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Großbritannien : In der Zwischenwelt des Luxusarbeitsamts

Heiß begehrt: Neue Jobs in London Bild: REUTERS

Die Rezeption vorne am Eingang könnte auch zu einer gediegenen Zahnarztpraxis gehören. Blumen und Zeitungen auf den Beistelltischchen - und eine Menschenschlage vor der Tür. Willkommen bei Penna, dem Luxusarbeitsamt im Herzen des Londoner Bankenviertels.

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          Die Rezeption vorne am Eingang könnte auch zu einer gediegenen Zahnarztpraxis gehören. Ein üppiger Blumenstrauß steht auf dem Tresen, auf dem Beistelltischchen in der Warteecke liegt eine großzügige Auswahl druckfrischer Zeitungen bereit. Willkommen bei Penna, dem Luxusarbeitsamt im Herzen des Londoner Bankenviertels.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Penna ist keine staatliche Behörde, die sehen auch in Großbritannien anders aus. Dieses Arbeitsamt ist börsennotiert, und sein Aktienkurs ist seit dem vergangenen Sommer um mehr als 60 Prozent gestiegen. Nicht trotz der Wirtschaftskrise, sondern wegen ihr. Denn das Unternehmen ist in London der Marktführer für eine Dienstleistung, die im Jargon der Personalabteilungen „Outplacement“ heißt. Das Beratungsunternehmen hilft Angestellten, die ihre Stelle verloren haben, eine neue zu finden. Der bisherige Arbeitgeber bezahlt dafür.

          Ein Fallschirm für die Gekündigten

          Penna ist der Fallschirm, den manche Beschäftigte von ihrem Unternehmen umgeschnallt bekommen, bevor dieses sie abwirft. So würde Elizabeth Arthur das allerdings nicht ausdrücken. Die Niederlassungsleiterin des Unternehmens in der City, dem Finanzviertel der britischen Hauptstadt, spricht lieber vom „Karriere-Übergang“ der Kunden, den Penna begleite. Und die Klienten stehen Schlange. Über das größte europäische Finanzzentrum rollt in der Bankenkrise eine Kündigungswelle nach der nächsten hinweg.

          „Seit dem letzten Frühjahr wächst das Geschäft dramatisch“, erzählt Elizabeth Arthur. Früher war sie „Headhunterin“. Sie durchkämmte im Auftrag von Unternehmen den Arbeitsmarkt nach raren Spezialisten und Führungskräften. Heute macht sie es umgekehrt. Elizabeth Arthur lenkt in ihrer Filiale eine Mannschaft von 80 Beratern. Und wie viele Kundenbesuche verzeichnet die Penna-Niederlassung? „Etwa tausend in der Woche“, sagt sie und senkt dabei die Stimme fast zu einem Flüstern. „Darüber sollten wir nicht hier auf dem Flur reden, das ist demotivierend für die Klienten.“

          Kapazitäten verdoppelt

          Elizabeth Arthur und ihren Kollegen wird die Arbeit so schnell nicht ausgehen. Im Gegenteil. Gerade wurden zwei neue Penna-Standorte in London eingerichtet, um der Nachfrage Herr zu werden. „Damit verdoppeln wir unsere Kapazitäten“, sagt Arthur. Rund zwei Millionen Menschen in Großbritannien sind arbeitslos, so viele wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr. Ökonomen befürchten, dass die Zahl auf mehr als drei Millionen wachsen könnte.

          Im Zentrum der Krise steht die lange Zeit boomende Finanzindustrie der Hauptstadt. Rund 350.000 Beschäftigte zählte die Londoner Finanzbranche im Sommer 2007, als die goldenen Jahre mit dem Platzen der Blase am amerikanischen Immobilienmarkt zu Ende gingen. Knapp zwei Jahre später gibt es kaum eine Großbank in London, die keine Arbeitsplätze gestrichen hat oder noch dabei ist. Ob bei der Royal Bank of Scotland, bei HSBC, bei der Deutschen Bank, bei Lloyds oder Barclays - überall wird gekürzt. Der britische Industrieverband CBI schätzt, dass allein im zweiten Quartal in der britischen Finanzwirtschaft 15 000 Stellen wegfallen werden. Vergangenes Jahr haben insgesamt fast 30 000 Beschäftigte ihr „P45“ bekommen. So nennen es die Briten in Anlehnung an das einschlägige Steuerformular, wenn jemandem die Entlassungspapiere ausgehändigt werden.

          „Die Leute durchlaufen eine emotionale Kurve“

          Wer in Großbritannien seinen Arbeitsplatz verliert, hat vom Staat nicht viel zu erwarten. Maximal 100 Pfund und 95 Pence, umgerechnet knapp 115 Euro - so viel bezahlt die Arbeitslosenversicherung in der Woche. Unabhängig vom früheren Gehalt. Dazu gibt es noch die Abfindung vom bisherigen Arbeitgeber. Entsprechend groß ist der Druck, rasch wieder an ein eigenes Einkommen zu gelangen. Es gibt ehemalige Spitzenverdiener unter den entlassenen Bankern, die in ihrer freien Zeit erst einmal einen mehr als 20.000 Pfund teuren neunmonatigen Vollzeit-Kochkurs absolvieren. Die meisten Betroffenen haben andere Sorgen. „Die Leute durchlaufen eine emotionale Kurve“, erklärt Elizabeth Arthur. „Sehr viele kommen ohne große Hoffnung zu uns.“ Zunächst gehe es deshalb um mentale „Stabilisierung“ und erst dann um die Frage, wie es konkret beruflich weitergeht. Wer will, findet bei Penna Halt im vertrauten Büroalltag. Manche Kunden kommen jeden Morgen, als gingen sie weiter zur Arbeit. Nur, dass es ums Krisenmanagement in eigener Sache geht.

          Penna fängt seine Kunden auf in einer Normalität simulierenden Zwischenwelt, die der Arbeitswelt auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnelt. Die Räume sehen aus wie Großraumbüros mit ihren durch Trennwände abgeteilten Computer-Arbeitsplätzen, an denen die Kunden den Arbeitsmarkt sondieren können. Auch auf den Börsenticker der Nachrichtenagentur Bloomberg müssen die Banker nicht verzichten. Wie früher können sie Kurse und aktuelle Meldungen von den Finanzmärkten abrufen.

          „80 Prozent der Klienten finden eine neue Arbeit“

          Dienstbare Geister recherchieren auf Wunsch Informationen über Branchen und Wirtschaftsregionen. Es gibt ein kleines Studio, in dem vor der Kamera an der Körpersprache beim Vorstellungsgespräch gefeilt wird, und Seminare darüber, wie man es schafft, zum Personalchef durchgestellt zu werden. Die offene Gemeinschaftsküche soll die Leute zum gegenseitigen Kennenlernen und Austausch einladen.

          Zu Penna kommen einfache Angestellte und ehemalige Vorstandsmitglieder. Bis zu 25.000 Pfund kostet der meist dreimonatige Service des Beratungsunternehmens. „80 Prozent der Klienten finden eine neue Arbeit“, sagt Arthur. Manche früheren Angestellten von Großbanken wechseln zu kleinen Brokern, manche machen etwas ganz anderes. Arthur erzählt von dem Banker, Ende vierzig, der sein ganzes Berufsleben über in der Finanz-

          industrie gearbeitet und nun ein Seniorenstift eröffnet hat. „Wir ermutigen die Leute, ungewöhnliche Wechsel nicht von vornherein auszuschließen“, sagt sie. Elizabeth Arthur schaut diskret auf die Armbanduhr. „Haben Sie noch mehr Fragen? Wir müssen leider allmählich zum Ende kommen.“ Es gibt viel zu tun bei Penna.

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          Unser Autor: Bastian Benrath

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