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Elektroantriebe : Der Stapler als Vorbild

  • -Aktualisiert am

Antrieb ohne Abgas: E-Mobilität ist nicht nur für Gabelstapler gefragt. Bild: Linde

Elektroantriebe funktionieren in Gabelstaplern seit Jahrzehnten. Davon sollen nun auch Fahrsysteme für Schiene und Straße profitieren. Die Maschinenbauer wollen in Punkto E-Mobilität kräftig mitmischen.

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          Auf dem Freigelände der Frankfurter Messe quietschen viermal am Tag die Reifen, und der beißende Geruch von verbranntem Gummi hängt in der Luft. Nichts Ungewöhnliches für eine Messe wie die Automechanika, die größte Leistungsschau der Auto-Zulieferindustrie. Nur dass bei dieser Vorführung der gewohnte Benzinduft völlig fehlt. In halsbrecherischem Tempo steuert Rennfahrer Andreas Wolf sein Elektro-Gocart über den kleinen Platz zwischen den Messehallen, dreht eine 360-Grad-Pirouette nach der anderen und bremst sein Geschoss dann abrupt ab. Denn schon muss er Platz machen für zwei Elektrogabelstapler aus dem Hause Linde.

          An einen Staplerhersteller, und sei er auch die Nummer zwei auf der Welt, müssen sich die Besucher auf der Automechanika erst gewöhnen. Zwar kennt jeder Besucher aus Lagerhallen, Häfen oder Getränkemärkten die Maschinen mit den eisernen Zinken. Aber auf der Straße hatte eine Staplermarke wie Linde, die zum Wiesbadener Kion-Konzern gehört, bislang eigentlich nichts verloren. Doch das soll sich, geht es nach Mike Manthey, in den kommenden Jahren ändern. „Auch wir können Auto“, sagt der Linde-Bereichsleiter für Elektronische Systeme und Antriebe selbstbewusst. Seit 40 Jahren schon baue das Unternehmen Elektrostapler, insgesamt 3,5 Millionen Elektromotoren seien in dieser Zeit von Linde auf den Markt gebracht worden. Und jetzt, am Beginn eines neuen Mobilitätszeitalters auf den Straßen, könnten die Hersteller von Autos, Lastwagen, Baumaschinen oder Landmaschinen viel von dieser bewährten E-Staplertechnik lernen, ist sich Manthey sicher.

          Es geht um vollständige elektrische Fahrsysteme

          Dabei gehe es nicht so sehr um die Entwicklung einzelner Komponenten, sondern darum, vollständige elektrische Fahrsysteme herzustellen. „Linde produziert und entwickelt Motoren und Antriebsstränge selbst und entwickelt auch die Steuerungssoftware dazu. Das lässt sich in eine Vielzahl von Anwendungen überführen.“ Glaubt man Manthey, gibt es für den Einsatz von Elektromotoren auf Basis der Staplertechnik im täglichen Verkehr kaum eine Grenze. Wobei der gewerbliche Einsatz wie ein Türöffner für den Gesamtmarkt wirken könnte. So hat Linde zusammen mit dem Unternehmen Zwiehoff eine kompakte Elektrodraisine entwickelt, die vier volle Kesselwagen oder 250 Tonnen Gewicht rangieren kann. Große Industriekonzerne nutzen den Kraftprotz schon, um auf ihrem Gelände die herkömmlichen Diesel-Rangierloks zu ersetzen.

          Auch ein elektrisches Be- und Entladefahrzeug für den Airbus A380 auf dem Münchner Flughafen hat Linde im Einsatz. Landmaschinen rüstet der Hersteller mit einem elektrischen Düngemittelstreuer auf. Doch die Vorstellungskraft des Staplerbauers reicht noch viel weiter. Der gewerbliche Verkehr, der jeden Tag in die Innenstädte dränge, sei prädestiniert für Elektromotoren, ebenso kommunale Fahrzeuge wie zum Beispiel Kehrmaschinen, sagt Manthey. Je schärfer die Emissionsauflagen werden, desto reizvoller sei es beispielsweise für Handwerker, auf Elektro-Lieferwagen umzusteigen. Aber auch Bagger oder sogar einen 40-Tonnen-Lastwagen kann sich Manthey elektrifiziert vorstellen. „Warum nicht? Auf jede Achse ein Elektromotor wie bei unserer Draisine, dann ist die nötige Kraft vorhanden.“

          Um den Kundenkreis möglichst weit zu ziehen, wirbt der Staplerhersteller auch auf der Automechanika mit seinen Baukastensets, bestehend aus Elektromotor, Leistungsmodul und Software. Ein solches Paket lasse sich praktisch in jedes Fahrzeug integrieren, sagt Manthey. Auch ins Auto. Um das zu beweisen, ist Linde mit der Hamburger Karabag, einem Fiat-Vertriebsunternehmen, eine Partnerschaft eingegangen. Den Fiat 500 hat der Staplerhersteller mit seiner Elektrotechnik umgerüstet. 100 Kilometer Reichweite hat das Gefährt nun, bei einer Spitzenleistung von 28 Kilowatt kann es eine Geschwindigkeit von 105 Kilometern in der Stunde erreichen. Geplant ist der Verkauf von rund 1000 dieser Karabag-Fahrzeuge im Großraum Hamburg in diesem Jahr. „Die Autohersteller könnten in der Entwicklung der E-Mobility schon längst viel weiter sein. Aber sie wollten bislang nicht richtig“, sagt Manthey.

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