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Hochbegabung und Karriere : Erwachsene Wunderkinder

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Christoph Wimmer erinnert sich gut daran, wie ihn die Lehrer auf dem Gymnasium ermahnten, weil er immer aus der Reihe fiel: „Christoph, du bist zwar nicht dumm, aber verhalte dich so wie alle anderen.“ Als seine Noten stetig schlechter wurden, wechselte er auf die Realschule. Dort war er ein Außenseiter. Wimmer suchte sich einen anderen Weg, um Aufmerksamkeit zu bekommen: Aus dem interessierten, aufgeweckten Kind wurde der Klassenclown. Die Lehrer kamen nicht mehr mit ihm zurecht, ein Jahr musste er wiederholen, dann reichte es ihm. Nur mit einem Hauptschulabschluss, wenn auch einem sehr guten, verließ er die Schule und begann eine Lehre als Handweber im Betrieb seiner Mutter. Nach kurzer Zeit schmiss er sie und ging zum Bund. In vier Jahren dort lernte er, was ihm weder das Elternhaus, noch die Schule vermitteln konnten: dass nur Leistung zählt. Von da an ging es steil bergauf, zurück im elterlichen Betrieb, schloss er die Ausbildung ab, wurde bayrischer Landessieger, holte die mittlere Reife nach, machte seinen Meister, durch ein Begabtenförderungsprogramm schließlich sogar den Betriebswirt und war als Berater im Vertrieb unterwegs.

„Mein Potential hätte früher geschöpft werden können“, sagt Christoph Wimmer.

Langsam begann Wimmers negatives Selbstbild zu bröckeln. Er las einen Artikel über eine private Schule für Hochbegabte, in dem Kinder ihre Erfahrungen schilderten - die seinen eigenen glichen. Während des Lesens habe ihm permanent das Wasser in den Augen gestanden, erinnert sich Wimmer. 2001, im Alter von 31 Jahren, machte er einen IQ-Test. „Das war der Aha-Effekt“, sagt er heute. Vorher hatte er Fehler immer bei sich gesucht, jetzt ergab alles endlich Sinn. Für die rund 300 000 hochbegabten Kinder in Deutschland gibt es längst breitgefächerte Förderungsangebote wie spezielle Gymnasien oder ein Frühstudium. Nur hochbegabte Erwachsene bleiben oft außen vor, gelten als Randphänomen. Das mag auch daran liegen, dass sich viele im Erwachsenenalter mit ihrer jeweiligen Rolle abgefunden haben und sich gar nicht mehr testen lassen. Sie sehen sich nicht als hochbegabt, oder ihnen ist es schlichtweg egal.

Christoph Wimmer ist jedoch enttäuscht von Eltern und Lehrern. „Mein Potential hätte früher geschöpft werden können.“ Mit 43 Jahren studiert er jetzt dual an der Steinbeiß-Uni in Berlin, bald wird er einen Bachelor in Business Administration in der Tasche haben. „Mein eigener Horizont ist mir schnell zu klein.“ Lebenslanges Lernen ist jedoch nicht immer einfach zu realisieren, auch die finanziellen und zeitlichen Ressourcen spielen eine Rolle. Viele Hochbegabte schreiben sich deshalb an einer Fernuni ein, um in ihrer Freizeit studieren zu können. Welches volkswirtschaftliche Potential jedoch in Hochbegabten steckt, haben die meisten Unternehmen noch nicht erkannt - in der Personalentwicklung spielt der Begabungsbegriff keine Rolle, die häufig nicht geradlinigen Lebensläufe werden eher als Manko betrachtet. Viele Hochbegabte kommen auch mit den starren Hierarchien nicht zurecht und machen sich darum lieber selbständig oder tummeln sich an Stellen, bei denen sie sich in relativ kurzen Zeiträumen immer wieder in neue Arbeitsgebiete reinfuchsen müssen. Für Bedienstete im Auswärtigen Amt steht zum Beispiel alle drei Jahre ein Abteilungswechsel an.

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