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Kolumne „Nine to five“ : Dünne Wände

  • -Aktualisiert am

Homeoffice mit Nebengeräuschen: eine Frage der Konzentration Bild: dpa

Frau K. ist eher zart besaitet und macht seit Monaten Homeoffice aus einem schmucken Altbau-Arbeitszimmer heraus. Schön wär’s – vor allem ohne die Musik des Nachbarn. Die Kolumne „Nine to five“.

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          Altbauwohnungen haben viele Vorteile: Die Quadratmeter sind meist großzügiger geplant als heutzutage, sowohl in die Breite als auch in die Höhe. Dielen oder Treppen knarzen heimelig. Ist ein Garten dabei, wachsen dort oft riesige Bäume, die mehr Schatten bieten als die gakeligen jungen Birken hinter Reihenhaus-Terrassen.

          Im Corona-Homeoffice machen sich aber auch die Kehrseiten bemerkbar. Dünne Wände! Frau K. ist eher zart besaitet, wohnt in der Großstadt und hat ihren Nachbarn aus dem angebauten Nebenhaus (oder ist es eine Nachbarin?) noch nie gesehen. Trotzdem weiß sie neuerdings viel über die Person nebenan. Leider! Die dünne Wand, die sie von ihr trennt, gehört zu Frau K.s Arbeitszimmer.

          Wenn sich Frau K. gerade konzentrieren will, scheint die Nachbars-Person meistens frei zu haben und das zu hören, was sie vermutlich Musik nennt: eine Mischung aus Schlager und Hip-Hop. Meistens ist es „Apache 207“. Frau K. versteht jede einzelne Textzeile: „Bitte, Baby, brich mir nicht das Herz“ oder „Vier Uhr bei Nacht, bin dicht, schon lange mehr kein Tageslicht“. Charttauglich, aber nicht ihr Geschmack. Umso mehr ärgert sie sich, wenn sie nach einem langen Arbeitstag auch noch einen penetranten Ohrwurm mit ins Wohnzimmer nimmt.

          Seit kurzem hört die Person noch andere Dinge: Online-Vorlesungen vermutlich. Professorale Stimmen dozieren Verschiedenes aus dem Dunstkreis der Pädagogik. Frau K. weiß nun viel über den demokratischen, egalitären und permissiven Erziehungsstil. Damit nicht genug. Offensichtlich hat sich Herr oder Frau Nachbar auch dazu entschlossen, einen Online-Sprachkurs in Arabisch zu belegen. Oder ist es Türkisch? Schwer zu sagen durch die Wand. Manchmal, wenn der Computer nebenan Vokabeln abfragt, macht sie sich einen Spaß daraus, zu überlegen, ob sie die Wörter auf Französisch gewusst hätte.

          Wenn sie aber schlechte Laune hat, geht Frau K. neuerdings zum Gegenangriff über. Ihre Zoom-Yogastunden (gern mit Klangschalen) belegt sie jetzt immer im Arbeitszimmer, denn die Trainer-Anweisungen sind in der Regel recht nervig: „Und jetzt noch mal laaaangsam ausatmen!“ Oder sie legt neben der Arbeit eine Puccini-Oper auf. Manchmal schickt sie auch die Kinder mit der Blockflöte in die Nähe der dünnen Wand. Meistens aber nutzt sie ihr neues Noise-Cancelling-Headset. Falls man sich nach Corona doch noch mal im Garten begegnet.

          In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wöchentlich wechselnde Autoren über die Kuriositäten des Alltags in Büro, Hochschule und Homeoffice.

          Nadine Bös
          (nab), Beruf & Chance, Wirtschaft

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