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Headhunter im Gespräch : „Hier entstehen die neuen Berufe“

Solare Expansion gefordert: Die UN setzen vor allem auf günstigen Sonnenstrom. Bild: dpa

Julian von Blücher hat sich auf die Vermittlung von Personal an Start-ups spezialisiert, vor allem im Bereich grüne Technologie. Im Interview erzählt er, welche Zukunftsberufe dort gerade entstehen.

          3 Min.

          Herr von Blücher, Sie sind Headhunter und vermitteln vor allem Personal an Start-ups, oft im Bereich grüne Technologie. Wie kamen Sie dazu?

          Nadine Bös
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Mein Unternehmen „Talent Tree“ ist sechs Jahre auf dem Markt. Zuvor hatte ich in Berlin eine Art Vermittlungsbörse für Start-ups und Investoren gegründet, die an der grünen Technologiewelt interessiert waren. Diese Gründer und Gründerinnen haben damals chronisch unterschätzt, wie anstrengend, kostspielig und frustrierend das Thema Personalsuche ist. Und ich wurde dann eben immer wieder angesprochen: „Kennst du nicht einen guten Mitgründer oder Vertriebler oder Techie?“ So habe ich begonnen, Intro-E-Mails zu schreiben und dann immer wieder ein paar Monate später gehört: „Hey, danke schön, das hat geklappt.“

          Und so ist die Geschäftsidee geboren?

          Ja! Irgendwann gab es dann mal eine Gesellschaft aus England, die haben mir ein Paar Pfund dafür überwiesen und gesagt: „Bitte, wir brauchen mehr von diesen guten Leuten.“ Und da war für mich klar: Hoppla, das ist nicht nur etwas, das ich ohnehin gern mache, sondern hier gibt es offensichtlich eine Zahlungsbereitschaft. Mittlerweile sind wir knapp 20 Leute und bedienen nicht mehr den Early-Stage-Start-up-Markt, sondern eher das Segment 30 bis 300 Mitarbeiter.

          Und was für Leute suchen Sie für die?

          Vor allem Führungskräfte. Es gilt, Chefs zu finden, die mit einer gewissen Demut aus dem Nichts etwas Kreatives erschaffen wollen. Gleichzeitig aber müssen sie auch in der Lage sein, ein schnell wachsendes Team aufzubauen und zu leiten. Das ist eben doch ein sehr spezielles Spannungsfeld, wo womöglich klassische Managerpersönlichkeiten nicht reüssieren und sich kulturell nicht wiederfinden.

          Climate-Tech heißt ein Bereich, in dem gerade angeblich ganz viele neue Berufe entstehen. Sehen Sie das auch so, und was ist Climate-Tech eigentlich genau?

          Ja, das stimmt! Climate-Tech ist ein moderner Sammelbegriff, früher hat man noch „Cleantech“ und „Greentech“ gesagt. ­Cleantech ist für Investoren aber oft ein bisschen ein rotes Tuch: viel Hardware, sehr maschinenlastig, extrem viele Vorlaufkosten, bevor man herausfindet: Funktioniert das Geschäftsmodell? Climate-Tech dagegen beschreibt eher leichtgewichtige, schneller skalierbare Geschäftsmodelle, und das ist auch das, was ich gerade beobachte: dass zum ersten Mal auch der Mainstream dieses Thema mitträgt.

          Worin äußert sich das?

          In der Start-up-Welt gibt es sehr viele Gruppen, wie etwa „Leaders For ­Climate Action“, „Startups for Tomorrow“, „Greentech Alliance“ und „Entrepreneurs for Future“, in denen der Gedanke, dass Geschäftsmodelle sinnstiftend sein sollen, zusammentrifft mit Skalierbarkeit, was ich so vor 10 Jahren nicht beobachten konnte. Ach, noch nicht mal vor drei Jahren! Das Thema wird durch die Decke gehen.

          Welche Berufe genau entstehen da?

          Schon Peter Drucker, der alte Management-Guru, hatte ja immer den Spruch: „What you can’t measure you can’t manage.“ Und wenn wir über CO2 und das Erfassen des CO2-Fußabdrucks sprechen, dann müssen wir zuerst eine Art digitalen Zwilling der Realität abbilden. Deshalb gibt es mittlerweile ganz viele digitale Start-ups, die eigentlich nichts anderes tun, als die CO2-Wertschöpfungsketten zu erfassen. Sonst können wir gar nicht richtig verstehen: Was hat denn welchen Einfluss? Hier entstehen die neuen Berufe.

          Was für Positionen genau?

          Carbon Accountant zum Beispiel. Es gibt neben Datenschutzbeauftragten immer mehr Klimaschutzbeauftragte. Die werden immer mehr zu Vollzeit-Klimaschutzmanagern, die die CO2-Ströme und Einsparpotentiale durchleuchten. Ein immer gängigeres Profil ist auch Data Engineer. Letztlich dreht sich beim Erfassen der CO2-Wertschöpfungskette ja alles um Daten und den Umgang damit. Was auch noch häufig gebraucht wird in dem Bereich, sind Solar-Monteure, „Solateure“ werden die genannt.

          Also haben nicht alle neuen Berufe in dem Bereich mit Digitalisierung zu tun?

          Viele, aber nicht alle. Wichtig in der Diskussion sind auch die großen Industrien, die noch ganz am Anfang stehen in der Digitalisierung, etwa Prop Tech, also der Bereich Immobilien. Oder Ag Tech, also der Bereich Agrar und Food Tech. Etwa der Versuch, mit Vertical Farming die großen Ernährungsprobleme im Bereich Pflanzenzucht zu lösen.

          Und all diese neuen Berufe findet man vor allem in Start-ups?

          Die Start-up-Welt nimmt ja – und das ist jetzt losgelöst von Climate-Tech – vieles voraus, was dann irgendwann bei den Konzernen ankommt. Wenn ich zum Beispiel an Scrum Master denke oder Agile Coaches: Diese Profile waren alle vor zehn Jahren schon Standard in der Start-up-Szene, und inzwischen ist das völlig etabliert auch in großen Unternehmen. Ein recht plastisches Beispiel, in dem jetzt gerade neue Berufsbilder in der Start-up-Welt entstehen, ist das Thema No Code oder Low Code.

          Da gibt es ein paar Start-ups, die es mithilfe sehr einfacher Technologie und Nutzeroberflächen normalen Menschen ermöglichen, Softwareanwendungen zu entwickeln. Damit kann im Prinzip jeder in Zukunft auf das eigene Unternehmen angepasste Software bauen. Firmen, die das erkennen, werden einen deutlichen Wettbewerbsvorteil erreichen. Außerdem muss der sogenannte „Citizen Entwickler“ nicht in Deutschland sitzen. In den nächsten Jahren werden Hunderttausende Jobs in diesem Bereich entstehen. Und das auf der ganzen Welt.

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