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„Gorch Fock“ wird 50 : „Ein Segelschiff ist das optimale Ausbildungsmittel“

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Übung in Kiel: Nächste Woche beginnt die nächste Ausbildungsfahrt Bild: AP

Deckschrubben, Navigation, Hängematten aufrollen und Segelmanöver stehen auf der Tagesordnung: Auf der „Gorch Fock“ wurden 14.000 Offiziere und Unteroffiziere ausgebildet. Vor 50 Jahren lief das Segelschulschiff vom Stapel.

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          Ihre weißen Segel ragen hoch in den blauen Himmel. Kraftvoll und geradezu majestätisch gleitet die „Gorch Fock“ über die Ostsee. Von Altersschwäche keine Spur. Vor 50 Jahren, am 23. August 1958, lief das Segelschulschiff der Marine in der Werft von Blohm & Voss in Hamburg vom Stapel. „Seitdem legte sie knapp 700.000 Seemeilen zurück, was rund 32 Erdumrundungen entspricht“, sagt der Kommandant, Kapitän zur See Norbert Schatz. Etwa 14.000 Offiziere und Unteroffiziere wurden bislang auf ihr ausgebildet.

          Seine kleine Geburtstagstour startete der Dreimaster im Juni während der Kieler Woche. Weitere Stationen waren die Hanse-Sail in Rostock und die Flensburg Nautics. Geplant ist zudem eine Visite im Hamburger Hafen Anfang September. „Wir haben unseren Geburtstag verlängert und feiern von Juni bis September“, erklärt der zwölfte Kommandant. Wo immer ihre Segel am Horizont auftauchen, werde die „Gorch Fock“ freudig empfangen. „Wir werden nicht als Kriegsschiff, sondern als Friedensbotschafterin wahrgenommen.“

          Dabei stießen die Pläne des Verteidigungsministeriums, ein neues Segelschulschiff zu bauen, anfangs auf Kritik. Zu deutlich war vielen noch die Katastrophe der „Pamir“ vor Augen, die im August 1957 in einen Hurrikan geriet: 80 der 86 Besatzungsmitglieder, darunter viele jugendliche Kadetten, kamen ums Leben. „Die Konstruktionspläne der gerade im Bau befindlichen „Gorch Fock“ wurden unter dem Eindruck der Katastrophe noch überarbeitet“, sagt Schatz.

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          „Gorch Fock“ wird 50 : „Ein Segelschiff ist das optimale Ausbildungsmittel“

          Mut, Selbstbewusstsein und Unterordnung

          Noch heute zählt die 89 Meter lange Bark zu den schnellsten und sichersten Schiffen ihrer Klasse. Wie vor 50 Jahren steht nach wie vor Deckschrubben, Navigation, Hängematten aufrollen und Segelmanöver auf der Tagesordnung. „Ein Segelschiff ist das optimale
          Ausbildungsmittel“, erklärt der 51-jährige Kapitän. Die ungewohnte Enge, der fehlende Komfort und die teils raue Seefahrt förderten Mut, Kameradschaft, Rücksichtnahme, Selbstbewusstsein und Unterordnung(Ausbildung zum Marineoffizier: ein faszinierender, aber harter Beruf).

          „Das Segeln, wie wir es hier betreiben, funktioniert schon seit hunderten von Jahren, das ist das Faszinierende“, sagt Toppgast Marco Senftleben, während er das Unterbesansegel hafenfein packt. Hier gehe es wesentlich elementarer zu, als auf anderen Schiffen. Teamgeist sei dabei unerlässlich“, sagt der braungebrannte 23-Jährige. „Die gemeinsame Arbeit auf engstem Raum schweißt zusammen, hier lernt man Toleranz.“

          Mit der fehlenden Privatsphäre müssten viele erstmal klarkommen, sagt Kommandant Schatz. Daran gewöhnten sie sich aber ebenso wie an die anfängliche Seekrankheit. „Schlimmstenfalls kotzen sie ein paar Tage, und dann ist das auch vorbei.“ Tatsächlich bleibt der Crew und den Kadetten wenig Platz zum Leben. Etwa 30 Mann schlafen auf zwölf Quadratmetern in Hängematten neben- und übereinander. Und selbst die Kojen der Frauen sind nur mit einem Vorhang abgetrennt.

          Fünf Frauen, 80 Männer

          Derzeit gehören fünf Frauen zur 85-köpfigen Stammbelegschaft. Eine von ihnen ist Sandra Raabe aus Mecklenburg-Vorpommern. Konzentriert blickt die 23-Jährige auf das Radargerät. „Hier sehen wir, ob uns Schiffe oder auch Eisberge im Weg stehen - das hier ist das U-Boot neben uns“, erklärt die blonde Nautikerin und zeigt auf einen weißen Fleck auf dem Bildschirm. Trotz modernster Technik gehöre aber auch die traditionelle Papierkarte zur Ausstattung. „Man weiß ja nie was passiert.“ Ab und zu hört sie noch immer Sprüche von Leuten, die sich nicht an die Frauen an Bord gewöhnen könnten. „Sowas ignoriere ich dann einfach.“

          Die „Gorch Fock“ ist nicht nur Ausbildungsschiff, sondern auch weltweiter Repräsentant der deutschen Marine. „Das Schiff ist ein diplomatischer Eisbrecher“, sagt der Kommandant. „Nach Ende des Zweiten Weltkrieges waren wir zum Beispiel die ersten deutschen Soldaten, die israelischen Boden in Uniform betreten haben.“ Bislang steuerte das Segelschiff mehr als 350 Häfen in 58 Ländern an. Noch viele sollen folgen. „Mein persönlicher Traum ist es, mit der „Gorch Fock“ Kap Hoorn zu umrunden“, sagt Schatz. Dafür bleibt genug Zeit: Die Marine will das Schiff noch mindestens 25 Jahre im Dienst halten.

          Senftleben dagegen verlässt Mitte August nach dreieinhalb Jahren die „Gorch Fock“, um ein Studium zu beginnen. Die Kameradschaft an Bord, die gemeinsamen Touren in den Häfen weltweit, die Sonnenauf- und -untergänge in der Takelage und „die alte Lady selbst“ werde er vermissen, sagt der Cuxhavener. Auch wenn er sich mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschiede, eine Sache sei sicher: „Ich kam als Junge und gehe als Mann.“

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