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Heimarbeit : Wenn die Wohnung zum Büro wird

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Das Büro zu Hause - praktisch! Es birgt aber auch die Gefahr der Selbstausbeutung. Bild: Picture-Alliance

Immer mehr Menschen arbeiten vom heimischen Schreib- oder Wohnzimmertisch aus. Das hat aber nicht nur positive Seiten.

          3 Min.

          Es muss nicht immer das Büro sein: Unternehmen setzen verstärkt auf mobiles Arbeiten ihrer Beschäftigten beispielsweise im Home-Office. Trotzdem bleibt es im deutschlandweiten Durchschnitt noch immer die Ausnahme, statt die Regel. Flexible Modelle für Arbeitszeit und -ort können allerdings dabei helfen, dringend gesuchte Fachkräfte zu finden.

          Beim Chemieriesen BASF beispielsweise ist mobiles Arbeiten längst ein großes Thema - zusätzliche Relevanz bringt gerade die schwierige Verkehrslage in Ludwigshafen mit seinen maroden Hochstraßen. „Durch die in Ludwigshafen und Umgebung geplanten Straßenbaumaßnahmen, aber auch um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben, ist das Thema am BASF-Standort Ludwigshafen vermehrt in den Fokus gerückt“, heißt es.

          Instrumente für flexibles, mobiles Arbeiten erlaubten es, Hauptverkehrszeiten zu meiden. 2019 startete BASF ein Pilotprojekt mit dem Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO). Acht Einheiten wurden ausgeguckt, die mobiles Arbeiten im Team erproben, das wird wissenschaftlich begleitet. Um trotzdem betriebliche Abläufe zu gewährleisten, seien Absprachen im Team und ein „verantwortungsvoller Umgang mit den Kommunikationsmedien“ nötig.

          Zielvereinbarungen statt Anwesenheit

          Beim Getränkehersteller Eckes-Granini in Nieder-Olm bei Mainz sagt ein Sprecher, Grundlage für die Zusammenarbeit zwischen Führungskraft und Mitarbeiter seien die jeweils vereinbarten Ziele, nicht die Anwesenheit des Mitarbeiters. Von den Beschäftigten aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet hätten viele stressige und lange Anfahrtswege. Wenn sich die vermeiden ließen, trage das zu weniger persönlicher Belastung und „zur Verbesserung des ökologischen Fussabdrucks“ bei.

          Gerade für junge Menschen sei die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein wichtiges Thema, sagt Ulf Rinne vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit in Bonn. Viele sprächen Home-Office-Regelungen offensiv in Bewerbungsgesprächen an. Möglich sei das aber nicht überall. Schwierig werde es in der Transport- und Logistikbranche, im verarbeitenden Gewerbe und in großen Teilen des Dienstleistungssektors, wo direkter Kundenkontakt bestehe, sowie in sozialen Berufen, sagt Rinne. Auch in der Produktion stößt das Home-Office an Grenzen, wie der Spezialglashersteller Schott in Mainz berichtet. Anwesenheit im Betrieb sei da zwingend erforderlich.

          Rinne sieht auch Risiken beim Home-Office. Die „Entgrenzung“ von Arbeit und Privatleben könne mehr Stress bringen, verlange Mitarbeitern mehr Selbstorganisation ab. Für Unternehmen sei die Koordination herausfordernd. Noch werde mit Home-Office-Regelungen viel experimentiert. „Da gibt es ein bisschen Trial-and-Error.“

          „Selbstgefährdung“ verhindern

          Der rheinland-pfälzische Landeschef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Dietmar Muscheid, sieht offene Fragen bei der Gestaltung. „Es darf nicht jedem einzelnen Unternehmen überlassen werden, Regelungen zu treffen.“ Um eine „Selbstgefährdung“ zu verhindern, müsse Arbeit an selbstgewählten Arbeitsorten zwingend mit einem Ordnungsrahmen verbunden werden. Es gehe darum, Überlastung, unbezahlte Mehrarbeit und permanente Erreichbarkeit zu vermeiden.

          Der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim weiß die größere Flexibilität, das Mehr an Eigenverantwortung und die größere Familienfreundlichkeit von mobilem Arbeiten zu schätzen, sagt aber auch: „Die gesteigerte Flexibilität in der Gestaltung von Arbeitszeit und -ort fordert gleichzeitig Selbstmanagement, Fingerspitzengefühl und insbesondere Vertrauen zwischen Mitarbeiter und Vorgesetztem.“

          Rinne vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit sieht Deutschland im internationalen Vergleich im „unteren Mittelfeld“. Skandinavien, die Niederlande, Großbritannien, Österreich und Frankreich seien weiter. Das liege vermutlich daran, dass Deutschland bei der Digitalisierung und dem Wertewandel nicht gerade Vorreiter sei. „Und in Deutschland ist die Präsenzkultur eher ausgeprägt“, erklärt Rinne.

          „Deutschland ist weit abgeschlagen“

          Auch Sabine Wolter vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg verortet Deutschland im „unteren Mittelfeld“ und führt als Grund die Wirtschaftsstruktur an. Hierzulande gebe es einen großen Industriesektor, anders als in Skandinavien oder den Niederlanden. Führungskräfte arbeiteten noch immer häufiger zumindest zeitweise im Home-Office. „Es sind vor allem Nicht-Führungskräfte, die in den letzten Jahren aufgeholt haben.“

          Drastischere Worte wählt der Münchener Headhunter Peter-Alexander Rapp. „Deutschland ist weit abgeschlagen, was das Thema Smart Work angeht.“ Das liege etwa an der vielerorts mittelständisch geprägten Unternehmenslandschaft. Speziell in mittelständischen Unternehmen abseits der Metropolen sei ein deutliches Umdenken nötig, Jobkandidaten verlangten heutzutage einfach solche Dinge. Es brauche ein ganzes Sammelsurium an Anreizen, um an begehrte Fachkräfte zu kommen. In manchen Unternehmen gebe es Streit zwischen Personalern und eher traditionell denkenden Firmenchefs. Letzterer denke oft noch, dass Arbeitnehmer zuhause weniger arbeiteten und andere Dinge erledigten.

          „Sie können als Unternehmen nicht jeden Wunsch erfüllen“

          Dass es auch in vergleichsweise kleinen Unternehmen funktionieren kann, zeige etwa der Arzneimittelhersteller Hevert in Nussbaum im Kreis Bad Kreuznach, lobt Sabine Mesletzky, Teamleiterin Fachkräftesicherung bei der Koblenzer IHK. Hier ist in allen Vollzeit-Arbeitszeitmodellen eine Kombination mit Home-Office-Tagen denkbar, solange es die Stelle und Organisation zulässt, wie Personalleiter Thomas Buss erklärt. Auch Hevert berichtet, dass Arbeitnehmer verstärkt eine flexible Gestaltung der Arbeit fordern.

          Headhunter Rapp sieht bei auf den Arbeitsmarkt drängenden jungen Menschen eine „neue Bedürfnisskala“. „Da steht der Job nicht mehr an oberster Stelle.“ Für „Smart Work“ - vom Homeoffice, über mobiles Arbeiten bis hin zu anderen Formen der Flexibilisierung, brauche es klare Regeln und Grenzen - sonst werde es kontraproduktiv. „Sie können als Unternehmen nicht jeden Wunsch erfüllen.“

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