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Grenzen des Homeoffice : Die neue Sehnsucht nach dem Büro

Die Krise hat viele ins Homeoffice gezwungen. Bild: dpa

Das Geschäft läuft, auch von zu Hause aus – das hat sich in der Coronakrise gezeigt. Aber es fehlt an anderen Dingen.

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          Matthias Hilden hat für sein kleines Team eine tägliche halbe Stunde Tratsch eingeführt. Das ist seine Reaktion auf die Entwicklungen seit der Covid-19-Krise. „Unsere Mitarbeiter sitzen derzeit noch alle im Homeoffice“, so beschreibt er die Lage in seinem Team bei der Siemens-Software-Tochtergesellschaft Evosoft GmbH. Früher habe man sich kurz beim Mittagessen oder in der Kaffeeküche ausgetauscht: „Darüber, wie es den Kollegen gerade geht, was privat los ist oder was in den Nachrichten läuft.“

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Seitdem diese zufälligen Treffen wegen der Corona-Pandemie nicht mehr stattfinden, verabredet sich das Team nun jeden Tag für eine halbe Stunde am Nachmittag per Videokonferenz. Egal ob mit oder ohne Chef wird dann über alles Mögliche gesprochen – „bloß nicht über die Arbeit“, wie Hilden sagt.

          Mit seiner täglichen Plauderrunde ist Hilden schon deutlich weiter als viele Manager in Deutschland. Kein Wunder: Hilden ist Personal-Fachmann – Personalleiter bei Evosoft und Regionalleiter Bayern im Bundesverband der Personalmanager (BPM). Chefs, die weniger vom Fach sind, tun sich oft schwerer. Eine anonyme Befragung von rund 1500 Führungskräften, die die Personalberatung Odgers Berndtson in der zweiten Maihälfte durchgeführt hat, zeigt etwa: Mit Blick auf die Arbeit im Homeoffice beschäftigt die Manager insbesondere die Sorge über einen Wegfall der „informellen Kommunikation“, die wichtig für den sozialen Zusammenhalt sei. Will heißen: Der Flurfunk fehlt.

          „Mit Gleichberechtigung noch nicht weit her“

          Nicht nur die Chefs, auch die Mitarbeiter hingen an ihrem Büro, sagt Karl Edlbauer, Geschäftsführer der Stellenbörse Hokify: „Die rasante Umstellung auf Homeoffice hat den Unternehmen dabei geholfen, ganz grundsätzlich die technischen Möglichkeiten für das Arbeiten von zu Hause zu schaffen. Aber ein Großteil der Angestellten möchte wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehren.“ Das zumindest sei das Ergebnis einer Umfrage mit 900 Teilnehmern, die Edlbauer und sein Team im Mai unter ihren Nutzern durchgeführt haben.

          Demnach freuten sich 90 Prozent der Befragten auf die Rückkehr ins Büro. Unter den Jüngeren seien die Sehnsucht nach einer klaren Trennung von Arbeit und Privatleben sowie Probleme, sich zu Hause zu motivieren, ausschlaggebend. „Bei den über 55-Jährigen spielen Isolation und Einsamkeit eine große Rolle“, sagt Edlbauer. Für alle Befragten sei der wichtigste Faktor, sich wieder physisch mit den Kollegen treffen und im Team arbeiten zu können. Interessant sei auch, sagt Edlbauer, dass seine Umfrage Geschlechterklischees bestätigt habe:

          Während Frauen in der Abfrage die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als eines der größten Hindernisse im Homeoffice während des Lockdowns beschrieben hätten, machten sich die Männer vielmehr Gedanken über Gehaltseinbußen durch Kurzarbeit. „Das hat uns vor Augen geführt, dass es mit Gleichberechtigung noch nicht weit her ist“, sagt Edlbauer.

          „Kontrollfanatiker“ in den Führungsetagen

          Die Erkenntnisse überraschen etwas, wurden doch diejenigen, die schon vor der Krise flexibel vom Büro in die Heimarbeit wechseln durften, stets beneidet. Die Vorteile des Homeoffice – alles nur eine Illusion? „Die Arbeit von zu Hause während des Lockdowns war schon eine sehr spezielle Situation. Man konnte sich weder mittags noch abends zum Essen treffen, die Kitas und Schulen waren geschlossen“, sagt Edlbauer.

          Unter anderen Umständen könnte die Beurteilung von Homeoffice-Arbeit also anders aussehen, räumt er ein. So oder so: Der ruckartige Schritt in die Zukunft sei nun nicht mehr so leicht rückgängig zu machen: „Es wird sich eine Mischform einpendeln, die je nach Funktion und Branche unterschiedlich sein wird“, glaubt Edlbauer.

          Das zeigen immer wieder neue Beispiele; das aktuellste ist nur etwa eine Woche alt und stammt von BMW. Geht es nach dem dortigen Betriebsratschef Manfred Schoch, ist die Präsenzpflicht bei dem bayerischen Autohersteller Geschichte. Wie der „Spiegel“ berichtet, sollen die Beschäftigten in Zukunft an mindestens zwei Tagen der Woche nicht mehr im Büro erscheinen müssen, sondern zu Hause oder an einem anderen Ort ihrer Wahl arbeiten dürfen.

          Auf Dauer Mischung aus Präsenzarbeit und Homeoffice?

          Ein „Weckruf“ für die gesamte deutsche Wirtschaft wäre das, sagt Schoch, schließlich bringe das Homeoffice rundum Vorteile, für die Lebensqualität der Menschen wie auch für die Umwelt. Allerdings säßen in den Führungsetagen noch immer zu viele „Kontrollfanatiker, die ihre Mitarbeiter am liebsten direkt vor der eigenen Bürotür haben“, sagt Schoch.

          Auch Personalleiter Matthias Hilden hat in vielen Unternehmen beobachtet: „In der Covid-19-Krise haben die Firmen wahnsinnig schnell ihre Hausaufgaben gemacht. Die Schutzkonzepte stehen, alle sind von zu Hause aus arbeitsfähig, auch die Konzepte für eine stufenweise Rückkehr ins Büro liegen in der Schublade. Diese Themen sind durch.“ Was jetzt kommt, hält er für die größere Baustelle: Noch immer verlören sich viele Chefs im „Klein-Klein“. Da werde organisiert, wer wann abwesend oder anwesend ist, da werde hier über neue Laptops und da über neue Videokonferenz-Programme diskutiert.

          Was fehle, sei „echte Führung auf Distanz“: die Rückkehr aus der Corona-Schockstarre in die inhaltliche Arbeit, neue Projekte starten und alte wiederaufleben lassen. Als Personalmanager sieht Hilden seine Zunft in der Verantwortung: „Wir müssen den Führungskräften die Methoden an die Hand geben, den Schwung zu nutzen und wieder wirklich zu führen – und zwar virtuell.“ Die Chefs müssten lernen, „auf Ergebniskultur umzustellen, in flexiblen Rhythmen zu denken und Verantwortung abzugeben“. Denn zumindest eine Mischung aus Präsenzarbeit und Homeoffice werde nach Corona dauerhaft erhalten bleiben.

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