https://www.faz.net/-gyl-9ev0w

Erwerbstätige in der EU : Anteil älterer Arbeitnehmer vor allem in Deutschland stark gestiegen

  • Aktualisiert am

Mehr Menschen über 55 sollen erwerbstätig sein - das ist ein Ziel der EU, das viele Mitgliedsstaaten verstärkt fördern. Bild: dpa

In der europäischen Union arbeiten mehr Menschen zwischen 55 und 64 Jahren als noch eine Dekade zuvor, so eine aktuelle Studie. Besonders groß ist der Zuwachs in Deutschland.

          2 Min.

          In fast allen 28 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ist die Erwerbsbeteiligung von Älteren in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen. Besonders kräftig war die Zunahme in Deutschland, wo die Erwerbstätigenquote in der Gruppe der 55 bis 64 Jahre alten Männer zwischen 2005 und 2016 um rund 20 Prozent angestiegen ist - unter Frauen in dieser Altersgruppe waren es sogar fast 26 Prozentpunkte.

          Die Erwerbstätigkeit von Frauen dieser Altersgruppe stieg somit sogar noch stärker an als bei den gleichaltrigen Männern. Das geht aus einer Erhebung des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor, die am Donnerstag in Düsseldorf veröffentlicht wurde.

          Im Jahr 2016 waren in der Bundesrepublik somit knapp 69 Prozent der älteren Bürger erwerbstätig. Starke Zuwächse gab es unter anderem aber auch in den Niederlanden, Italien, Österreich und Polen. In Deutschland betrug die Quote bei Männern knapp 74 Prozent, bei Frauen zwischen 55 und 64 Jahren 63,5 Prozent.

          Nur zehn EU-Länder erfüllen die Quote

          Lediglich in Griechenland, Zypern und Spanien arbeitete 2016 ein geringerer Anteil der Männer zwischen 55 und 64 als 2005. Angesichts der heftigen Wirtschaftskrise, die zahlreiche EU-Länder in der Zwischenzeit durchliefen, zeige sich damit ein neuer, stabilerer Trend in der Beschäftigung Älterer, konstatieren die Studienautoren Martin Brussig und Arthur Kaboth. Denn anders als früher wurden Ältere nicht mehr „bei hoher Arbeitslosigkeit vom Arbeitsmarkt verdrängt“. Die von der Politik in vielen Ländern durchgesetzte Verlängerung der Lebensarbeitszeit wurde also auch durch die Krise nicht unterbrochen.

          Dennoch ist die Erwerbstätigenquote bei Menschen über 55 Jahren in allen EU-Ländern weiterhin deutlich niedriger als die der jüngeren Arbeitnehmer. In Schweden gehen in der Altersgruppe der unter 55 Jahre alten Arbeitnehmern zehn Prozent mehr einer Erwerbstätigkeit nach. In Deutschland und Dänemark beträgt die Differenz schon etwa 15 Prozentpunkte, in vielen osteuropäischen Ländern sowie in Frankreich, Österreich, Belgien und Luxemburg sogar 30.

          Das für 2010 festgelegte „Lissabon-Ziel“ der EU von mindestens 50 Prozent Erwerbstätigenquote unter Älteren erreichten bei den Männern im Jahr 2016 schon 24 der 28 Mitgliedsstaaten, allerdings waren es 2005 nur 16 gewesen. Lediglich Luxemburg, Griechenland, Kroatien und Slowenien unterschritten diese Vorgabe immer noch. Deutlich schlechter fiel die Bilanz zudem bei den älteren Frauen aus: Trotz der meist relativ kräftigen Zuwächse erfüllten 2016 hier lediglich zehn EU-Länder die 50-Prozent-Quote, 2005 waren es vier.

          Zu krank für die Arbeit, zu gesund für die Rente

          In fast allen Ländern zeigte sich indes ein Zusammenhang zwischen Erwerbsbeteiligung und Qualifikation: Ältere Frauen und Männer mit geringerer Qualifikation hatten deutlich seltener eine Erwerbsbeschäftigung als höher Qualifizierte. Die IAQ-Forscher raten deshalb, Qualifizierungen und berufliche Weiterbildungen deutlich stärker als bisher zu fördern – und zwar nicht nur bei älteren, sondern auch bei jüngeren Beschäftigten.

          Trotz des Anstiegs sieht Studienautor Brussig zudem noch große Defizite bei der Gestaltung altersgerechter Arbeitsbedingungen und der sozialstaatlichen Absicherung: „Wir wissen aus unserer Forschung, dass sich gleichzeitig die soziale Ungleichheit beim Altersübergang vergrößert hat. Ein guter Teil der älteren Erwerbstätigen hangelt sich über Phasen von prekärer Teilzeit-Beschäftigung oder Arbeitslosigkeit Richtung Rente.“

          Das passiere insbesondere in körperlich anspruchsvollen Berufen und bei gesundheitlichen Einschränkungen. Wenn der Trend zur zunehmenden Alterserwerbstätigkeit dauerhaft stabilisiert werden solle, müssten die Arbeitsbedingungen verbessert werden und passgenaue Lösungen für Menschen gesucht werden, die „zu krank für die Arbeit und zu gesund für die Rente“ seien. Außerdem hält es der Experte für zwingend notwendig, die Vereinbarkeit zwischen Berufstätigkeit und Pflege von Angehörigen zu verbessern.

          Weitere Themen

          Globale Ungleichheit auf dem Vormarsch Video-Seite öffnen

          Oxfam-Studie : Globale Ungleichheit auf dem Vormarsch

          Einer aktuellen Studie der Organisation Oxfam zufolge werden die Reichen weiter reicher und die Armen weiter ärmer. So besitzen die Milliardäre der Welt - insgesamt 2153 Menschen - mehr Geld, als die ärmsten 4,6 Milliarden Menschen zusammen.

          Topmeldungen

          Das neues Coronavirus hat Deutschland erreicht, sagt der Präsident des
Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit,
Andreas Zapf (2.v.r.), am Dienstag in München.

          Deutscher Coronavirus-Fall : Behörden prüfen 40 Kontaktpersonen

          Dem Erkrankten aus Starnberg geht es laut dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit „recht gut“. Er hat sich wohl bei einer Kollegin aus China angesteckt. Nun wird überprüft, ob sich weitere Personen infiziert haben könnten.
          Beliebter denn je: Eintracht Frankfurt hat derzeit viele Rekorde zu vermelden.

          Eintracht Frankfurt : „Das ist eine irre Entwicklung“

          Mitgliederrekorde, Umsatzrekorde, Beliebtheitsrekorde: Die Frankfurter Eintracht wächst über sich hinaus. Sie sieht sich als zweitbeliebtesten Bundesligaklub bei jungen Menschen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.