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Gründerberater Andreas Lutz : „Gründer sollten sich nicht zu sehr in eine Idee verlieben“

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Andreas Lutz berät schon seit Jahren Gründer. Er hat bereits mehrere Ratgeber zum Thema verfasst. Bild: Archiv

Unsichere wirtschaftliche Lage, viele Arbeitsplätze - in solch einer Situation sind Gründer zögerlich. Auch die Politik kümmert sich zu wenig, findet Andreas Lutz, Vorstandsvorsitzender des Verbands der Gründer und Selbständigen.

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          Herr Lutz, warum lohnt es sich trotz der guten Lage am Arbeitsmarkt, ein Unternehmen zu gründen?

          Selbständigkeit ermöglicht selbstbestimmtes Arbeiten. Das halte ich für wichtiger als Geld und die konjunkturelle Situation. Viele gründen auch einfach, weil sie schlechte Chefs haben und die Bürokratie in Unternehmen leid sind. Selbständigkeit ermöglicht es, die eigene Kreativität auszuleben. Für Menschen, die eigenständig arbeiten wollen, ist das die richtige Entscheidung. Viele sagen, die Zahl der Gründungsinteressierten würde zurückgehen, aber das stimmt nicht.

          Macht Deutschland es seinen Gründern leicht?

          Nein. Deutschland schafft seine Gründer ab. Sie haben keine Unterstützer in den Regierungsparteien. Einige Entwicklungen belegen das. Zum Beispiel die Abschaffung des Rechtsanspruches auf den Gründungszuschuss Ende 2011. In der Folge haben die Arbeitsagenturen Menschen, die sich selbständig machen wollen, systematisch entmutigt, einen solchen zu beantragen. Noch dazu soll Ende des Jahres 2013 das Gründercoaching für Arbeitslose eingestellt werden, und die Vergabe von Mikrokrediten soll aufhören. Die Beiträge für die Arbeitslosenversicherung haben sich vervierfacht, was zu einer Flucht daraus geführt hat.

          In welchem Land ist das Klima für Selbständige am besten?

          Die Vereinigten Staaten sind ein großes Vorbild. Dort herrscht Optimismus und ein starker Glaube an die Machbarkeit. In Europa ist die Schweiz vorbildlich, da es dort geringe Steuern und wenig bürokratische Hürden gibt.

          Was braucht es für eine erfolgreiche Gründung?

          Zunächst braucht man natürlich eine gute Idee. Wobei die Bedeutung origineller Geschäftsideen überschätzt wird. Die lukrativsten Geschäftsideen sind oft langweilig. Wenn jemand sich als Steuerberater selbständig macht, ist das keine originelle Geschäftsidee, aber zukunftsträchtig. Natürlich sind Rücklagen von Bedeutung, die meisten Gründer brauchen aber keinen Kredit. Wichtig ist die Bereitschaft, Rat anzunehmen. Es gibt da diesen schönen Spruch „Jeder Fehler ist schon mal gemacht worden, nur noch nicht von jedem.“ Der Bedarf an Gründungsberatung ist in Deutschland auch deshalb groß, weil die Regelungsdichte so hoch ist.

          Wie viel Erfahrung ist für eine nachhaltige Gründung nötig?

          Studenten haben oft viel Elan, trotzdem ist das Risiko für diese Gruppe groß. Der durchschnittliche Gründer ist 40 Jahre alt, hat Berufserfahrung, ein solides Netzwerk und die Fähigkeit, andere zu überzeugen. Eine gewisse Lebenserfahrung ist sicherlich von Vorteil.

          Woran scheitern die meisten Gründer?

          Am fehlenden Plan oder an fehlender Flexibilität. Gründer sollten einen Businessplan erarbeiten und dabei auf potentielle Kunden hören, statt sich zu sehr in eine Idee zu verlieben. Sie sollten flexibel genug sein, um dazuzulernen und dazu bereit sein, alles in Frage zu stellen.

          Was raten Sie Menschen, die sich selbständig machen wollen?

          Sich von der zurzeit wenig gründerfreundlichen Politik nicht entmutigen zu lassen und nicht auf negativen Stimmen in den Arbeitsagenturen zu hören. Gründen lohnt sich, aber wir Selbständigen sollten unsere Interessen besser vertreten.

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