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Ingenieurberufe mit schlechtem Image : Karriere in der Schmuddelecke

Panzer made in Germany: Diese Arbeit kommt auf Parties nicht gut Bild: ddp

Wenn sich Ingenieure auf Atom-, Wehr- oder Gentechnik spezialisieren, werden sie oft schief angesehen. Dabei ist die Arbeit spannend. Und gut bezahlt.

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          Bisweilen bekommt Michael Menges zu spüren, dass seine Branche nicht das beste Image hat. „Wenn man abends in der Kneipe Leute kennenlernt, kommt ja in der Regel bald die Frage auf, was man beruflich so macht“, berichtet er. „Mir ist es schon passiert, dass sich eine Frau nach meiner Antwort umgedreht hat und wortlos weggegangen ist.“ Michael Menges arbeitet in der Rüstungsindustrie, bei der Firma Diehl Defence in Röthenbach bei Nürnberg. Er leitet ein Projekt, in dem an unbemannten Militärfahrzeugen geforscht wird. Wenn alles gut läuft, sollen sie irgendwann in den nächsten zehn Jahren in Krisengebieten unterwegs sein, ferngesteuert, wie riesige Roboter, wie Drohnen in der Luft, bloß am Boden.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Doch so genau wollen das manche gar nicht wissen. „Es gibt einfach Leute, die solche Vorurteile gegen Wehrtechnik haben, dass man nicht mit ihnen diskutieren kann“, sagt der 29 Jahre alte Ingenieur. Die Mehrheit sei das freilich nicht. „Viele fragen einfach interessiert, was genau mein Beruf beinhaltet - und sind überrascht, dass meine Firma kein grau betonierter Beamtenapparat ist, sondern viel mit Forschung an Spitzentechnologien zu tun hat.“ Manche - vor allem Frauen - fragten ihn auch, wie er sich bei der Herstellung von Kriegsgerät fühle. Warum er Forschung betreibe, die womöglich dazu beiträgt, dass Menschen sterben. Dann sagt er, dass sein Unternehmen nicht die Taliban beliefert, sondern die Bundeswehr. Dass seine Forschung die Soldaten schützen soll.

          Nicht nur in der Rüstungsindustrie kämpfen Ingenieure mit dem schlechten Image ihrer Branche. „Auch Biotechnologie-Ingenieure aus dem Bereich Gentechnik werden in Deutschland gern mal schief angesehen“, sagt Volker Markmann. Er gehört der Geschäftsleitung des Personalberatungsunternehmens Kienbaum an. „Ähnlich sieht es in der Kernenergie aus.“ Allerdings: „Für Ingenieure, die keine Berührungsängste haben, gilt in diesen Branchen meist der Leitsatz: Schlechtes Image - gute Chancen.“ Egal, ob Rüstung, Gentechnik oder Kernenergie, alle drei Branchen zahlten Gehälter im oberen Segment. „Dazu kommt, dass es in den weniger beliebten Branchen oft bessere Ein- und Aufstiegsmöglichkeiten gibt.“

          Schlechter Ruf, beste Technologie

          Der entscheidende Vorteil sei jedoch ein inhaltlicher. „Der schlechte Ruf geht oft einher mit der Forschung an Unbekanntem, an zunächst Befremdlichem“, sagt Markmann. „Er geht deshalb aber unweigerlich auch einher mit der Arbeit an Spitzentechnologie.“ Diese Technologie wiederum könne später auch in beliebteren Branchen Anwendung finden, zum Beispiel in der Umwelttechnik.

          Beispiel Rüstung: „Im militärischen Bereich arbeiten wir an der Grenze des technisch Möglichen“, sagt Chantal Jonscher, die für das Recruitment des Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS in Deutschland verantwortlich ist. „Das ist etwas anderes, als Toaster zu bauen.“ Zudem lässt die Altersstruktur in einigen Wehrtechnikbetrieben auf gute Zukunftschancen schließen. „Wir haben hier viele Mitarbeiter, die älter als 50 oder gar 60 Jahre sind“, sagt etwa Andreas Fögen, der Personalleiter des Kettenfahrzeugherstellers Krauss-Maffei Wegmann.

          Unter einer ähnlichen Kombination aus schwierigem Image und schwieriger Altersstruktur leidet auch die Kernenergiebranche - und zwar in ganz Europa. Mittlerweile treffen sich alljährlich die Personalmanager von Konzernen wie Areva und Vattenfall zu einem Recruitment-Event der besonderen Art: „Atomic Careers“ lautet der Titel der Veranstaltung, die Jungingenieure ohne Atomkraft-Vorbehalte und Personalverantwortliche zusammenbringen soll. Hier werden Bewerbungsmappen ausgetauscht und Gespräche geführt. Der Tenor ist überall ähnlich: Die Firmen nehmen, wen sie kriegen können, der Mangel an geeigneten Bewerbern ist groß.

          Biotechnologie-Ingenieure haben es ebenfalls schwer

          Kienbaum-Fachmann Volker Markmann deutet an, dass sich auch die anderen Branchen, die mit schlechtem Image kämpfen, zu ähnlichen Veranstaltungen zusammentun. „Meist erfährt die Öffentlichkeit davon wenig“, erläutert er. „Doch die Rekrutierung funktioniert am besten über Events, zu denen Fachleute kommen, die vorurteilsfrei an diese Branchen herangehen. Wenn man Talente für die Gentechnik sucht, hat es oft wenig Sinn, sich an die breite Masse zu wenden.“

          Alain Chêne kann davon ein Lied singen. „Nur wenige talentierte Ingenieure mit dem richtigen Profil finden den Weg in unsere Branche“, klagt der Personalchef des Bereichs Bioscience von Bayer Cropscience. „Dabei beschäftigen sich bei uns viele Biotechnologie-Fachkräfte gar nicht unbedingt mit Gentechnik, sondern auch mit klassischer Züchtung.“

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