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Trend zu „New Work“ : Ich mach mir die Arbeitswelt, wie sie mir gefällt

  • -Aktualisiert am

Workshop „Baut eure eigene Fabrik“

Was in Fabriken alles möglich ist, zeigt auch das Beispiel Siemens. Ronny Großjohann und Robert Harms haben eine Fabrik für Gasturbinenbrenner des Dax-Konzerns in Berlin komplett neu geplant, nicht allein, sondern mit Mitarbeitern aus allen Fachbereichen. Herausgekommen ist ein Werk, das weitgehend selbstorganisiert arbeitet. Angefangen hatte es mit einem fünf Tage langen Workshop „Baut eure eigene Fabrik“, an dem jeder der Mitarbeiter teilnehmen konnte.

Robert Harms, der wie Ronny Großjohann mittlerweile als selbständiger Unternehmensberater arbeitet, erzählt: „Mitarbeiter aus allen Fachbereichen und aus allen Hierarchieebenen bildeten Teams zu einzelnen Fragestellungen.“ Dabei ging es etwa darum, Maschinen zu kaufen, das Qualitätsmanagement zu organisieren oder den Produktionsablauf zu definieren. Harms und Großjohann waren anfangs noch unsicher, ob die autonom agierenden Gruppen nicht etwas mehr Kontrolle brauchten. Ihre Zweifel waren aber unbegründet. „Die freien Teams entwickelten sich, Arbeiter vom Band hielten Vorträge, jeder nahm etwas mit“, sagt der Wirtschaftsingenieur Harms. Wollten er und Großjohann alle Projekte anfangs noch in einen Plan zwängen, nahmen sie davon bald Abstand.

Kreativität ist gefragt

Die Ergebnisse konnten sich sehen lassen: „Früher hatte die Entscheidung über den Kauf neuer Vorprodukte zehn Wochen und mehr gedauert, nach der Fertigstellung der Fabrik ging die Bestellung nach zwei Wochen raus“, sagt der 40 Jahre alte Harms. „Zudem entwickelten die Kollegen aus der Fertigung neue Geräte, um die Abläufe in der Produktion zu vereinfachen, und entwarfen ein neues Betriebssystem für die Organisation in der Werkshalle.“ Egal welche Investitionen: Die Budgetvorgabe wurde Großjohann zufolge immer eingehalten. „Menschen beginnen sich erst dann richtig Gedanken zu machen, wenn sie tatsächlich Verantwortung für ihre Entscheidungen tragen“, sagt Großjohann, der gelernter Fabrikplaner ist.

Von Anfang an dabei war auch Dominic Birkholz, gelernter Schweißer und Techniker. Der heute 33-Jährige hatte zunächst in der Brennerfertigung mitgeschweißt, als der Auftrag kam, die komplette Fabrik neu zu erfinden. „Früher war nur Wertschöpfung und Produktivität von uns Mitarbeitern gefragt, nun ist auch unsere Kreativität gefragt“, sagt Birkholz. „In der Vergangenheit wurden die Mitarbeiter kaum angehört, dabei wussten sie am besten, wie ein Produkt oder ein Prozess verbessert werden kann.“ Birkholz sitzt seit der Neuorganisation zusammen mit allen Beschäftigten in einer Halle, ob sie nun im Einkauf arbeiten, im Qualitätsmanagement oder in der Fertigung. „Wir müssen uns keine Mails mehr schreiben, rufen uns kurz zusammen, wenn es etwas zu besprechen gibt“, sagt er.

Nach Meinung von Harms und Großjohann wachsen die früher getrennten Arbeitswelten von Fabrik und Büro zusammen. „Früher gab es Klassenunterschiede, heute kaum noch“, sagt Harms. Mittlerweile rollt Siemens das Modell zunehmend auf andere Fabriken aus. Und am Berliner Standort diskutieren die Mitarbeiter, wie sie noch sinnvoller und selbstbestimmter zusammenarbeiten können. Im Kern geht es gerade darum, wie viele Kennziffern zu den Aktivitäten im Werk wirklich erhoben und an das Management geschickt werden müssen. Harms sagt: „Mehr als 20 Prozent der Arbeitszeit können für die Ermittlung draufgehen.“

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