinen Schreibtisch gelegt - so dass die Mitarbeiter sie sehen konnten. Später kam ein Angestellter zu ihm und sagte: „Sie sind anscheinend offen für dieses Thema. Dann möchte ich ihnen sagen, dass ich schwul bin.“

          Wie lief denn Ihr eigenes berufliches Coming-out ab?

          Privat habe ich mich mit Ende 20 geoutet, in meinem beruflichen Umfeld habe ich länger damit gewartet. Erst als ich meine eigene Firma gegründet hatte, bin ich diesen Schritt gegangen. Das ist übrigens ein Phänomen, das ich oft beobachte: Viele Schwule machen sich selbständig, weil sie in den Firmen den Druck verspüren, ihre Sexualität verstecken zu müssen.

          Das Klischee kennt viele typische Schwulen-Berufe wie Friseur oder Designer. Gleichzeitig wird in Internetforen darüber schwadroniert, wieso Schwule „nicht Manns genug seien“, um Ingenieur zu werden.

          Tja, das sind die Vorurteile von früher. Damals hieß es, Schwule seien in den künstlerischen Berufen zu Hause. Heute sehen wir, welcher Unsinn das ist: Homosexuelle arbeiten in allen Bereichen. Und aus meiner Berufserfahrung als Ingenieur kann ich jedem versichern, dass ich auch in der Baubranche gut zurecht komme - obwohl es dort oft recht rauh zugeht.

          Dennoch trauen sich offensichtlich viele Ingenieure und Maschinenbauer nicht, sich zu outen. Welcher Schaden entsteht dadurch den Arbeitgebern?

          Es gibt Studien, die den Effizienzverlust einer Arbeitskraft auf fünf bis zehn Prozent beziffern, wenn er seine Sexualität geheim halten muss. Es ist einfach ein sehr anstrengendes Versteckspiel, dauernd muss man aufpassen: Was kann ich vom Wochenende erzählen, ohne dass ich meinen Lebenspartner erwähne? Aus meiner eigenen Geschichte weiß ich, wie viel dynamischer und kreativer ich nach meinem Coming-out arbeiten konnte.

          Wie beurteilen Sie die Situation für Lesben? In technischen Berufen müssen sie sich als Frauen eh schon gegen eine männliche Übermacht behaupten.

          Das ist schwierig zu sagen. Ich glaube, Frauen haben in erster Linie mit den geschlechterspezifischen Vorurteilen zu kämpfen, ihre Homosexualität steht da nicht ganz so im Fokus. Allerdings ist mir auch keine lesbische Ingenieurin bekannt.

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