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Sommerserie über das Handwerk : Glänzende Aussichten mit goldenen Kickern

Gerade unter den umstehenden jungen Messegästen wird der taumelnde Auftritt des Rentners heiß diskutiert. Prompt entspinnen sich Gespräche, dass die Oma daheim die funkelnagelneue Wasserfalldusche nicht zu schätzen wisse, denn die Handhabung fällt ihr schwer. Ein Fall für einen Sanitärexperten. „Der ganze Bereich Wasser, Heizung und Sanitär ist ziemlich komplex. Das ist nicht so einfach. Man denkt, die bauen nur Klos ein“, bringt das der Berliner Ökonom Karl Brenke auf den Punkt. Er nennt noch eine ernüchternde Zahl: „Ein Viertel der Ausbildungsverträge wird vorzeitig aufgehoben, beim Handwerk sind es sogar 32 Prozent.“ Woran liegt das? „Das ist die große Frage. Ich konnte dazu noch keine verlässliche Studie finden.“

Auch Stefan Raab war mal Metzger

Der Volkswirt spekuliert über Gründe: Umzüge, unzureichende Beratung, falsche Vorstellung darüber, wie der Beruf aussieht, einfach keine Lust mehr, die Auszubildenden werden nicht richtig motiviert. Der letzte Punkt spiele eine nicht zu unterschätzende Rolle in Regionen, in denen sich deutlich zeigt, dass immer mehr Schulabgänger in die Uni- und Fachhochschulausbildung drängen und Lehrstellen unbesetzt bleiben. „In früheren Jahren konnte man aus dem Vollen schöpfen, mancher hat die Zukunft verschlafen, mittelfristige Personalplanung ist für einige Betriebe ein Fremdwort.“ Das sei bedauerlich, sagt der mit einer Sozialarbeiterin verheiratete Volkswirt. Wo man doch mit Motivation viel erreichen könne. „Da müssten die Meister ein bisschen umdenken.“

Ganz in Gold mit jeder Menge Spaß: Ein Tischkicker, überzogen mit Blattgold - Edelmetall für Sportler, ganz ohne Olympia-Teilnahme.

Alexander Legowski findet es „schon dramatisch, dass die Zahl der im Handwerk beschäftigten Azubis erstmals unter 400.000 gefallen ist“. Frühere Vorbehalte gegenüber Bewerbern mit Abitur schwinden, auch, weil es viele aufs Gymnasium zieht, die früher einen guten Realschulabschluss angestrebt hätten. „Abiturienten werden wieder gern genommen, unter anderem, weil sie nicht mehr abspringen, sobald sie einen Studienplatz bekommen“, erklärt Legowski. Das hat offenbar jetzt auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung erkannt und fördert rund 15 regionale Pilotprojekte, um kleine und mittlere Unternehmen dabei zu unterstützen, Studienabbrecher als Fachkräfte zu gewinnen. Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer sekundiert und fordert eine erweiterte Studierendenberatung an den Hochschulen: „Studienaussteiger sollten die Chance ergreifen, bei der Zukunftssicherung des Handwerks eine Führungsrolle zu spielen.“

An prominenten Handwerkern, die es zu etwas gebracht haben, herrscht kein Mangel. Allerdings sind darunter manche Berufswechsler. So wie Tischler Alex Manninger, Torwart beim Fußball-Bundesligisten FC Augsburg, oder DJ Bobo, Sänger und Konditor. TV-Tausendsassa Stefan Raab ist gelernter Metzger, so wie TV-Koch Stefan Marquard. Er ist stolz darauf, das Fleischerhandwerk erlernt zu haben, und sagt markige Sätze wie: „Das kann einem Jugendlichen, der heute ins Handwerk einsteigt, ein Leben lang niemand mehr nehmen.“ Vor allem, wenn sich dazu offenbar ein gewisses kaufmännisches Geschick oder je nach Temperament auch Talent für Selbstvermarktung gesellt. Für Alexander Legowski vom Zentralverband des Deutschen Handwerks steht jedenfalls fest: „Wer den Beruf wirklich gelernt hat, ihn mag und ein Auge für eine Nische hat, der wird Erfolg haben.“

Auftakt zur „Beruf und Chance“-Sommerserie

Im Mittelpunkt der Serie stehen Handwerksberufe, die auch für Abiturienten in Frage kommen, die mit ihrer eigenen Hände Kraft etwas schaffen wollen und die Vorstellung scheuen, einen Acht-Stunden-Tag vor allem an einem Schreibtisch zu verbringen. In der kommenden Woche werden wir mit dem ersten Porträt der Serie starten. Den Beginn macht: Der Schmied.

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