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Ingenieure : Das Geschäft mit dem Mangel

Mangel oder nur eine Frage der Technik? Bild: Cyprian

Not macht erfinderisch: Weil Ingenieure auf dem Arbeitsmarkt kaum noch zu bekommen sind, entwickeln sich neue Geschäftsmodelle. Für viele Unternehmen spielt dabei der Preis keine Rolle. Hauptsache, der Fachmann kommt.

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          Vom Fenster aus kann man die Maschinen sehen. Flugzeuge des Herstellers Airbus, die auf der eigenen Rollbahn des Werkes in Hamburg-Finkenwerder starten und landen. Es sei ein gutes Gefühl zu wissen, „dass man einen kleinen Teil zu so etwas Großem beigetragen hat“, findet Thomas Ehlers. Die meiste Zeit richtet sich sein Blick jedoch auf seinen Bildschirm. Dort flimmert ein Schaltplan, den Ehlers streng nach Vorgaben von Airbus erstellt. Er selbst arbeitet für Labinal, einen der großen Zulieferer im Airbus-Verbund. Das französische Unternehmen ist spezialisiert auf die Verkabelung in den Flugzeugen.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Dass er einmal in der Flugzeugkonstruktion landen würde, hätte der heute 48 Jahre alte gelernte Betonbauer mit späterer Zusatzqualifizierung Elektrotechnik bis vor ein paar Jahren nicht gedacht. Der Mangel an Fachkräften hat ihm über Zeitarbeit und Weiterbildung den Aufstieg aus der Arbeitslosigkeit in eine Wachstumsbranche ermöglicht. Thomas Ehlers ist so etwas wie die personifizierte Antwort auf die Ingenieurslücke. Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht.

          Milliarden gehen verloren, die Gehälter steigen

          Seit rund drei Jahren stimmt die Industrie schon das Klagelied vom Ingenieurmangel an. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) fehlten im vergangenen Jahr rund 70.000 Ingenieure, das waren 44 Prozent mehr als 2006. Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) schätzt den daraus resultierenden jährlichen Wertschöpfungsverlust auf 3,5 Milliarden Euro. Die große Nachfrage treibt folgerichtig die Gehälter der Spezialisten in die Höhe. Das Jahresbruttogehalt eines Ingenieurs lag nach Angaben des IW im Jahr 2006 um 69 Prozent über dem Salär aller Vollbeschäftigten und um 29 Prozent über dem anderer Akademiker. Zehn Jahre vorher hatte der Abstand zu anderen Hochschulabsolventen nur 3,6 Prozent betragen.

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          Vor allem für Ingenieure mit Berufserfahrung habe sich „das Lohngefüge deutlich nach oben verschoben“, berichtet Manfred Kennel aus der Geschäftsführung von Diehl Aerospace. Das deutsch-französische Gemeinschaftsunternehmen sorgt in den Flugzeugen von Airbus und Boeing für die richtige Beleuchtung. In den vergangenen Jahren sei man in der Wertschöpfungskette nach oben gerutscht, sagt Kennel, „vom Leiterplatten- zum Systemlieferanten“ geworden. Jeder dritte Mitarbeiter ist mittlerweile im Bereich Forschung und Entwicklung tätig, mehr als in der Produktion. Wegen des Luftfahrtbooms sind die Auftragsbücher auf mehrere Jahre hinaus voll. Um sicherzustellen, dass diese Aufträge auch von qualifiziertem Personal abgearbeitet werden können, hat Diehl unter anderem Kooperationen mit Universitäten ins Leben gerufen. Durch Berufspraktika sollen frühzeitig Kontakte zu potentiellen Mitarbeitern geknüpft werden. Eine Strategie, die bislang aufgehe, sagt Kennel.

          Indische Verhältnisse: sechs Stellen, 2000 Bewerber

          Auch anderswo hat die Not erfinderisch gemacht. Schon kurz nachdem sie vor sieben Jahren ihre Arbeit als Personalmanagerin für Labinal begann, erzählt Martina Matthäi-Lehmann, habe die rasante Expansion am Luftfahrtstandort Hamburg die Suche nach Luftfahrtingenieuren zur Herausforderung werden lassen. „Wir brauchten so viel Personal, wie wir am Markt gar nicht beschaffen konnten.“ Zumal unter deutschen Ingenieuren sich zunehmend eine gewisse „Arroganz“ breitgemacht habe, getreu der Devise: „Hier ist meine Bewerbungsmappe, wie viel bezahlt ihr mir?“ Also geht der Blick ins Ausland. Vor allem der indische Arbeitsmarkt sei sehr interessant, berichtet die Personalmanagerin. Auf die Ausschreibung für sechs Ingenieurstellen dort habe man 2000 Bewerbungen erhalten – und viele Kandidaten seien überqualifiziert gewesen.

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