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Forschung zu Ingenieurinnen : „In den Praktika müssen sie Sekretärinnenarbeit machen“

Susan Silbey ist Professorin am Massachussets Institute of Technology und forscht dort auf den Gebieten Verhaltensforschung, Soziologie und Anthropologie. Ihre Studien über Ingenieurinnnen hat sie gemeinsam mit Erin Cech, Brian Rubineau und Caroll Seron angefertigt. Bild: MIT SHASS Communications

Warum geben so viele Frauen schon in der Ingenieurs-Ausbildung auf? Die amerikanische Sozialforscherin Susan Silbey stieß in ihren Studien auf geplatzte Träume - aber auch auf Missachtung und Degradierung.

          3 Min.

          Frau Silbey, Amerika kämpft wie Deutschland damit, dass es viel zu wenige Ingenieurinnen gibt. Ihre Studien haben deshalb viel Aufmerksamkeit bekommen. Worum geht es da?

          Nadine Bös
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Es gibt gar nicht so wenige Mädchen, die sich ursprünglich für Ingenieurstudiengänge entscheiden. In den Vereinigten Staaten sind je nach Jahrgang 20 bis 30 Prozent der Ingenieurstudenten Mädchen; hier am MIT sind es zuweilen sogar um die 40 Prozent.

          Und macht sich das am Arbeitsmarkt bemerkbar?

          Eben nicht. Irgendwo unterwegs gehen viele verloren. Draußen im Arbeitsmarkt sind nur 13 Prozent der Ingenieure weiblich. Schon im Studium wechseln überdurchschnittlich viele Mädchen das Fach, und nach dem Abschluss entscheiden sich viele für einen ingenieursfremden Beruf.

          Was machen die Ingenieurinnen dann?

          Alles Mögliche. Sie gehen in die Wirtschaft, werden Managerinnen. Das wissen wir vor allem aus anderen Studien. Unsere beschäftigen sich erst mal damit, warum sie das Ingenieurwesen verlassen.

          Was haben Sie untersucht?

          Wir haben Ingenieur-Studentinnen und -Studenten aus vier Universitäten in Massachusetts begleitet. Beteiligt haben sich mehr als 800. Wir haben ihnen jedes Jahr Fragebögen geschickt, den ersten, als sie an der Uni angefangen haben, den letzten fünf Jahre nach ihrem Abschluss. Zusätzlich haben wir 25 Studierende je Uni in ihrem ersten und letzten Studienjahr interviewt. Zehn Studierende von jeder Uni haben wir Tagebuch schreiben lassen - zweimal im Monat, vier Jahre lang. Und wir haben im ersten Studienjahr Vorlesungs- und Seminarbesuche gemacht und ihre Professoren befragt.

          Was ist herausgekommen?

          Die Gründe, warum sie keine Ingenieurinnen werden, sind nicht die, die man erwarten würde: Die Mädchen haben gleich gute Noten wie die Jungs, sogar leicht bessere. Die Professoren fördern die Frauen und diskriminieren sie in keiner Weise. Die Studentinnen sorgen sich auch nicht um die Vereinbarkeit des Ingenieurberufs mit Kindern oder Teilzeit. Überraschenderweise sorgen sich da die Männer mehr.

          Wo ist dann der Knackpunkt?

          Es sind die männlichen Kommilitonen, die die Frauen in den Gruppenprojekten an der Uni diskriminieren und die männlichen Kollegen in Berufspraktika.

          Was passiert da?

          Die Frauen landen überdurchschnittlich oft in der Rolle der Teammanagerin. Sie haben dadurch das Gefühl, dass sie nicht dieselben technischen Fertigkeiten erlernen wie die Männer. Sie besorgen nur Material, organisieren Treffen und Präsentationen. Aber sie messen und rechnen nicht so intensiv wie die Männer. Das raubt den Frauen das Zutrauen, dass sie später im Job erfolgreich sein werden.

          Und in den Praktika?

          Ist es noch schlimmer. Da müssen sie Sekretärinnenarbeit machen. Oder sie werden einfach nicht beachtet. Manchmal gibt es auch sexistische Kommentare.

          Und deshalb schmeißen sie hin?

          Das ist einer der Gründe. Den haben wir aus den Interviews und Tagebüchern herauslesen können. Einen weiteren haben wir in den Fragebögen gefunden.

          Und der ist?

          Viele Frauen sind am Ende des Studiums nicht mehr überzeugt davon, dass sie eine interessante Karriere haben werden. Viele glauben, dass die Arbeit inhaltlich langweilig sei. Nicht relevant genug. Etwas mehr Frauen als Männer sagen am Anfang des Studiums, sie hätten das Fach gewählt, um hinterher die Welt ein Stück besser zu machen. Am Ende des Studiums glauben sie nicht mehr daran. Sie fürchten, ewig im Klein-Klein zu verharren.

          Was sollte sich ändern, um den Beruf für Frauen attraktiver zu machen?

          Man könnte versuchen, die Gruppenzusammensetzung bei den Projekten an der Uni zu ändern. Und man könnte die Leute ständig die Rollen tauschen lassen, damit nicht jedes Mal derselbe der Manager ist. Die Professoren könnten am Ende der Projekte eine Art Manöverkritik abhalten: Wer hat was wann gemacht? So lernen alle, wie sie gut im Team funktionieren. In solch einer Manöverkritik könnte aber auch die Frage vorkommen, was das Projekt zum großen Ganzen beitragen könnte, zur Weltrettung meinetwegen. 

          Wer könnte dabei helfen?

          Sozialwissenschaftler! Die verstehen was von Teamarbeit. Und Ingenieursarbeit ist immer Teamarbeit - viel mehr als in vielen anderen Berufen. Ein anderer Vorschlag ist, die Studenten selbst ein paar sozialwissenschaftliche Fächer besuchen zu lassen. Am besten würde das wohl funktionieren, wenn es mit dem Projekt verbunden wäre. Irgendein abstrakter Kurs in Soziologie oder Psychologie würde wohl eher wenig bringen.

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