https://www.faz.net/-gyl-7r7a1

Sommerserie über das Handwerk : Glänzende Aussichten mit goldenen Kickern

„Man baut da doch nur Klos ein“: Viele Jugendliche haben klassischen Ausbildungsberufen gegenüber Vorurteile, die es Handwerksbetrieben schwer machen, Nachwuchs zu finden. Bild: AFP

„Da baut man doch nur Klos ein“: Handwerk hat oft ein schlechtes Image und ein Nachwuchs-Problem. Dabei bietet es oft tolle Perspektiven. Start der „Beruf und Chance“-Sommerserie die zeigt, wo Handarbeit noch goldenen Boden hat.

          6 Min.

          Zugegeben, der Beruf verheißt auf den ersten Blick nicht unbedingt ein prickelndes Image. Und die meisten schauen erst einmal überrascht, wenn sie davon hören, das ein Kälteanlagenbauer gefragt ist. „Der Beruf ist zukunftsträchtig und total unterschätzt“, sagt Alexander Legowski vom Zentralverband des Deutschen Handwerks und skizziert begeistert mögliche Aufgabenfelder, die von Klimaanlagen über Kühlketten, die von der Produktion bis zum Verbraucher reichten. „Denken Sie nur mal an aufgebackene Teiglinge, dass all das zum Verbraucher kommt, daran arbeiten diese Leute mit.“ Dieses abwechslungsreiche Handwerk sei künftig noch stärker gefragt, Stichwort Klimawandel.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Ähnlich enthusiastisch spricht Legowski über Hörgeräteakustiker. Wie alle Gesundheitshandwerke, also auch der Augenoptiker, Zahntechniker Orthopädieschuhmacher und Orthopädiemechaniker, interessieren sich dafür auch Abiturienten, denen der Sinn nach etwas Praktischem steht. „Der Hörgeräteakustiker ist ein Boomberuf, gerade auch für junge Frauen mit Abitur“, erklärt Legowski, durch Einsatz gelangten sie schnell zu Meisterbrief und Filialleitung, vorausgesetzt sie seien offen für kurze Innovationszyklen und zeigten Interesse an Technik und Dienstleistung. Ausbildungseinheiten bietet zum Beispiel ein Campus in Lübeck, „das ist wie eine Fachhochschule aufgebaut, da pilgert ganz Europa hin“. Die Kundschaft für die Akustiker werde jünger - beraten wird bei weitem nicht nur die schwerhörige alte Dame, inzwischen sind musikbeschallte Zwanzigjährige auf Hörgeräte angewiesen.

          Insgesamt 160 Lehrberufe bietet das Handwerk. Aber viele dieser durchaus attraktiven Berufe sind nicht im Fokus der Schulabgänger. „Wir haben eine sehr selektive Berufswahl. Der Informationsstand ist suboptimal, viele Jugendliche haben keine Vorstellung darüber, was es alles gibt“, bedauert Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Reizvolle Aufgaben und spannende Tage vermuteten viele junge Leute nach wie vor in den klassischen Ausbildungsberufen, die sich hartnäckig in den Ranglisten der beliebtesten Lehrstellen halten. Wie überschaubar aber der Stundenlohn eines Friseurs ist und wie wenig zuträglich der Rückengesundheit, darüber machen sich 16-Jährige selten ernsthaft Gedanken. Das Friseurhandwerk hält sich auf Platz drei der Handwerksberufe mit den meisten Auszubildenden. Auf Platz eins steht unangefochten der Kfz-Mechatroniker. Arbeitsmarktexperte Brenke kennt die ernüchternden Zahlen. „Auf die 20 meistgewählten Ausbildungsberufe entfällt mit 48 Prozent die Hälfte aller Auszubildenden.“

          Mal eben eine Harley mit Blattgold überziehen

          Junge Menschen interessieren sich verständlicherweise für jene Berufe, die sie aus ihrem engen Umfeld zu kennen glauben. „Das sind typische Modeberufe, die jeder kennt, und unter denen kann man sich was vorstellen“, beobachtet Brenke. Um sich möglicherweise noch etwas ganz anderes vorstellen zu können, begleiten ambitionierte Lehrer ihre Klassen auf Handwerksmessen, um ihnen neue Möglichkeiten aufzuzeigen. So wie in diesem Jahr auf der internationalen Handwerksmesse in München. „Wir machen viele Angebote für Schulklassen“, sagt Andreas Ritter von der Gesellschaft für Handwerksmessen und verweist auf die rund 1000 Stände. Dort staunen Schüler über eine Harley-Davidson, die in der Werkstatt von Vergoldermeister Christoph Neumeyer in Neustadt an der Donau ein „Luxury Design“ erhalten hat und mit Blattgold veredelt worden ist.

          Born to be gold: Eine Harley wird mit Blattgold zum echten Schmuckstück.

          Die wachsende Mittelschicht in Russland und China strebe nach Individualisierung und stehe vergoldeten Motorrädern, Kickertischen, aber auch Hirschgeweihen aufgeschlossen gegenüber, erläutert Neumeyer und zitiert ein Motto seines Vergolderstands: „Das Handwerk bringt uns überall hin.“ Um zu zeigen, wie abwechslungsreich der Beruf ist, hat der 29 Jahre alte Studienabbrecher zusammen mit seinen vier Angestellten auch einen Tischkicker veredelt, der rasch zum Publikumsmagneten wird. Neumeyer denkt ein Jahr nach der Firmengründung schon über weiteres Personal nach. Einen Vergolder und einen Lackierer hat er auf dem Wunschzettel, allerdings ist der Markt klein. Während seiner Ausbildungszeit waren es bundesweit acht angehende Vergolder, derzeit sei es sogar nur eine Auszubildende. „Zur Not machen wir das selbst“, sagt Neumeyer.

          Mit großformatigen Fotos und ausladendem Modell versucht der Ing.-Holzbau aus Rotenburg an der Wümme zu punkten. Gegründet vor mehr als 100 Jahren als Tischlerei, ist das Unternehmen heute für seine aus Holz gebauten Achterbahnen bekannt, zu sehen unter anderem im Heide-Park Soltau, aber auch in Göteborg oder New Jersey. Das Schreiner- und Tischlerhandwerk gilt als Klassiker unter den Handwerksberufen, die Abiturienten anziehen - manche eignen sich in der verkürzten Lehre Kenntnisse an, die sie später als Architekten oder Möbeldesigner gut brauchen können.

          „Man denkt, die bauen nur Klos ein“

          Nach so viel exotischen Ständen versammeln sich die mehr oder weniger interessierten Schüler um auskunftsfreudige Bäcker, die beim öffentlichen Teigrühren und Schaubacken auch über ihre gewöhnungsbedürftigen Arbeitszeiten informieren, die nicht nur dem Nachwuchs ein diszipliniertes, leicht isoliertes Freizeitverhalten aufdrängen. Dass der ein oder andere junge, an Fast Food gewöhnte Messegast erstaunt beobachtet, dass tatsächlich Mehl in einen Teig geknetet wird, erschüttert da nur am Rande. Schnell weiter zum Stand in Halle C2 , an dem ein Alterssimulationsanzug vorgestellt wird. Kein unorigineller Einfall: Wer mag, kann in den luftigen Anzug steigen, sich Gewichte, seitliche Augenklappen und andere Module umlegen lassen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, mit welchen körperlichen Einschränkungen das Alter seine unschöne Seite zeigt.

          So wie der Rentner aus Rosenheim, der sichtlich stolz auf seine durchtrainierte Figur in den Anzug schlüpft. Der braungebrannte Mann kapituliert verlegen, als er sich plötzlich im Zeitlupenmodus wiederfindet: Die ungewohnte Brille konfrontiert ihn mit Eintrübungen, fehlenden Kontrasten und Tunnelblick. Angeschnallte Armschienen boykottieren die Reichweite, es fällt ihm schwer, etwas vom Boden aufzuklauben. Von wegen rüstiger Rentner. Der Anzug macht alt. Die ausgelassene Stimmung am Stand weicht befremdetem Staunen. Ein Unternehmen aus Kassel bietet den Anzug auch Handwerkern an. Die sollen sich so in ihre ältere Klientel hineinversetzen und zum Beispiel den Badausbau altersgerecht betreiben. Eine Geschäftsidee zum demographischen Wandel. Messe-Mitarbeiter Andreas Ritter hat sich angesehen, wie der Anzug sozusagen Leiden einstellen kann, etwa eine schiefe Hüfte: „Dann erkennt man, wie man einen Autositz oder einen Treppe bauen muss oder aber Duschköpfe anbringen sollte.“

          Gerade unter den umstehenden jungen Messegästen wird der taumelnde Auftritt des Rentners heiß diskutiert. Prompt entspinnen sich Gespräche, dass die Oma daheim die funkelnagelneue Wasserfalldusche nicht zu schätzen wisse, denn die Handhabung fällt ihr schwer. Ein Fall für einen Sanitärexperten. „Der ganze Bereich Wasser, Heizung und Sanitär ist ziemlich komplex. Das ist nicht so einfach. Man denkt, die bauen nur Klos ein“, bringt das der Berliner Ökonom Karl Brenke auf den Punkt. Er nennt noch eine ernüchternde Zahl: „Ein Viertel der Ausbildungsverträge wird vorzeitig aufgehoben, beim Handwerk sind es sogar 32 Prozent.“ Woran liegt das? „Das ist die große Frage. Ich konnte dazu noch keine verlässliche Studie finden.“

          Auch Stefan Raab war mal Metzger

          Der Volkswirt spekuliert über Gründe: Umzüge, unzureichende Beratung, falsche Vorstellung darüber, wie der Beruf aussieht, einfach keine Lust mehr, die Auszubildenden werden nicht richtig motiviert. Der letzte Punkt spiele eine nicht zu unterschätzende Rolle in Regionen, in denen sich deutlich zeigt, dass immer mehr Schulabgänger in die Uni- und Fachhochschulausbildung drängen und Lehrstellen unbesetzt bleiben. „In früheren Jahren konnte man aus dem Vollen schöpfen, mancher hat die Zukunft verschlafen, mittelfristige Personalplanung ist für einige Betriebe ein Fremdwort.“ Das sei bedauerlich, sagt der mit einer Sozialarbeiterin verheiratete Volkswirt. Wo man doch mit Motivation viel erreichen könne. „Da müssten die Meister ein bisschen umdenken.“

          Ganz in Gold mit jeder Menge Spaß: Ein Tischkicker, überzogen mit Blattgold - Edelmetall für Sportler, ganz ohne Olympia-Teilnahme.

          Alexander Legowski findet es „schon dramatisch, dass die Zahl der im Handwerk beschäftigten Azubis erstmals unter 400.000 gefallen ist“. Frühere Vorbehalte gegenüber Bewerbern mit Abitur schwinden, auch, weil es viele aufs Gymnasium zieht, die früher einen guten Realschulabschluss angestrebt hätten. „Abiturienten werden wieder gern genommen, unter anderem, weil sie nicht mehr abspringen, sobald sie einen Studienplatz bekommen“, erklärt Legowski. Das hat offenbar jetzt auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung erkannt und fördert rund 15 regionale Pilotprojekte, um kleine und mittlere Unternehmen dabei zu unterstützen, Studienabbrecher als Fachkräfte zu gewinnen. Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer sekundiert und fordert eine erweiterte Studierendenberatung an den Hochschulen: „Studienaussteiger sollten die Chance ergreifen, bei der Zukunftssicherung des Handwerks eine Führungsrolle zu spielen.“

          An prominenten Handwerkern, die es zu etwas gebracht haben, herrscht kein Mangel. Allerdings sind darunter manche Berufswechsler. So wie Tischler Alex Manninger, Torwart beim Fußball-Bundesligisten FC Augsburg, oder DJ Bobo, Sänger und Konditor. TV-Tausendsassa Stefan Raab ist gelernter Metzger, so wie TV-Koch Stefan Marquard. Er ist stolz darauf, das Fleischerhandwerk erlernt zu haben, und sagt markige Sätze wie: „Das kann einem Jugendlichen, der heute ins Handwerk einsteigt, ein Leben lang niemand mehr nehmen.“ Vor allem, wenn sich dazu offenbar ein gewisses kaufmännisches Geschick oder je nach Temperament auch Talent für Selbstvermarktung gesellt. Für Alexander Legowski vom Zentralverband des Deutschen Handwerks steht jedenfalls fest: „Wer den Beruf wirklich gelernt hat, ihn mag und ein Auge für eine Nische hat, der wird Erfolg haben.“

          Auftakt zur „Beruf und Chance“-Sommerserie

          Im Mittelpunkt der Serie stehen Handwerksberufe, die auch für Abiturienten in Frage kommen, die mit ihrer eigenen Hände Kraft etwas schaffen wollen und die Vorstellung scheuen, einen Acht-Stunden-Tag vor allem an einem Schreibtisch zu verbringen. In der kommenden Woche werden wir mit dem ersten Porträt der Serie starten. Den Beginn macht: Der Schmied.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Christine Lagarde auf der Pressekonferenz in Frankfurt

          EZB-Präsidentin Lagarde : Zinsentscheid mit einem Lächeln

          Die neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, stellt sich erstmals nach einer Ratssitzung der Presse. Den Zinssatz lässt sie unverändert, doch ihr Stil unterscheidet sich deutlich von dem ihres Vorgängers Draghi.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.