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Agraringenieure : Revolution in der Landwirtschaft

  • -Aktualisiert am

Wer ernten will, muss auch pflügen: Der Bau von Landmaschinen ist Präzisionsarbeit. Bild: Schoepal, Edgar

Immer weniger Bauern erzeugen immer mehr Lebensmittel. Das liegt am Fortschritt der Agrartechnik. Die Branche bietet Ingenieuren Stellen in der westfälischen Provinz - oder in Indien.

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          Viele Menschen glauben, es gebe vor allem deswegen immer weniger Bauernhöfe, weil die Politik das so wolle oder wegen einer Verschwörung der sogenannten Agroindustrie gegen die Kleinbauern. Der Hauptgrund für den atemberaubenden Strukturwandel der Landwirtschaft ist aber die Arbeit der Landmaschineningenieure. Von der Gesellschaft weitgehend unbemerkt, waren sie es, die zum Beispiel immer größere und präzisere Saat- oder Erntemaschinen schufen, die Antreiber des landwirtschaftlichen Strukturwandels. Und sie sind es immer noch und immer mehr. Auf Messen wie der Agritechnica, die alle zwei Jahre in Hannover als größte Landmaschinenfachmesse der Welt stattfindet, kann man beobachten, in welche Dimensionen die Maschinen gewachsen sind. Man findet dort fast hallenfüllende Kartoffelerntemaschinen, es gibt monströse Mähdrescher, GPS-ferngesteuerte Traktoren, Spezialgeräte zur teilweise automatisierten Traubenernte, für Zuckerrüben-, Baumwoll-, Apfelernte, für jede Frucht eine Maschine, und hinter jeder Maschine stehen Dutzende Ingenieure.

          Klammheimlich führend ist wieder mal der deutsche Mittelstand. Unternehmen wie Amazone Werke aus Hasbergen bei Osnabrück oder Grimme aus Damme sind in Nischen die Innovationsführer. Grimme stellt Maschinen für die Kartoffelernte her. Fünf bis zehn Ingenieure stellt es in jedem Jahr ein, besonders in der Entwicklung oder der Systemtechnik für Software, Hydraulik oder Kabeltechnik. Die sollten einen Bezug zur Landwirtschaft haben und etwas von Böden verstehen, müssen es aber nicht. Die anderen werden angelernt, denn so viele Bewerber, die etwas von Hydraulik, Software und Böden zugleich verstehen, gibt es nicht. Wer sich ein spezialisiertes Unternehmen in der Provinz wie Grimme als Arbeitgeber auswählt, bleibt dort oft Jahrzehnte beschäftigt. Und am Ende, wirbt Grimme, sieht der Ingenieur „sein“ Werk aus der Fabrik rollen, die Erntemaschine - während Maschinentwickler in anderen Branchen oft nur für das sprichwörtliche Rädchen im Getriebe zuständig sind.

          Landtechnik verschmilzt mit Informationstechnik

          Andere Unternehmen wie Krone aus dem Emsland oder Claas aus Ostwestfalen sind in breiteren Maschinenspektren weltweit führend. Ihre Maschinen zeigen, wie die Landtechnik immer mehr mit der Informationstechnologie verschmilzt. Ein Beispiel: Computersysteme der Amazonen Werke, mit dem Düngemittel je nach Windlage optimal versprüht werden. Das spart die knapper werdenden Ressourcen. Und auch für den Ökolandbau gibt es wertvolle neue Maschinen. An der Fachhochschule Osnabrück arbeiten Forscher derzeit an einem Roboter, der „manuell“ Unkraut jäten soll.

          Das Stichwort lautet „Presicion Farming“, Präzisionslandwirtschaft. Das heißt, die Landmaschinen werden mittels Computer- und Elektrotechnik effizienter. Ein Großteil der in Europa neu verkauften Traktoren verfügt mittlerweile über ein GPS-System, welches das Fahrzeug automatisch lenkt. Sie fahren „intelligenter“ und sparen so laut Universität Hohenheim bis zu 42 Prozent der Wegstrecke. Dank GPS merkt sich der moderne Traktor, welche Stellen er schon mit Pestiziden besprüht hat, beim zweiten Überfahren stellen sich die Spritzdüsen dann einfach automatisch ab. Die Ingenieure des Unternehmens Fendt waren die ersten, die einen fahrerlosen Traktor marktreif entworfen hatten.

          Die Technik revolutioniert die Landwirtschaft. Schon heute geben Satellitenbilder Bauern Aufschluss darüber, welche Teile eines Ackers besonders fruchtbar sind, wo Düngung nötig ist. Vor Dünge-Spritzdüsen werden Sensoren gesteckt, die erkennen können, wie viel Stickstoff-Dünger eine Pflanze benötigt. Auch Agrar-Maschinenbauunternehmen wie Gea suchen für interdisziplinäre Entwicklerteams Ingenieure. Gea stellt Milchviehhaltungs- oder Melkanlagen her. An Technik stecke da nicht weniger drin, als in einem Flugzeug, heißt es im Unternehmen.

          Die Spezialisierung schreitet voran. Einige Maschinen ernten Kartoffeln, andere befördern sie über Fließbänder in Lagerhallen, andere wieder heraus. Manche Fahrzeuge sind kleine Fabriken. In Mähdreschern findet die erste Bearbeitung des Getreides statt. Es gibt Reinigungslader, die Rüben aufsammeln, reinigen und in einen Hänger befördern, oder 50 Tonnen schwere Rübenroder, Feldhäcksler für Mais, nicht selten mit Motoren von bis zu eintausend PS. Ein Traktorgetriebe hat schon mal 30 oder 40 Gänge. In fast keinem Einsatzfeld sind die Herausforderungen für Hydraulikfachleute oder für Materialwissenschaftler so groß wie in diesem Schwermaschinenbau.

          Ingenieure sind dringend gesucht

          Die Branche verkauft immer mehr Maschinen in alle Welt, Ingenieure sind dringend gesucht. Die deutschen Hersteller von Landmaschinen sind laut dem Branchenverband VDMA mit Abstand die größten Produzenten von Landtechnik in Europa, der Branchenumsatz betrage 2012 rund 7,5 Milliarden Euro. Die Nachfrage ist so groß wie der Nahrungsmittelbedarf der wachsenden Weltbevölkerung. Bauern können mehr Geld in Maschinen investieren, je höher die Agrarrohstoffpreise sind und je größer die Betriebe werden. Als Wachstumsmärkte gelten Russland und die Schwellenländer Brasilien, China und Indien.

          Der Strukturwandel geht auf der ganzen Welt voran, mit Ausnahme von Indien, wo Kleinbauern politisch protegiert werden. 2011 wurden allein in Deutschland rund 35 000 Traktoren verkauft, so viele wie seit 1985 nicht mehr. Das Selbstverständnis der Landtechnikbranche: Mit Ingenieurtechnik gegen die weltweite Hungerproblematik und Ressourcenknappheit arbeiten. Denn Prognosen zufolge werden Mitte des Jahrhunderts aufgrund der wachsenden Weltbevölkerung und des steigenden Lebensstandards rund 70 Prozent mehr Lebensmittel als heute benötigt. Die Ackerflächen aber werden sich nur leicht ausbauen lassen.

          Ein Ingenieur des Herstellers Lemken aus Alpen bei der Entwicklungsarbeit.
          Ein Ingenieur des Herstellers Lemken aus Alpen bei der Entwicklungsarbeit. : Bild: Schoepal, Edgar

          Die Maschinen werden immer größer. Allein die Dünge-Vorsätze der Mähdrescher sind bis zu 50 Metern breit. Die Ingenieure arbeiten nicht nur am Größenwachstum. Es geht nun um Verbesserungen. In der Hochleistungslandwirtschaft erfordern etwa immer ertragreichere Getreidesorten auch schwereres Erntegerät. Agraringenieure arbeiten auch als Planer, Gutachter, Vertriebsingenieure, als Softwareentwickler oder Berater. Die helfen zum Beispiel Kunden, wenn sie Probleme mit der Technik haben, halten Vorträge vor Bauern oder bieten Schulungen an.

          Der familiengeführte deutsche Konzern Claas etwa, bei dem knapp 10 000 Menschen arbeiten, sucht derzeit Dutzende Ingenieure für Standorte in vielen Ländern der Welt. 300 Stellen seien ausgeschrieben, etwa zwei Drittel für Ingenieure, sagt Anja Schladitz, die für die zentrale Personalentwicklung zuständig ist. Die müssen nicht direkt von der Uni kommen. Oft wechseln Entwickler aus der Autobranche zu Landmaschinenkonzernen wie Claas, Fendt (Agco) oder John Deere.

          „Mit dem Bauer-sucht-Frau-Klischee kämpfen wir leider noch“

          Landtechnikspezifisches Wissen lernen sie meist erst dort. Wissen über Hydraulik, Motoren, Energieeffizienz ist von anderen Branchenerfahrungen meist übertragbar. „Mit dem Bauer-sucht-Frau-Klischee kämpfen wir leider noch“, sagt Schladitz. Dabei biete der Konzen alle Möglichkeiten auch für globale Karrieren, etwa Auslandsprogramme für Indien, wo Maschinen für die Reisernte entwickelt werden.

          Während ein Ingenieur im Autobau in der Regel für ein Teil zuständig sei, gebe es in der Landtechnik viel Kooperation. Geräte müssen zusammenpassen, Maschinen multifunktional einsetzbar sein, auch, da Landwirte zunehmend zu „Energiewirten“ werden, was teilweise neuen Maschineneinsatz verlangt. Claas beschäftigt Ingenieure an den Fertigungsstandorten: Für Mähdrescher etwa am Firmensitz in Harsewinkel, für Ballenpresswerke in Metz, für Traktoren in Le Mans oder nahe Paris, während bei Claas Agrosystems in Gütersloh eher Wirtschaftsingenieure mit IT-Spezialisierung beschäftigt sind. „Die Kunst ist es, dass diese Disziplinen zusammenarbeiten“, sagt Anja Schladitz. Dafür gibt es regelmäßige Konferenzen für Führungsverantwortliche. Die Landmaschinen müssen so aufeinander abgestimmt sein, dass sie elektronisch wie mechanisch kompatibel sind. Dazu kooperieren auch mehrere Landmaschinenbauer - wie etwa Claas mit den Amazonen Werken, die etwa Sprüh-Aufsetzer herstellen, die auf Claas’ Traktoren passen. Und manchmal gibt es unter den Unternehmen sogar einen Ingenieurtausch.

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