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Grauer Stellenmarkt : Wie Jobs unter der Hand weggehen

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Auch Blindbewerbungen sind Jäckel willkommen. „Wir bekommen jährlich 15.000 Spontanbewerbungen“, sagt er. „Die werden ausgewertet und liegen sozusagen auf Vorrat. Insgesamt umfasst unsere sogenannte Vormerk-Datei 100.000 Kandidaten. Und wenn eine Stelle frei wird, die wir aus diesem Pool besetzen können, kostet uns das nichts.“

Bei der Deutschen Bank in Frankfurt gehört es sogar zur Personalstrategie des Unternehmens, möglichst ohne Stellenausschreibungen an die Talente zu kommen. Denn hier sind Bewerber begehrt, die man getestet und vorausgewählt hat - ergo: die man schon ganz gut kennt. Dazu pflegt man nicht zuletzt enge Kontakte zu passenden Lehrstühlen. „Die Zusammenarbeit mit den Professoren an unseren Zielhochschulen ist uns sehr wichtig“, sagt Georg Johann Bachmaier, Leiter Nachwuchsrekrutierung für Deutschland und Kontinentaleuropa bei der Deutschen Bank. „Wir haben ein ausgeklügeltes Zielhochschulenkonzept. Bei uns ist es sogar so, dass sich jedes Mitglied des Vorstands speziell um eine Universität oder Business School kümmert.“ Auch zu Messen oder Veranstaltungen in Hochschulen werden Führungskräfte geschickt. „Je mehr Business am Campus, desto besser“, sagt Bachmaier. „Die Manager gehen also möglichst selbst in die Hochschulen, damit sich die Studierenden ein praxisnahes Bild von den jeweiligen Abteilungen machen können.“

Übers Praktikum in den Job

Geeignete und interessierte Kandidaten geraten so schon früh ins Visier von Deutschlands größter Bank. Das hat ganz klar Folgen für die Einstellungspolitik. Ein Drittel der jährlich weltweit 1.000 und deutschlandweit 200 Trainees haben zuvor bereits ein sogenanntes Summer Internship bei der Bank absolviert. Wer für dieses anspruchsvolle „Edelpraktikum“ zugelassen wurde, arbeitet mindestens acht Wochen in den jeweiligen Geschäftsbereichen und erhält eine enge Betreuung durch das Management. Am Schluss findet ein Assessment- Center statt. Wer das besteht, hat den Traineevertrag für das nächste Jahr bereits in der Tasche. Und das - wohlgemerkt - ein Jahr VOR dem Studienabschluss.

Die Deutsche Bank bietet auch „normale“ Praktika an - ebenfalls mit eingebautem Einstiegstreppchen ins Unternehmen. Die besten dieser Praktikanten werden in ein Studentenbindungsprogramm aufgenommen. „Und aus diesem Bindungsprogramm kommt wiederum ein Drittel unserer Trainees“, sagt Bachmaier. Nur ein Drittel vom Einstellungskuchen bleibt dann noch übrig für Bewerber „frisch vom Markt“.

Nachwuchs-Rekrutierung ist Praktikanten-Rekrutierung, so lautet also die Formel, die den derzeitigen Trend in sehr vielen Unternehmen beschreibt. So läuft es zum Beispiel auch bei Porsche. Die Quote der alten Hasen unter den neuen Mitarbeitern ist beim Stuttgarter Autobauer noch deutlich höher. „Wir stellen pro Jahr 80 bis 100 Absolventen ein“, sagt Martin Meyer, Leiter Personalmarketing bei der Porsche AG. „Etwa 80 Prozent von ihnen sind uns dann schon gut bekannt, weil sie ein Praktikum bei Porsche gemacht haben und vielleicht sogar ihre Diplomarbeit hier geschrieben haben.“

Wettbewerb beginnt während des Studiums

Der Wettbewerb um die begehrten Arbeitsplätze findet in und nicht nach der Studienzeit statt. Eine zuvor per Praktikum gezogene Eintrittskarte ist schon fast die Bedingung, um an dem Rennen um die begehrte Festanstellung überhaupt teilnehmen zu können. Meyer sagt, dass etwa jede zehnte Bewerbung um ein Porsche-Praktikum Erfolg hat. „Für Praktika im Event-Marketing gibt es allerdings weit mehr Bewerber als für Praktika in der Fahrwerksentwicklung.“

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