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Innovative Landwirtschaft : Jetzt kommen die Hightech-Bauern

Agrarroboter Xaver von Fendt: Die Maschine dreht auf dem Feld eigenständig seine Kreise und verteilt Saatgut. Bild: Tobias Schmitt

Vom Feldroboter bis zur Geschlechtsbestimmung im Hühnerei: Agraringenieure tüfteln daran, unsere Ernährung und das Wohl von Tier und Umwelt zu sichern. Manchmal inmitten politischer Debatten.

          7 Min.

          Auf einem Acker nahe Würzburg werden Kinderträume wahr. Wie grün-rote Farbtupfer stehen dort Traktoren auf den abgeernteten Feldern, mit Reifen so groß und dick wie Heuballen. Ein Raupenschlepper wirbelt den staubtrockenen Boden auf, mühelos zieht er mit seinen 670 PS die messerscharfen Zähne der Egge durch das Erdreich. Ein paar Meter weiter dreht eine Pflanzenschutzmaschine mit bauchigem Tank ihre Kreise.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Johannes Utz aber hat nur Augen für seinen Xaver. Sechs Exemplare des kleinen Feldroboters aus dem Hause Fendt, einem Landmaschinenhersteller mit Hauptsitz in Marktoberdorf, flitzen wie von Zauberhand über das Feld, sauber in einer Linie aufgereiht wie eine Entenfamilie. Von seinem Tablet aus kann Utz die Roboter steuern und überwachen, wie sie zum Beispiel Mais aussäen, einen Samen nach dem anderen.

          Der 28 Jahre alte Projektleiter hat sich schon in seiner Diplomarbeit mit den Cloud-gesteuerten Mini-Traktoren beschäftigt, seit fünf Jahren tüftelt er mit seinem Team an der Entwicklung dessen herum, was mal Landwirte entlasten, die Feldarbeit präzisieren und überhaupt die ganze Branche revolutionieren soll. Utz ist Maschinenbauer, aber bei Fendt wurde er zum Agraringenieur. „Ich bin auf einem Gutsbetrieb aufgewachsen und schon als kleiner Junge auf dem Schlepper mitgefahren“, erzählt er. Nach einer dualen Ausbildung bei BMW und seinem Studium an der Technischen Universität München zog es ihn nicht wie die meisten seiner Kommilitonen zu einem der großen deutschen Autohersteller, sondern zurück zu seinen Wurzeln, in die Landwirtschaft. „Das steckt mir einfach im Blut“, sagt Utz.

          Leidenschaft für Landwirtschaft

          Bei seinem Arbeitgeber Fendt, der hier in der bayerischen Pampa seine Neuheiten vorstellt, ist er mit seiner Biographie kein Einzelfall. Die meisten Angestellten haben einen landwirtschaftlichen Hintergrund, und ist es nicht wie bei Utz der familieneigene Betrieb, dann zumindest ein Freund vom Bauernhof aus Kindheitstagen, der einst die Leidenschaft für Mähdrescher und Co. weckte. So war es auch bei Agraringenieur Nils Zehner. „Auf dem Traktor meines Kumpels mitzufahren gefiel mir deutlich besser als mein Leben in der elterlichen Reihenhaussiedlung“, sagt der 33-Jährige, der in der Nähe von Stuttgart aufwuchs.

          Er widmete seine Masterarbeit einer sensorbasierten Technologie: Nils Zehner mochte schon immer Traktoren.
          Er widmete seine Masterarbeit einer sensorbasierten Technologie: Nils Zehner mochte schon immer Traktoren. : Bild: Tobias Schmitt

          Zehner ging seinen Weg, trotz seiner vermeintlichen Außenseiterrolle: Nach einem Bachelor in Agrartechnik an der Universität Hohenheim zog es ihn für den Master ans Meer nach Kiel. In seiner Masterarbeit widmete er sich einer sensorbasierten Technologie, die die Aktivität und Gesundheit von Pferden und Milchkühen überwacht. In der Schweiz forschte er im Rahmen seiner Doktorarbeit weiter daran, brachte die Technologie zusammen mit einem Vertriebspartner auf den Markt, räumte einen Preis dafür ab und hatte sich spätestens dann einen Namen in der Branche gemacht.

          Heute ist Zehner auf dem Acker statt im Stall unterwegs, die Arbeit mit Software aber ist geblieben. „Precision Farming“, „Smart Farming“ oder „Landwirtschaft 4.0“ sind die Schlagworte seines Tuns, was übersetzt so viel bedeutet wie das Zusammenspiel einer digitalen Bedienplattform mit dem Traktor. Mit Hilfe einer Art App, die Zehner und sein Team ständig weiterentwickeln, kann der Landwirt die Feldarbeit vom Büro aus oder von unterwegs organisieren, Aufträge anlegen und an das Terminal im Traktor senden, Daten verwalten und Berichte erstellen. Zum Beispiel zur Dokumentation von Umweltauflagen.

          Nicht alle Landwirte sind auf Anhieb von dieser modernen Technik überzeugt – zu Zehners Berufsprofil gehört es deshalb auch, Kunden das Produkt mit viel Geduld näherzubringen: „Es geht darum, Verständnis und Vertrauen zu schaffen und Mythen und Vorurteile auszuräumen“, sagt Zehner. Sein Beruf als Agraringenieur habe also auch eine starke soziale Komponente. Erklärt er nicht gerade einem Bauern den Unterschied zwischen „offboard“ und „onboard“, legt er Feldversuche an, schraubt an Sämaschinen herum oder testet, ob Zuckerrüben in einer trockenen Saison nicht lieber tiefer eingepflanzt werden sollten – und wie die Technik den Landwirt bei solchen Entscheidungen unterstützen kann. „Einen Nine-to-five-Tag am Schreibtisch habe ich eigentlich nie, aber das ist mir gerade recht so“, sagt Zehner.

          Agraringenieure arbeiten nicht nur auf dem Feld, sondern auch in der Nutztierhaltung. Ein Hightech-Beruf ist das nicht minder und dazu noch zuweilen ein brandaktuelles Thema: Nach wie vor werden in Deutschland jedes Jahr bis zu 45 Millionen männliche Küken getötet, da sie in der Fleisch- und Eierproduktion nutzlos sind. Bis Ende des Jahres 2021 soll nun damit Schluss sein, so sieht es ein neuer Gesetzentwurf von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) vor.

          Wie das funktionieren könnte, daran tüftelt ein Ingenieurteam rund um den 63 Jahre alten Ludger Breloh. Mit seinem Unternehmen Seleggt setzt er auf die Geschlechtsbestimmung im Ei. Die Grundlage bildet ein von der Leipziger Veterinärmedizinerin Almuth Einspanier entwickeltes Verfahren. Aus der sogenannten Allantoisblase direkt unter der Eischale entnahm sie mit einer feinen Spritze einen Tropfen Flüssigkeit. Diese wiederum prüfte sie auf ein Hormon, das nur bei weiblichen Hühnern vorkommt. Im Jahr 2014 lernt Breloh die Forscherin kennen, das Verfahren überzeugt ihn: „Die Herausforderung war, die Handarbeit im Labor in ein industrielles Verfahren zu übersetzen.“ Das entwickelt er gemeinsam mit dem niederländischen Unternehmen Hatchtech, einem Spezialisten für Brütereitechnologie. Drei Jahre später wird Seleggt mit Unterstützung der Rewe-Gruppe gegründet.

          Für die Geschlechtsbestimmung im Ei: der „Seleggt Circulus“
          Für die Geschlechtsbestimmung im Ei: der „Seleggt Circulus“ : Bild: SELEGGT GmbH

          Mittlerweile funktioniert das Verfahren komplett berührungslos: Ein Industrieroboter hebt die Eier mit einem Saugknopf auf ein Band. Sie laufen durch einen Laser, der ein winziges Loch ins Ei brennt; über weitere Roboterarme wird die Flüssigkeit entnommen und an den Marker gegeben. Weibliche Eier werden danach weiter gebrütet, die männlichen aussortiert und etwa zu Tierfutter verarbeitet.

          Bislang gibt es nur eine der teuren Maschinen, und zwar beim Tochterunternehmen Respeggt. Das bietet den Test als Dienstleistung für Brütereien an, die ihre frischen Eier zum Test ins niederländische Barneveld liefern. Seit dem Jahr 2018 verkaufen Supermärkte wie Rewe oder Edeka Eier aus dem Verfahren. Ein Ei pro Sekunde analysiert das Gerät. „Im normalen Betrieb mit Rüstzeiten und Pausen kann die Anlage im Jahr 3 bis 3,5 Millionen weibliche Bruteier aussortieren,“ rechnet Breloh vor. Erst von einer solchen Kapazität an sei ein wirtschaftlicher Einsatz machbar. Aus der Aussage spricht jede Menge Stolz auf seine Tätigkeit.

          Ähnlich empfindet es auch Johannes Utz auf dem nordbayrischen Feld; er fühlt sich gar wie eine Art Vordenker: „Mein Team beschäftigt sich damit, wie die Zukunft der Landwirtschaft aussehen wird.“ Utz nennt Begriffe wie den Fachkräftemangel, die Automatisierung, die an der Feldgrenze nicht haltmachen werde, alternative Antriebe, den Klimawandel. „Die Gesellschaft gibt uns vor, was sie haben will. Das sind manchmal ambitionierte Ziele, aber wir sehen das als Herausforderung.“

          Mit Überzeugung auf den Traktor

          Agraringenieure, dieser Eindruck entsteht unweigerlich nach mehreren Stunden Gesprächen und Traktorfahren auf dem Beifahrersitz, machen ihren Beruf aus Überzeugung – einer ganz individuellen Überzeugung wohlgemerkt, wie Eva Gallmann betont. Sie koordiniert an der Universität Hohenheim den Fachbereich Agrartechnik und weiß, wie vielfältig die Studierenden auf dem Campus sind: „Da trifft dann schon mal der Sohn eines großen Milchviehhalters auf eine vegane Kommilitonin, die hinterfragt, warum wir überhaupt Tiere halten.“ Das sei aber auch das Schöne an einem Studium der Agrarwissenschaften: „Ein Agrarstudium bietet alles, da kann man sich technisch, ökologisch und ökonomisch ausbreiten.“

          Ist zurück zu seinen Wurzeln: Johannes Utz wechselte vom Auto- zum Landmaschinenhersteller.
          Ist zurück zu seinen Wurzeln: Johannes Utz wechselte vom Auto- zum Landmaschinenhersteller. : Bild: Tobias Schmitt

          Von Fragen der Tierhaltung und des Stallbaus über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz bis hin zu Verfahrenstechniken in der Pflanzenproduktion und der stofflichen Nutzung landwirtschaftlicher Restprodukte – der Studienplan der angehenden Agrarwissenschaftler bietet tatsächlich viel Raum zur Entfaltung. Einzige Voraussetzung: „Eine gewisse naturwissenschaftliche Affinität sollte schon vorhanden sein“, sagt Gallmann. Ein elterlicher Betrieb sei dagegen kein Muss, um in Studium und Beruf Fuß zu fassen.

          Agraringenieur ist keine geschützte Berufsbezeichnung, entsprechend viele Wege gibt es, in einem Beruf in diesem Bereich anzukommen. Manche machen es wie Johannes Utz und studieren ganz klassisch Maschinenbau. „Für einen ausgebildeten Maschinenbauer macht es keinen Unterschied, ob er an einer Landmaschine oder einem Porsche herumschraubt“, sagt Gallmann. Andere fokussieren sich gleich zu Beginn auf die Agrarwelt, so wie Nils Zehner. Ludger Breloh, der an der Küken-Geschlechtsbestimmung arbeitet, ist gar kein Ingenieur, sondern Agrarökonom und ehemaliger Bio-Landwirt. Eine Suche im Hochschulkompass nach agrarwissenschaftlichen Studiengängen mit Bachelor-Abschluss liefert 53 Einträge, die Auswahl ist also überschaubar, aber durchaus vorhanden.

          Nicht jeden zieht es nach seiner agrartechnischen Ausbildung auch wirklich in den Maschinenraum. Mirjam Kleinknecht ist dafür das beste Beispiel. Auch sie hat in Hohenheim Agrartechnik studiert, ihre Eltern bauen Wein an. Heute arbeitet die 33 Jahre alte Heilbronnerin in der Produktvermarktung von Landmaschinen, an der Schnittstelle also von Marketing und Entwicklung. Zu ihrer Arbeit gehört es beispielsweise, Preise für Produkte festzulegen, Messen vorzubereiten und Vertriebspartnern neue Technologien zu erklären.

          „Die Landwirtschaft befindet sich in einem ständigen Wandel. Mir macht es Spaß, immer wieder dazuzulernen“, sagt Kleinknecht. In ihrem Studium und auch bei ihrem Arbeitgeber war sie zunächst eine von wenigen Frauen: „Man muss sich als Frau schon etwas mehr beweisen, aber ich musste mir nie blöde Sprüche von den Kollegen anhören.“

          Mirjam Kleinknecht musste sich nie blöde Sprüche anhören
          Mirjam Kleinknecht musste sich nie blöde Sprüche anhören : Bild: Tobias Schmitt

          An der Uni Hohenheim liegt der Frauenanteil in manchen Fachbereichen, zum Beispiel der Tierhaltung, inzwischen sogar über dem der Männer, sagt Studienbetreuerin Gallmann. Für beide Geschlechter biete die Agrarbranche gute Karrierechancen, ob nun bei einem großen Konzern, bei einem kleinen Start-up, das sich mit Fragen der Digitalisierung der Landwirtschaft beschäftige, in der Beratung oder gar im öffentlichen Dienst. Verdienen lässt sich als Agraringenieur zudem nicht schlecht: Dem Karriereportal Agrarjo zufolge steigen Agrartechniker mit 43.000 Euro und damit mit dem im Branchenvergleich höchsten Gehalt ins Berufsleben ein.

          Falsche politische Anreize für Tüfteleien

          Manchmal sorgen auch neue Gesetze dafür, dass Agraringenieuren die Tüfteleien zugunsten eines höheren Tierwohls nicht ausgehen. So passiert es gerade Ludger Breloh mit seinem Eier-Selektionsmechanismus: Derzeit lässt sich das Verfahren am achten oder neunten Bruttag anwenden, da dann die Allantoisblase am größten sei, erklärt er. Der Gesetzentwurf von Landwirtschaftsministerin Klöckner sieht jedoch vor, dass vom Jahr 2024 an nur noch Verfahren erlaubt sein sollen, die das Geschlecht vor dem siebten Bruttag bestimmen. Hintergrund ist eine Debatte darüber, ab wann die Embryonen Schmerz empfinden. Einige Wissenschaftler sind der Ansicht, dies sei vom siebten Bruttag an der Fall. Breloh verteidigt dagegen sein Verfahren: „Ein Abbruch am achten oder neunten Tag ist ethisch sicherlich vertretbarer als das Töten am ersten Lebenstag.“

          Global wird indes an weiteren Lösungen geforscht. Eine soll mittels eines Lichtstrahls, der ins Innere des Eis geschickt wird, das Geschlecht ab dem vierten Tag bestimmen können. In der Praxis eingesetzt wird bislang aber nur das Seleggt-Verfahren. „Wir arbeiten daran, vor den siebten Tag zu kommen, aber ob und wann das gelingt, kann ich nicht sagen“, berichtet Breloh. Ein Gesetz in der geplanten Form würde weitere Investitionen für ihn erschweren. Langweilig wird es ihm aber gerade durch die Aussicht auf die Neuregelung wohl erst einmal nicht. Auch ganz abseits von politischen Debatten glaubt Professorin Gallmann an die Zukunftsträchtigkeit des Agraringenieur-Berufs: „Die Landwirtschaft wird nie verlorengehen“, sagt sie. „Es muss immer produziert und geerntet werden.“

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