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Trend zu „New Work“ : Ich mach mir die Arbeitswelt, wie sie mir gefällt

  • -Aktualisiert am

Selbstgemacht: Werkbank aus Karton mit virtuellem Werkzeug. Bild: Hella

Flache Hierarchien, Agilität, Home-office – all das gibt es vor allem im Büro. Und in der Fabrik?

          6 Min.

          Pappe. Der Autozulieferer Hella mit seinen sieben Milliarden Euro Umsatz, seinen 39 000 Mitarbeitern und seinen 14 Fabriken in 35 Ländern setzt auf Pappe, wenn es um die Neuentwicklung von Scheinwerfern geht, dem größten Umsatztreiber des Unternehmens. Ausgerechnet Pappe? Wieso?

          Matthias Pretzlaff ist in dieser Frage einer der entscheidenden Manager in dem Familienunternehmen aus Lippstadt in Südwestfalen. Seine Visitenkarte weist ihn als „Leiter Operational Excellence & Industrial Engineering“ aus. Der 42 Jahre alte Wirtschaftsingenieur sagt: „Für jede Scheinwerfergeneration plant das Entwicklerteam eine neue Montagelinie, um die Produktionsabläufe bestmöglich festzulegen.“ Eine Besonderheit bei dem vom Bundesforschungsministerium und dem Europäischen Sozialfonds geförderten Projekt „IviPep - Arbeit 4.0“: Lange bevor der neue Scheinwerfer vom Band läuft, wird der Arbeitsplatz aus Pappe im Maßstab 1:1 gebaut, dann im Team diskutiert und festgelegt.

          Hella setzt in diesem Projekt auf eine interdisziplinäre Mischung: Projektleiter, Entwickler, Fertigungsplaner, Logistiker und Spezialisten aus der Fertigung arbeiten Hand in Hand. Hinzu kommen noch Forscher des Fraunhofer-Instituts für Entwurfstechnik Mechatronik IEM Paderborn und der Universität Bielefeld. Sie brüten über Fragen wie: Hat die Arbeitsfläche die richtige Höhe? Hat der Monteur genügend Platz für Arm- und Handbewegungen? Hat er alle Werkzeuge und Bauteile im Blick und in greifbarer Nähe? Ist die Montagereihenfolge effizient?

          Beispiel Lagerwirtschaft

          „Zu diesem frühen Zeitpunkt fehlen häufig noch die realen Bauteile des Scheinwerfers und zugehörige Werkzeuge“, sagt Pretzlaff. Deswegen nutzt das Team zudem eine Augmented-Reality-Datenbrille, mit der virtuelle Bauteile auf den Arbeitsplatz aus Pappe projiziert und virtuell montiert werden. „Die einzelnen Arbeitsschritte der Montage lassen sich so realitätsnah testen“, sagt Pretzlaff.

          Der Mittelständler Hella, 1899 gegründet, hat ganz offenbar den Weg in die Moderne gefunden. Das Industrieunternehmen ändert durch diese neuartige Fertigung auch die Arbeitswelt in seinen Werken. Das Stichwort dazu lautet „New Work“. Zwar wird der Begriff landläufig assoziiert mit Schreibtisch-Beschäftigten, die etwa die Möglichkeit bekommen, unterwegs oder von zu Hause aus zu arbeiten, mit schicken Bürolandschaften, die geteilte Flächen und Freizeitelemente umfassen, oder mit flexiblen Arbeitszeiten. „New Work“ betrifft aber – jedenfalls wenn es nach Frithjof Bergmann, dem Gründer der Bewegung geht – Arbeitsformen gleichgültig welcher Branche. Bergmann geht es dabei um mehr Sinnstiftung bei der täglichen Arbeit, aber auch um mehr Freiheitsgrade und Selbständigkeit. Dass der Mensch nur als Werkzeug fungiert, einen Arbeitsschritt nach dem anderen am Fließband vollbringt, sei nicht sinnvoll. Die New-Work-Bewegung strebt an, das Arbeitssystem und die Unternehmensstruktur möglichst so anzupassen, dass alle Mitarbeiter im Rahmen der Möglichkeiten mitentscheiden können – und sie vor Gesundheitsgefahren besser geschützt werden. Aber geht das überhaupt in Fabriken?

          Beispiel Lagerwirtschaft: Das Unternehmen Viastore aus Stuttgart entwickelt Logistikzentren mit Virtual-Reality-Brillen (VR-Brillen), damit die Angestellten möglichst gesundheitsschonend arbeiten können. „VR-Brillen sind ein wichtiges Werkzeug, um Entwürfe, die sich noch in der Entwicklungsphase befinden, realistisch erfahrbar zu machen und Schwachstellen zu erkennen“, sagt ein Sprecher. Alle relevanten Informationen werden dazu auf eine VR-Brille übertragen, die 3D-Modelle in eine Realitätswelt umgewandelt. „Ein Schwerpunkt ist die Gestaltung von Kommissionier-Arbeitsplätzen nach ergonomischen Gesichtspunkten“, sagt der Sprecher. Dann würden Fragen berücksichtigt wie: „Haben sie die richtige Höhe? Sind die Greifposition und der Ablegeort der kommissionierten Waren für den Mitarbeiter richtig gewählt?“

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